Zwei sprechende Pfeile

Heidi Ossenberg

Von Heidi Ossenberg

Mi, 09. November 2011

Theater

Das Theaterregie-Festival "Versionale" im Freiburger Martinstor.

"60 Mal Tell" ist auf dem Plakat zu lesen – da schlucken selbst eingefleischte Theaterfreunde. Doch nein, nicht 60 sondern lediglich fünf Versionen von Schillers Klassikers stehen an diesem Abend auf dem Programm des Freiburger Theaters am Martinstor. Im Haus von Nick Haberstich findet zum ersten Mal die "Versionale" statt. Bei diesem Festival für Theaterregie, das noch in fünf weiteren deutschen Städten veranstaltet wird, entwickeln Regisseure anhand eines vorgegebenen Textes – 2011 ist es eben "Wilhelm Tell" – ein Theaterstück von bis zu 18 Minuten Länge und mit maximal vier Schauspielern. Ob sie ein Schauspiel für die Bühne einrichten, ein Musical, oder eine Performance, bleibt den Regisseuren überlassen – jedenfalls treten sie mit ihren jeweiligen Versionen gegen die Kollegen an. Ein spannendes Experiment; eine Jury bewertet die Stücke, und auch das Publikum kürt einen Abendsieger.

Im Theater am Martinstor fand der Wettbewerb jetzt unter fünf Regisseuren statt: Kathrin Schmider aus Freiburg, Stephanie Paschke aus Heilbronn, Max Rohland aus Aalen, Sebastian Stert aus Köln und Michael Leykauf aus Berlin. Die Siegerin des Abends, Stephanie Paschke, überzeugte die Jury mit ihrer Interpretation von einem Helden, der sich in einem Konflikt befindet: Verfolgt Tell, in dem er Reichsvogt Gessler tötet, seine eigenen Interessen oder wartet er mit der Rache und schließt sich den Revolutionären an? Schauspieler Jannis Hain gelingt es in wenigen Minuten, die innere Zerrissenheit Tells zu zeigen – und zwar mit Hilfe seiner Requisiten, den beiden "sprechenden" Pfeilen und dem durchbohrten Apfel.

Äpfel spielten auch in der "Tell"-Version von Publikumsliebling Kathrin Schmider eine Rolle. Und auch sie stellte einen zögerlichen Helden in den Mittelpunkt ihres dank dynamischer Choreographien lebendigen Stücks – durch Schillers Original habe sie sich durchbeißen müssen, gesteht die junge Regisseurin. Sehr verkopft geriet Max Rohlands Auseinandersetzung mit dem Schweizer Nationalhelden, der zum Selbstmordattentäter mutierte. Leider war der Schauspieler unter seiner Gangstermaske kaum noch zu verstehen. Sebastian Stert setzte mit vier Darstellern auf Lagerfeuerromantik unter den Revolutionären, schaffte es jedoch zugleich, sehr viel von Schillers Sprache in das kurze Stück zu integrieren. Die ungewöhnlichste Annäherung an Schiller gelang Michael Leykauf, den nach eigenen Worten die "Familienstrukturen" im Stück interessiert hatten: Er machte aus Tell einen Deutsch, Französisch und Englisch sprechenden Flüchtling.

Mehr unter:      http://www.versionale.de