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23. November 2010
Jugendtheater
"Sex": Das Leben ist kein Pornofilm
Mädchen und Jungs machen sich im Freiburger Theater getrennt nach Geschlechtern unterschiedliche Gedanken über "Sex". Denn so heißt ihr Stück.
Jugendliche machen ein Theaterstück über Sex? Ganz schön mutig! – Doch was die Schüler und Studenten im Alter von 15 bis 21 Jahren jetzt mit "Sex" auf die Bühne des Freiburger Werkraums bringen, ist so herzerfrischend lustig, frech und offen, dass kein Raum bleibt für eventuelle Verklemmtheiten. Dabei geht es hier nicht nur um den Druck in der Hose, sondern auch um den im Herzen. Weil Mädchen und Jungs zum Thema Lust, Scham und Sehnsucht ganz Unterschiedliches zu sagen haben, erarbeiteten die Projektleiter Margarethe Mehring-Fuchs und Stephan Laur in zwei Gruppen zwei unabhängige Theaterstücke, die auch die Jugendlichen selbst erst kurz vor der Premiere gegenseitig zu Gesicht bekamen. Reiz und Schwierigkeit daran waren sicher, das Ganze ohne das jeweilige Objekt der Begierde in Szene zu setzen. Dafür gibt’s jede Menge karikierte Geschlechtsstereotype, selbst geschriebene Songs (musikalische Leitung: Ro Kuijpers) und eine ordentliche Portion Selbstironie.
"Ich wedel mir die Palme, ich pelle mir die Wurst", grölen die fünf Jungs (Nico Baumann, Lucas Frey, Simon Goldschagg, Thao Pham, Jan Sprung) gut gelaunt auf ihrem Knautschsofa und sind sich bei diesem kernigen Onanier-Song mal völlig einig. Hier nehmen sie kein Blatt vor den Mund, aber ihre Probleme verstecken sie lieber hinter coolem Mackergetue und scheinbarer Abgeklärtheit: Schließlich wollen und können Männer immer, Gefühlsschnickschnack ist da absolut überflüssig. Doch im Laufe dieser temporeichen und stellenweise umwerfend komischen Szenencollage bröselt die Neandertaler- Fassade. Denn ob mit oder ohne einschlägige Erfahrungen lassen einen Unsicherheit und Leistungsdruck nicht so leicht los.
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"Ich bin immer nur der beste Kumpel. Ins Bett gehen sie dann wieder mit den Mackern", klagt der arme Frauenversteher, der nie eine abkriegt. Als es dann aber endlich klappt, packt ihn die blanke Panik. Unter dem Motto "Das Leben ist kein Porno- Film, Alter!" parodiert man so das ganze männliche Identitätswirrwarr zwischen Gangster- Rapper und Weichei: Da gibt es oberpeinliche Bettszenen wie im Kasperletheater, aberwitzige Jagdszenen in der Disco und immer wieder Herzschmerz im stillen Kämmerlein. Wie gut, dass wenigstens die Kumpels treu sind...
Auch im Mädchenstück (Savitri Bastante, Ilka Bock, Lina Judith Schiestl, Louisa Schiller, Lea Torcelli, Laila Uhl) markiert die Clique auf dem Sofa das Zentrum des Geschehens, doch hier lebt man statt Zweckmäßigkeit die pralle Fülle: Spiegel, Klamotten, Flaschen, Taschen, Schminkutensilien – so komplex wie die Requisite ist auch das zusammengetragene Szenenmaterial, das sprachmächtig verhandelt wird. Ungleich schwerer, daraus ein dramaturgisch tragfähiges Konzept zu erarbeiten. Das führt zu kleinen Längen, die allerdings durch Offenherzigkeit und Witz wieder ausgeglichen werden.
Während sich also die einen wieder mal den Idealmaßen entgegenhungern, beratschen die anderen sexuelle Pannen und Erfolge. Dabei werden immer wieder Klischees und Vorurteile kess aufs Korn genommen: Da gibt es ein cooles Macker-Massen-Pinkeln an der Wand, uterusbewussten Bauchtanz oder schräge Aufklärungsgespräche in Mundart. Aber auch Berührendes und Bewegendes kommt auf die Bühne: Denn was tun, wenn man sexuell missbraucht wurde und keiner einem glaubt? Wie damit klarkommen, wenn auf der Party ein ekliger Porno läuft oder der Ex- Freund intime Bilder ins Internet stellt? Zwischen Mauerblümchen und Schlampe, die Suche nach einer selbstbestimmten und erfüllten Sexualität scheint in medial übersexualisierten Zeiten für Mädchen noch schwerer geworden zu sein. Aber damit geht’s den Jungs nicht viel besser...
– Weitere Vorstellungen: Am 27. und 28. November, am 3. und 17. Dezember, jeweils um 18 Uhr im Werkraum, Theater Freiburg. Karten: Tel. 0761/ 496 8888.
Autor: Marion Klötzer
