Der Tanz mit dem Klavier

Bettina Schulte

Von Bettina Schulte

Di, 26. März 2013

Theater

Gertrude Stein und kein Ende: Eva Weißmann zeigt ihr jüngstes Solo "Zement zwischen den Tasten" im Freiburger E-Werk.

Das ist jetzt schon ein Lebenswerk. Die überwiegend in Freiburg lebende Tänzerin Eva Weißmann setzt sich seit vielen Jahren auf ihre sehr eigene Art mit dem Werk der literarischen Avantgardistin Gertrude Stein auseinander – eine Annäherung nicht in erster Linie über den Intellekt, sonder über den Körper. In ihrer jüngsten Performance, die jetzt im E-Werk Premiere hatte, kommt ein weiterer Körper dazu: ein Klangkörper. Mitten auf der Kammerbühne steht ein schwarz glänzendes Klavier mit geschlossenem Deckel und einer roten Fußmatte unter den Pedalen. Das Klavier ist – man muss es so sagen – der unbewegliche, aber dafür potenziell Töne erzeugende Partner der Tänzerin, die, in einen eleganten schwarzen fließenden Anzug gekleidet, sich auch gut als Pianistin machen würde.

Doch Eva Weißmann nähert sich dem schwarzen Kasten in dem ansonsten leeren Kubus – der durch eine raffinierte Lichtregie zum sehr variablen Wahrnehmungsort wird – auf leisen Sohlen und mit ausgreifender Gestik. Sie rezitiert gelegentlich Bruchstücke, Sätze aus Gertrude Steins Porträt "Ortega and One Dancing", wodurch die Sprache parallel zu ihren Bewegungen nicht nur in einen bestimmten Rhythmus gerät, sondern gewissermaßen selbst einen Körper gewinnt. Weißmanns Solo "Zement zwischen den Tasten" lebt vom Zusammenspiel von Tanz, Text und Musik – wobei Musik hier zunächst ein Euphemismus ist: In einer ersten Begegnung mit den Tasten mutet Weißmann dem Zuschauer eine serielle Reihung von vier minimalistisch verschobenen Tönen zu: Ein-Tönigkeit im buchstäblichen Sinn.

Aus der Kombination der drei Modi ergeben sich immer wieder überraschende Momente. Man darf davon ausgehen, dass der Satz: "Sie spielte Klavier und tat zugleich Zement zwischen die Tasten" so etwas wie ein Leitmotiv der Performance darstellt. Etwas an sich Unmögliches, einander Ausschließendes doch zusammenzudenken: Das kann nur in der sich einer zweckrationalen Logik entziehenden Kunst geschehen. Und so ist das Klavier einerseits ein sperriger, schwerer Kasten, ein monolithischer Block, an dem jede Bewegung des Körpers zerschellt. Andererseits schlummert in ihm ein Kosmos aus flirrenden, schwebenden, wuchtigen Tönen – und man wartet, je länger der einstündige Abend dauert umso drängender, darauf, dass die Tänzerin in ihn hineintritt und ihn entfaltet.

Und sie erfüllt den Wunsch nach Hörbarem schließlich: Kurz werden Stücke von James Tenney ("August Harp") und Eric Satie ("Obstacles Vénimeux") angespielt. Der Rest ist Stille – die Eva Weißmann Raum gibt für unspektakuläre Bewegungsfolgen: ein hochgereckter Arm, ein Hüpfer, ein Fußzucken; angedeutetes Rückwärtslaufen, kurze Drehungen, schnell wieder abgebrochene Kontaktaufnahme mit dem Boden. Ein reduziertes tänzerisches Vokabular, das Luft lässt für Dinge, die aus dem Nichts entstehen. Ein Abend, der gerade deshalb keine Sekunde langweilig ist.