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21. Mai 2013 09:37 Uhr

Theater Freiburg

"Gottes kleiner Krieger": Mephisto in Bollywood

Am Theater Freiburg ist das Musical "Gottes kleiner Krieger" uraufgeführt worden. Als Nummernrevue a la Bollywood funktioniert das Stück, dem Thema Extremismus wird es aber nicht immer gerecht.

  1. Unerbittlicher Geist vor Traumkulisse: Ben Daniel Jöhnk als Zia in „Gottes kleiner Krieger“ Foto: Maurice Korbel

Prachtvolle Paläste, imposante Naturkulissen und malerische Armut: Das sind die klassischen Kulissen, vor denen der Bollywoodfilm den ewigen Familienkonflikt zwischen verschmähter und gewährter Vater-, Mutter und Geliebtenliebe in sämtlichen Variationen von gekränkter Ehre, Rache, Wiedergutmachung und Versöhnung durchdekliniert, aufgepeppt mit musikalischen Großtanzszenen. Warum dem Theaterpublikum statt gewohntem Operettenpomp nicht auch mal so eine indische Megarevue servieren? Die als Bollywood-Musical angekündigte Inszenierung "Gottes kleiner Krieger", die am Samstag im Großen Haus des Theater Freiburg Premiere hatte, weckte durchaus Neugier, was das Regieteam Viola Hasselberg und Jarg Pataki ihrem Publikum da für ein Wunderpaket schnüren würde. Und gerade was die Verpackung angeht, wurde das Premierenpublikum nicht enttäuscht. In den Revue-Elementen funktionierte das Musical ganz prächtig.

Das liegt zum einen an der Musik. Die Combo um Ravi Srinivasan und Thomas Seher gibt dem Bewegungschor in seinen Choreographien ordentlich Dampf auf den Kessel. Srinivasan und Opernsängerin Lini Gong wissen dazu auch den romantischen Szenen den nötigen vokalen Schmelz und Glamour zu verleihen. Faszinierend ist ebenfalls die Präzision, mit der Aakash Odedra der Hauptperson des Gotteskriegers ein tanzendes Alter Ego beigesellt. Zusammen mit Subhash Viman Gorania hat der britisch-indische Choreograph den Bewegungschor soweit auf Bollywood getrimmt, das das Auge über die immerhin vier Stunden lange Aufführung ebenso gut unterhalten wird wie das Ohr von Sehers und Srinivasans eingängigen Kompositionen.

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Simeon Meiers Bühnenbild bildet mit zwei kargen Verschlägen und einer scherenschnittartig ausgeleuchteten Hintergrundkulisse die kongeniale Ergänzung. Als Projektionsfläche für Videoeinspielungen dienen mal geschickt gewendete Demonstrationsschilder, mal die weißen Kostüme der Tänzer. Das hat alles einen so schlichten, handgemacht anmutenden Charme, dass das visuell-akustische Schleifchen um die Inszenierung allein genügend bezaubert, um den Theaterbesuch zu lohnen.

Beim Inhalt ist das Urteil weniger einfach. Das hübsche Schleifchen ist nämlich nicht um irgendeine Herz-Schmerz-Posse gebunden, sondern um das Thema Extremismus. Gottes kleiner Krieger Zia Khan (Ben Daniel Jöhnk) ist so etwas wie ein ins Faustische gewendeter Mephisto, ein unerbittlicher Geist, der seine Überzeugungen stets so bedingungslos bejaht, dass er dafür buchstäblich über Leichen geht.

Starker Tobak für eine Nummernrevue

Ähnlich wie bei Faust letztlich nur das Streben bleibt, bleibt bei Zia nur die totalitäre Unterwerfung unter das jeweils gewählte Glaubensprinzip. Das Prinzip kann wechseln. Ob Zia in England im Namen Allahs Salman Rushdie töten will, als Mudschaheddin in Afghanistan eine Schule vernichtet, als fundamentalchristlicher Abtreibungsgegner eine Klinik hochjagt, aus verletztem Ehrgefühl den Bruder zu töten versucht oder als spirituell befreiter Waffenhändler den religiösen Kapitalismus ins Extrem treibt – immer läuft es auf die Auslöschung des Anderen im Namen der eigenen Lehre hinaus. Harter Tobak für eine Nummernrevue.

Problematisch bei der Wahl dieser Erzählform ist vor allem die damit verbundene Rückführung aller politisch-weltanschaulichen Konflikte auf das Familiendrama des zurückgewiesenen Kindes. Dass die Romanvorlage von Kiran Nagarkar etwas komplexer angelegt sein mag, blitzt immer mal wieder durch, etwa wenn Zia Pillen gegen Panikattacken schlucken muss, sobald er sich mal wieder auf Vernichtungsfeldzug befindet. Oder wenn die Tante (von Johanna Eiworth seltsam schrill angelegt) Zia als Kind (beeindruckende Kinderdarstellung von Laurence Fischer) den Vater als Teufel und den Koran als Ausweg einredet, gleichzeitig aber einen Fernsehstar mehr als alles andere verehrt. Aber schon kommt die nächste Revuenummer und mit ihr die gute Laune. Da das Regieteam zusätzlich viel von der 700-seitigen Romanvorlage mitnehmen möchte, müssen die Schauspieler immer wieder vortreten und erzählen, was so alles seit dem vorigen szenischen Tableau passiert ist.

Der so entstehende Bilderbuchstil ließe sich womöglich sogar in ein interessantes Spannungsfeld zum Extremismusthema bringen, aber in der Melange aus familiärer Verstrickung, religiöser Verblendung, kapitalistischer Rücksichtslosigkeit und Musicalstimmung wird alles doch eher zu einem schmackhaften Unterhaltungsdessert angerührt. So bleibt am Ende das irritierende Gefühl, mit klebrigem Familienkleister und religiösen Fanatikern einen vergnüglichen Abend verbracht zu haben.
– Nächste Vorstellungen: 23. Mai; 2.,19. Juni. Tickets Tel. 0761/496 888.

Autor: Jürgen Reuß