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02. Februar 2011

"Tanz ist Energie"

TICKET-INTERVIEW: Constanza Macras zum Gastspiel "The Offside Rules".

  1. Constanza Macras Foto: Marco Caselli

  2. Szene aus „The Offside Rules“ Foto: Market Theatre

Die in Berlin lebende Argentinierin Constanza Macras zählt zu den wichtigsten Choreographen im zeitgenössischen Tanz. Ihre jüngste Produktion "The Offside Rules" kommt jetzt als Gastspiel ans Theater Freiburg. Mit Macras sprach Bettina Schulte.

Ticket: Frau Macras, worum geht es in "The Offside Rules"?
Constanza Macras: Das Stück bewegt sich im Kontext der Fußball-Weltmeisterschaft 2010 in Südafrika. Der Fokus liegt auf dem Versuch der Politik und der Medien, die sozialen und politischen Missstände des Landes zu verschleiern. Johannesburg ist eine große Stadt, wo man nicht einfach von einem Ort zum anderen kommt. Nach wie vor herrscht hier Rassentrennung, und arme Viertel haben keine öffentliche Verkehrsanbindung ans Zentrum. Die Premiere fiel auf die Eröffnung der Weltmeisterschaft, weil ich wollte, dass die Menschen Notiz von der Problematik hinter all dem bunten Spektakel nehmen. Ich thematisiere aber nicht nur problematische Aspekte des Lebens in der Stadt, sondern auch Kurioses.
Ticket: Wie waren die Reaktionen?

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Macras: Wir haben nur positive Resonanz erhalten. Viele waren überrascht von den herrschenden Umständen. Die 18 Shows, die wir gaben, waren gut besucht.
Ticket: Wie haben Sie ihre Tänzer gefunden?
Macras: Die Tänzer kommen alle aus Südafrika. Wir haben ein Casting extra für die Show veranstaltet. Die Auswahl an exzellenten Tänzern war groß, und es war schwer, nur sieben unter ihnen auszuwählen.
Ticket: In Ihren Projekten geht es oft um das Leben in Großstädten.
Macras: Der urbane Lebensraum, die großen Metropolen mit ihrer ganz eigenen Kultur haben schon immer eine starke Faszination auf mich ausgeübt.
Ticket: Glauben Sie, dass Tanz ein politisches Instrument sein kann?
Macras: Ja, ich glaube es ist möglich, Missstände oder Dinge, auf die man aufmerksam machen will, im Tanz über die Sprache des Körpers zu vermitteln. Der Körper ist jedem das Nächste. Auf diesem Wege kann man einen Zugang zum Bewusstsein der Menschen schaffen.
Ticket: Sie leben seit langem in Berlin. Hat das Leben dort ihre Arbeit beeinflusst?
Macras: Ich liebe Berlin. Ich fühle mich zu Hause, da mein Partner und meine Familie auch hier wohnen. Das ist essenziell, um gute Arbeit leisten zu können. Außerdem ist Berlin eine sehr entspannte Großstadt, in der die Menschen genügend Raum und Ruhe haben. In Buenos Aires ist alles viel schneller und chaotischer.
Ticket: Ihre Choreographien werden als energiegeladen beschrieben. Ist das hohe Level an Dynamik charakteristisch für Ihre Arbeit?
Macras: Für mich ist Tanz Energie. Ich mache gern sehr körperbetonte, kraftvolle Choreographien. Was diese Energie ausdrücken soll, ob Aggression oder nur Vitalität, ist je nach Kontext unterschiedlich.
Ticket: Was können Sie über Ihr nächstes Projekt verraten?
Macras: Mein nächstes Projekt wird "Berlin Elsewhere" heißen. Es soll wieder darum gehen, wie es zur Ausgrenzung von Minderheiten oder Nationalitäten kommt – in einer Stadt ohne kolonialistischen und imperialistischen Hintergrund.
Ticket: Warum ist das Thema Ausgrenzung so aktuell?
Macras: Ausgrenzung ist ein zwangsläufiger Bestandteil unserer globalisierten Welt. Man isst Sushi und denkt, man wüsste etwas über die Kultur Japans. Dabei sind die Eindrücke, die wir in unserem Land von einer anderen Kultur vermittelt bekommen, oft angepasst an unsere eigene Kultur. Wenn es zum Zusammenleben zweier Kulturen kommt, merken die Menschen, dass das, was sie zu wissen glaubten, Oberflächlichkeiten waren. Die Unterschiede werden dadurch verstärkt – was zu Problemen führen kann.
Ticket: Wie sieht für Sie die Großstadt der Zukunft aus?
Macras: Für mich stellt Mumbai das Modell der zukünftigen Großstadt dar, weil die sozialen Brennpunkte ins Stadtbild integriert sind. Die verschiedensten Menschen leben dort sehr nah beieinander.

Termin: Freiburg, "The Offside Rules", Theater, Großes Haus, Sa, 5. Feb., 19.30 Uhr; BZ-Kartenservice Tel. 0761/4968888

Autor: bs