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23. Januar 2012 09:00 Uhr

Dort, wo man Bücher verbrennt...

Fabrice Bollons und Frank Hilbrichs Freiburger "Lohengrin"

Der Schwan, ja – der Schwan. Er wird Tagesgespräch sein im Städtele, denn er ist echt. Ein lebendiges Tier auf der Bühne – "wir lieben Opern mit Tieren", hätte Loriot sicher gesagt.

  1. Als Heilsbringer verehrt: Lohengrin (Christian Voigt) Foto: Maurice Korbel

Das Tier freilich hat da seinen Auftritt, wo man ihn nicht erwartet, zu Beginn des dritten Aufzugs. Zum Triolen-umdonnerten Vorspiel huldigen ihm die Edlen von Sachsen und Brabant und legen ihm Eier ins Nest. Seinen ersten – Textbuch-konformen Auftritt hatte er mittelbar. Fliegend. Aber in Buchform. Vom Bühnenhimmel aus stürzt er auf zwei aufgeschlagenen Panoramaseiten hinunter – unästhetisch, aber ganz unkitschig. "Das kommt davon", hätte Heinrich Manns Diederich Heßling wohl bemerkt, hätte er dieser "Lohengrin"-Aufführung beigewohnt...

Siegt die Hoffnung –
oder der Zweifel?

Das Buch, nein – die Bücher. Der Vorhang hebt sich nach einem in lichtestem A-Dur ganz weich hingetupften Vorspiel, und statt am Ufer der Schelde befinden wir uns in einer gigantischen Bibliothek. Ein bibliophiles Labyrinth, das aber bei genauem Hinsehen eher "bibliophob" wirkt. Denn was Regisseur Frank Hilbrich und Bühnenbildner Stefan Heyne sich da als Ausgangssituation für ihren Freiburger "Lohengrin" ausgedacht haben, ist von einer geradezu hinreißend perfiden Dialektik. Eine Welt, die inmitten ihres gesammelten Wissens ergraut und erstarrt ist: Da prallen ernüchternd-ernüchterte Realität und die Sehnsucht nach Heilsbringern kompromisslos aufeinander, womit der Abend von Anfang an näher an Richard Wagner ist, als die Optik vermuten lässt. Wollte doch der Komponist mit seiner Romantischen Oper nichts anderes, als zum Kern der menschlichen Sehnsüchte vordringen. Und der Gesellschaft, will man das Stück politisch interpretieren, einen Spiegel vorhalten.

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Der Spiegel, nein – die Scherben. Die ätherisch schwingenden Flageolets der Streicher – und Fabrice Bollon und das Philharmonische Orchester breiten sie wie einen fein gewobenen Teppich aus – haben den Raum erst wenige Sekunden erfüllt, da zeichnen sich ein paar zaghafte, dünne weiße Striche auf der tiefschwarzen Bühne ab. Kritzeleien der Hoffnung? Oder des Zweifels? Beide Momente beherrschen die Dramaturgie des "Lohengrin", und es gehört zu den Stärken dieses außergewöhnlichen Opernabends, dass der Zuschauer bis zum Ende mitfiebern darf, welches Prinzip die Oberhand behält. Die weißen Striche sind Lichtreflexe von Spiegelteilen – Scherben, inmitten derer die Konturen der Titelfigur sichtbar werden. Was für ein Symbol: zerbrochene Reinheit, Reflexion, vielleicht auch Eitelkeit, Dämonie. Elsas Brautkleid ist ein Mosaik aus Spiegelteilchen, und im Brautgemach des dritten Akts wird ein drehbarer ovaler Nachttischspiegel zum Spannungsgenerator. Lohengrins Frageverbot zerbricht im Spiegel seiner von Zweifeln infiltrierten Frau...

