Es geht um die Artenvielfalt

Thomas Biniossek

Von Thomas Biniossek

Mi, 30. Januar 2019

Titisee-Neustadt

Die Kampagne "Blühender Naturpark" will Flächen für Insekten attraktiver machen.

TITISEE-NEUSTADT. Geranien und Petunien sind out – Mädchenauge und Sonnenröschen sind in. Nein, auf diesen einfachen Nenner kann es nicht gebracht werden, wenn es darum geht, den vor 20 Jahren gegründeten Naturpark Südschwarzwald artenreicher und blumenbunter zu machen. Auf einer Infoveranstaltung der Kampagne "Blühender Naturpark" im Kurhaus Titisee wurde deutlich, dass nur mit gemeinsamen Anstrengungen von Landwirten, Gemeinden, Unternehmen und Bürgern Flächen attraktiver gemacht werden können für Bienen und Co.

"Wir treten erstmals öffentlich auf, um auf unser Anliegen aufmerksam zu machen", sagte Holger Wegener, stellvertretender Naturpark-Geschäftsführer. Ziel sei es, die Artenvielfalt zu erhalten und die ökologischen öffentlichen und privaten Flächen zu verbessern.

"Viele Insekten sind auf eine einzige Blüte angewiesen."

Holger Wegener
"Blühender Naturpark ist das Stichwort der Zukunft", sagte Dierk Weißpfennig, der Stadtförster von Titisee-Neustadt, und begrüßte, dass sich diese Informationsveranstaltung an alle Menschen der Region richtet. Und er stellte die Frage in den Raum, ob die vielen Anrufer des vergangenen Jahres, die sich über die vielen Wespen beklagten, tatsächlich Recht hätten mit ihrer Beobachtung.

"Nein", machte Klaus Schmieder, Präsident des Landesverbandes Badischer Imker, klar. "Wir müssen leider feststellen, dass sich die Bedingungen für alle Insekten dramatisch verschlechtert haben." Als gelernter Landwirt habe er viel Verständnis für die Landwirtschaft. Es gehe nicht darum, diese mit ihrer betriebswirtschaftlichen Bewirtschaftung von Flächen zu kritisieren.

"Es geht darum, wie im richtigen Leben, dass es zu Kompromissen kommt." Klaus Schmieder machte deutlich, dass der Nutzen durch die Bestäubung durch Bienen für die Landschaft 18 Mal so groß sei wie der Ertrag durch Honig. "Wir Imker sind Anwalt aller Insekten, auch der Wildbienen."

Der stellvertretende Naturpark-Geschäftsführer Holger Wegener stellte dar, warum die Aktion "Blühender Naturpark" angestoßen wurde. "Es geht um mehr Blütenreichtum. Viele Insekten sind auf eine einzige Blüte angewiesen. Kommt sie nicht mehr vor, wird dieses Insekt keine Nahrung mehr finden und stirb aus."

Daher gelte es, die Schwarzwälder Wiesenvielfalt durch Samengewinnung zu erhalten und die Arten der Berg- und Flachlandmähwiesen dort zu fördern, wo sie herkommen. Schwerpunkte der Aktion seien daher, Verständnis und blühende Naturräume zu schaffen, Öffentlichkeit herzustellen, Netzwerke von Experten zu nutzen und ein Angebot an regionaltypischem Saatgut zu entwickeln.

"In der Krefelder Studie wurde 2017 festgestellt, dass in 27 Jahren die Insektenbiomasse verschwunden ist", begann Manfred Kraft, Obmann für Bienenweiden beim Landesverband Badischer Imker, seinen leicht schockierenden Vortrag, was in der Diskussionsrunde ein Besucher verbildlichte.

"Vor 15 Jahren musste jeder Autofahrer beim Tanken seine Windschutzscheibe von Insekten freikratzen, heute ist das nicht mehr nötig." Betroffen von der Verringerung des Insektenvorkommens seien bereits die Vögel, die im Frühjahr nicht mehr genug Nahrung zur Aufzucht des Nachwuchses und im Herbst für den Vogelzug finden würden. "Die Insektenvielfalt geht zurück, die spezialisierten Arten sind reduziert", sagte Manfred Kraft. Die Gründe sind vielfältig von der Flächenentnahme durch Bebauung von 62 Hektar täglich, durch die intensive Landwirtschaft, durch die Zerschneidung der Landschaft, durch überzüchtete Blumen in den Vorgärten und auf Balkonen, die keinen Blütenstaub produzierten.

Um den entgegenzuwirken, müssten neue Lebensräume für Insekten geschaffen werden mit Pflanzen für spezialisierte Insekten, mit Fraßpflanzen für Schmetterlingsraupen, mit Brut- und Überwinterungsmöglichkeiten sowie Vernetzung der Habitate.

"Jeder Quadratmeter,
jeder Blumenkübel zählt."
Manfred Kraft
"Jeder Quadratmeter, jeder Blumenkübel zählt", sagte der Fachmann und wies darauf hin, dass dies nur gelinge, wenn man die Bevölkerung auf diesem Weg mitnehme. "Nicht jeder Vorgarten muss eine Wildwiese werden. Wer Rosen mag, soll Rosen pflanzen. Aber vielleicht gibt es auch einen Bereich im Garten, den man naturnah belassen kann."

Wie Städte und Gemeinden ihre Grünflächen ökologisch sinnvoll gestalten können, zeigte anhand von etlichen Beispielen der Bauhofleiter der Stadt Lörrach, Franz-Josef Friederichs, auf. "Früher haben wir unser Stadtgrün acht Mal im Jahr gemäht, teilweise auch umgebrochen. Heute gehen wir neue Wege."

Ähnliches berichtete Michael Neuenhagen, der Marketingleiter von Bad Dürrheimer Mineralbrunnen. "Wir haben ein essentielles Interesse an gesunden Böden, denn das Wasser geht durch diese ins Grundwasser, aus dem wir unser Bio-Mineralwasser gewinnen." Mit der Initiative "Bad Dürrheim blüht auf" wurden viele Gruppen und Vereine ins Boot genommen, um dieses Ziel zu erreichen.

"Wir wollen informieren, sensibilisieren, Verständnis schaffen und letztlich zum Handeln animieren." Wie sich solches Engagement schließlich auszahlt, stellte Holger Loritz vom Netzwerk Blühende Landschaft an vielen Beispielen unter der Überschrift "Ein Blumenstrauß an Handlungsmöglichkeiten" vor.

Weitere Informationen unter http://www.bluehender-naturpark.de