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19. November 2013

Wahrheit im Kaleidoskop gebrochen

Oliver Frljics "I hate the truth" in der Basler Kaserne im Rahmen von Culturscapes Balkan.

  1. In Oliver Frljics Bühnenfamilie wird viel und heftig gestritten. Foto: Annette Mahro

Schon der Titel zerfällt in eine Vielfalt von Wahrheiten, die der Autor dem eigenen Titelbekenntnis entsprechend unisono verabscheut. "I hate the truth" nennt Oliver Frljic seine auf die Bühne gebrachte Familiengeschichte, die sowohl seine als auch eine wandelbar vor Publikum inszenierte ist. Der 1976 in Jugoslawien geborene Autor, der als 16-Jähriger von seinen in die USA emigrierten Eltern im Kriegsland zurückgelassen wurde, übergibt seine Person in die Hände eines Schauspielers. Dieser Oliver, nicht er selbst, muss sich jetzt der Familie gegenüber dafür rechtfertigen, wie sie und die Geschichte im Stück darstellt sind. Verschachtelter geht Erinnerungskultur kaum.

Das Phänomen und das Stück stehen im Zentrum der diesjährigen "Culturscapes"-Produktionen in der Basler Kaserne, wo das Festival mit seinem die ganze Schweiz überziehenden Riesenprogramm noch bis Sonntag zu Gast ist. Schon im Oktober hatte Beatrice Fleischlins "Love. State. Kosovo" hier den Auftakt gegeben, das Birsfelder Theater Roxy mit "Nostagija/Heimwehe" die neue Saison eröffnet und der Lörracher Burghof war als einziger Standort jenseits der Grenzen zugestiegen. Hatte man, seitdem 2004 das Festival mit dem Anspruch gestartet war, spartenübergreifend den kulturellen Weltblick zu schärfen, aber jeweils Länder, Städte und Regionen ins Visier gefasst so gilt diesmal alles Augenmerk einem diffusen Konglomerat, dem Balkan, der in den Köpfen unterschiedlichste Reaktionen aufbrodeln lässt.

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Die Unsicherheit reicht von der westeuropäischen Außensicht bis tief hinein ins Zentrum der Balkanstaaten, denen gegenüber das Brüssler Europa wie ein Musterbeispiel von Einigkeit erscheint. In Oliver Frljics Bühnenfamilie wird allen Bildern entsprechend lautstark und immer wieder sogar handgreiflich gestritten. Was wahr und was unwahr ist, weiß bei diesem Theater längst niemand mehr und stellvertretend für die Realität verwischen sich auch die Zeitebenen zusehends. Dazu passend haben Eltern und Kinder auf der Bühne auch annährend dasselbe Alter und – zumal man sich eine Bühne teilt – ist der Sohn auch schon bei der ersten Begegnung seiner Eltern anwesend, ja er wird schließlich sogar Zeuge der eigenen Zeugung. Das Publikum verfolgt das Geschehen auf der Bühne und von vier Seiten ins Quadrat gesetzt, muss gleichzeitig aber der in Übertiteln eingeblendeten Übersetzung folgen. Auch hier steht die Wahrheit infrage, folgt wieder der nächste Bruch. Haben die da unten wirklich gesagt, was wir da oben lesen?

Wir wo oben? Im Stück des kroatischen Regisseurs und Autors, der seine Figur und Familie live und in Rückblenden rekapitulierend ins Zentrum stellt, bündelt sich auch die jüngere europäische Geschichte, wird der Zerfall Jugoslawiens in seine Teile greifbar. Schon innerhalb von Olivers Kleinfamilie wird es plötzlich Bosnier und Kroaten geben, ein Umstand, über den sich vor der Volkszählung von 1991 noch niemand derart explizit bewusst war. Die Mutter will sich dennoch als Jugoslawin eintragen. Sie wird im Stück auch zur Krankenschwester werden, ohne das eingangs selbst so gesagt zu haben. Der Sohn wird ihr später dennoch vorwerfen, sie habe doch nie gelernt, was sie ihren Beruf nenne. "Und Du? Dann kümmere Du Dich doch um das Schloss, wenn Du schon Schlosser bist", herrscht die Mutter darauf den Vater an. Wäre die Tür nämlich abschließbar gewesen, hätten weder der Sohn noch sein Publikum Einblick haben können in diese, ihre und ihrer aller Geschichte.

– "Culturescapes 2013" läuft noch bis Sonntag in der Basler Kaserne: Maja Pelević & Milan Markovic "They live (in search of text zero)" Lecture Performance, Mi 20. Nov. 20 Uhr; Dubioza Kolektiv, Ska-, Punk-, Dub-Konzert, Fr 22. Nov. 21 Uhr; Selma Spahic "Hypermnesia" Theater, Sa. 23. Nov. 20 Uhr, So 24. Nov. 19 Uhr. Reservierung 0041-61-6666000

Autor: Annette Mahro