Was für ein Abend! Im Wissen, es mit einer "Ikone des Kitsches" (Nike Wagner) zu tun zu haben, die überdies kontaminiert ist mit nationalem Chauvinismus, haben die Regisseure "Lohengrin" immer wieder zu desillusionieren versucht. Auch bei Frank Hilbrich, dem Regisseur des veritablen Freiburger "Rings", sieht es so aus, als kehre er die Vorzeichen um: Telramund und Ortrud gut, Lohengrin ein selbst ernannter Heilsbringer. Doch halt – die Gesellschaft ist’s, die ihn fehldeutet. Sie kniet vor ihm nieder, sie ahmt ihn gedankenlos nach. Die paar Bücher, die der Titelheld nach seinem Auftritt eher übermütig beiseite wirft, genügen für ein Fanal: Die Bibliothek wird zerstört, hinter den Bücherwänden kommen Burgzinnen zum Vorschein. Und dann die Vernichtung. Heines schreckliche Erkenntnis, der Bücherverbrennung folge die von Menschen, unterstreicht das Ende, eine Art Massensuizid. Nur einer überlebt, nämlich der, der gehen muss: Lohengrin, "vernichtet in seiner Einsamkeit"...

Richard Wagner wollte damit die Tragödie des "absoluten Künstlers" beschreiben. Dass er diesem eine seiner schwersten Tenorpartien zudachte, war da nur konsequent. In Freiburg zeigt Christian Voigt, wie ein genuin lyrischer Tenor damit reüssieren kann, ohne den großen heldischen Apparat: Mit kluger, hochmusikalischer Gestaltung der Phrasen, technischer Überlegenheit bleibt er bei vielen Engstellen der Passage (des Übergangs von der mittleren zur oberen Lage) Sieger, und das alles bei einem großen Reichtum an Obertönen. Auch Christina Vasileva ist eine überzeugende, kraftvoll tremolierende Elsa, wenngleich sie manche Spitzen zu sehr von unten ansteuert. Voll vokaler Dämonie, mit kontrollierter Schärfe und exzellenter Diktion: Sigrund Schells Ortrud. Neal Schwantes ist ihr mit seinem durchschlagenden, metallischen Bariton ein würdiger Partner als Telramund.

Den König Heinrich inszeniert Frank Hilbrich augenzwinkernd als bundespräsidialen Grüß-August und dichtet ihm eine blonde (stumme) Gattin (Vera Stöckle) hinzu. Sie heißt indes Mathilde und nicht Bettina... Jin Seok Lee schenkt dem Monarchen stimmliche Potenz, gepaart mit im Verlauf des Abends immer besserer Phrasierung. Juan Orozco macht als Heerrufer nicht ganz die stimmgewaltige Figur, die man von ihm gewohnt ist; zudem ist sein Deutsch verbesserungsfähig. Gute Harmonie ist von den brabantischen Edlen und Brautjungfern zu berichten, allesamt Studierende der Freiburger Musikhochschule. Vor allem aber auch vom stimmgewaltigen, homogenen Chor, dem Bernhard Moncado für diese Ensemble-intensive Oper eine überaus kraftvolle Gestalt verliehen hat.

Und damit noch einmal zu Fabrice Bollon und dem Philharmonischen Orchester: Beide bringen an diesem Abend Höchstleistungen. Bollons sängerfreundliches Dirigat ist von großer Eleganz und Präzision, bemerkenswert in den Kontrasten zwischen Martialik und mysteriöser Hintergründigkeit, wie in der großartigen Szene Ortrud-Telramund im zweiten Akt. Das Orchester zeigt sich in allen Momenten von hoher Flexibilität und klanglicher Dichte, dass man fast vergisst, wie knapp man in Freiburg (schon aus Gründen der Orchestergrabengröße) dieses Werk besetzen muss. Der Lohn für all das am Ende: höchster Jubel. Nur der treue Untertan Diederich Heßling hätte wohl ein gewisses Unbehagen empfunden...
– Weitere Aufführungen: 26. 1., 3., und 16. 2., 3. und 10. 3. Tel. 0761/4968888

Autor: Alexander Dick