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28. November 2008 16:54 Uhr

Theater: Sebastian Nüblings Stück Mütter.Väter.Kinder

Familienforschung auf der Bühne

Die Mutter kann nicht mit der zickigen Tochter, der Vater will, dass der Sohn in seine Fußstapfen tritt: Familienkonflikte gibt es überall. In Sebastian Nüblings neuem Theaterstück an der Freiburger Bühne aber geht es darum, was Mutter, Vater, Kind zusammenhält.

Familie hat nicht jeder – aber aus einer Familie kommt jeder. Vater, Mutter, Geschwister vielleicht. Ursprungsfamilie heißt das – und nach den ganz alltäglichen Freud- und Leiderfahrung hat sich auch jeder schon gefragt: Woraus besteht eigentlich der Klebstoff, der die Familie zusammenhält? Dieser Frage geht Regisseur Sebastian Nübling am Theater Freiburg nach. Zum zweiten Mal bereits betreibt er Familienforschung auf der Bühne – nach "Mutter (Vater.Kind)" hatte jetzt die Fortsetzung "Mütter.Väter.Kinder" Premiere. Und der Titel verrät es schon: Die Familie ist größer geworden.

Aus einer Mutter, einem Vater und einem Kind sind drei Familien, sind elf Menschen geworden, auch Nübling, seine Frau und zwei seiner Kinder spielen mit. Die Fragestellung des vielfach ausgezeichneten Schauspielregisseurs aber ist geblieben: Woraus besteht der Klebstoff, der die Familie zusammenhält?

Rituale und Konflikte

Worte allein können es nicht sein – Nübling und seine Mitstreiter im Alter zwischen vier und 69 Jahren kommen fast ohne sie aus – und entwickeln ihre niveauvoll-unterhaltsame, ihre ungeheuer leichtfüßige Revue in nur 75 Minuten. Ihre Ausdrucksmittel auf der nur mit Tischen und Stühlen bestückten Bühne des Kleinen Hauses sind Mimik, Gestik und Bewegung. Das Stück ist eine Koproduktion von pvc Tanz Freiburg Heidelberg und dem Theater Hebbel am Ufer Berlin. Was der Zuschauer hier zu Gesicht bekommt, ist nicht ein Stück aus einem Guss, es sind Dutzende Episoden und Situationen, wie sie jeder aus seinem eigenen Umfeld kennt.

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Familie, stellt Nübling etwa fest, bedeutet Zeit miteinander verbringen: Seine Familienforschung hat einen empirischen Ansatz – er zeigt, wie man miteinander spielt, gemeinsam Sport treibt, ein Lied zusammen singt, Geburtstage im großen Kreis feiert. Rituale also – und die Konflikte, die daraus entstehen. Denn freilich machen die Männer aus vielem gleich einen Wettbewerb: Wer tritt wohl schneller in die Pedale des Trimmrads – Sebastian Nübling oder sein Sohn Max? Klar muss Max-Otto Wittershagen seine Überlegenheit beim Tischtennis erst einmal dadurch demonstrieren, dass er seinem Sohn Lars die Bälle um die Ohren schmettert.

Aber sind die Frauen wirklich anders? Alice Gartenschläger und ihre Mutter Christiane konkurrieren im Tanz miteinander. Die eine schiebt ihren Körper vor den der anderen – jede muss permanent die Zähne zusammenbeißen, ein Lächeln versuchen, um ihren Platz kämpfen. Das gilt auch für die Beziehung zwischen Vater und Tochter: Gleichmütig rückt Rainer Gartenschläger die Schachfiguren auf dem Brett hin- und her. Die Verrenkungen, die seine Tochter vor ihm macht, um seine Aufmerksamkeit zu erregen, lassen ihn erst einmal kalt.

Ballett mit bunten Luftballons

Und wie ist es mit den pubertierenden Kindern? Lange Zeit hat Terese Nübling eine passive Rolle. Doch im Ballett mit den bunten Luftballons positioniert sie sich – zart und schließlich doch fast so eruptiv und kraftvoll wie ihr jüngerer Bruder Max, der mit seinen Sticks auch schon mal Tassen und Teller zerschlagen darf. Da müssen die Eltern fix sei, die Ordnung wiederherzustellen... Der vierjährige Yoel Schneider kann sich noch auf seine schiere Präsenz verlassen: Seine Eltern Alice Gartenschläger und Tom Schneider schneiden Grimassen, um ein kostbares Kinderlächeln zu erhaschen.

Spielfreude und Tempo haben die Zeit vergessen lassen – bis alle innehalten und Schauspieler, Tänzer und Musiker behutsam und innig die schon von Elvis Presley mit so viel Schmelz vorgetragenen Liedzeilen "…you are always on my mind…" auf der Bühne anstimmen. Wir hätten es uns denken können: Liebe ist der Klebstoff – in seinen Ausprägungen auch Respekt, Gelassenheit und Humor. Damit der Abend nicht zu besinnlich wird, gibt’s nach Elvis noch eine Wasserschlacht. Ein herrlicher Familienabend!

– Weitere Aufführungen: 6., 11., 28. Dezember, Theater Freiburg, Kleines Haus.

Autor: Heidi Ossenberg