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01. März 2016

Es geht um mehr als Wäsche waschen

Der Equal Care Day soll auf die Gleichberechtigung von Frauen und Männer aufmerksam machen.

  1. Wer macht die Wäsche? Foto: Gabi Thiele

TITISEE-NEUSTADT. Die Bonner Autorin Almut Schnerring und ihr Kollege Sascha Verlan haben den Schalttag 2016 zum "Equal Care Day" erkoren. Sie wollen hinweisen auf die weltweit eklatante Ungleichverteilung und Ungleichberechtigung bei den sogenannten Care-Arbeiten wie Kochen, Waschen, Putzen, Gartenarbeiten, Kindererziehung und Pflege von Angehörigen.

Sie beziehen sich unter anderem auf die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit (OECD). Die hat untersucht, wie viele Minuten am Tag Erwachsene der Altersgruppen 25 bis 64 mit Care-Arbeit zubringen. Das Ergebnis: Weltweit erledigen Frauen den Großteil der Arbeiten. In Indien, Japan und Südkorea sind es mehr als in Deutschland, in Schweden weniger. Insgesamt betrachtet haben Frauen schon 2012 den Berg Arbeit verrichtet, den die Männer erst 2016 erledigt haben werden.

Dorothea Obermann aus Neustadt nimmt im Gespräch mit der BZ eine kleine Standortbestimmung vor. "Natürlich kann ich nicht wirklich für den Schwarzwald sprechen. Aber ich habe schon den Eindruck, dass sich in den vergangenen Jahren etwas getan hat. In kleinen Schritten gleicht’s sich an", sagt die Vorsitzende des Frauenvereins Neustadt und schmunzelt ob der Tatsache, dass es schon bald 40 Jahre her ist, dass Johanna von Kozcian 1977 kritisch und nett verpackt "Das bisschen Haushalt macht sich von allein, sagt mein Mann" gesungen hat. "Was, so alt ist das Lied schon? Sind halt doch ziemlich kleine Schritte!"

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Dass sich die Forderung nach Gleichberechtigung und Gleichstellung nicht nur auf das Geschirrspülen und Kinder-zum- Musikunterricht-bringen bezieht, ist klar. Lohnangleichung laute das Stichwort, so Obermann. Die Bonner Autoren bitten daher auch dringend, aus dem Equal-Care-Day keinen "Heute-putzt-mal-der-Mann"-Gedenktag zu machen.

Wo muss man ansetzen, will man weiter vorankommen? "Ich denke, wir müssen unter anderem unseren Kindern Vorbild sein, ihnen Gleichberechtigung vorleben, ohne zu dogmatisch zu sein", sagt Obermann. "Im Kindergarten und zu Hause sollten Jungen und Mädchen beispielsweise die gleichen Angebote bekommen, aber auch die Freiheit zu wählen, mit was sie spielen wollen." Man kann also ruhig darauf achten, dass man nicht ständig in die sogenannte "Rosa-Hellblau-Falle" tappt? Ja, natürlich. Aber es sind ja oft nicht die Eltern, die ihre Mädchen in rosa Kleidchen steckten. Oft sind es Großeltern oder Bekannte, die "typische" Sachen schenkten. "Man muss nicht zu dogmatisch sein", sagt Obermann. "Man muss sich immer wieder selbst prüfen. Sagen und Tun müssen übereinstimmen, will man glaubwürdig bleiben." So passt sich auch im Hause Obermann das grundsätzliche "Alle machen alles" und das Gemeinschaft stärkende "Miteinander – Füreinander" den täglichen Zwängen und Anforderungen an.

Was schließlich ist zu tun, dass das nach oft jahrzehntelangem Ringen Erreichte in Sachen Gleichberechtigung von Frau und Mann nicht der Selbstverständlichkeit zum Opfer fällt? Oder dass es nicht mehr stimmen muss, was Johanna von Koczian sang: "Und was mein Mann sagt, stimmt haargenau. Ich muss das wissen, ich bin ja seine Frau."

Ja, das sei eine wichtige Frage, sagt Obermann. "Ich bin schon manchmal überrascht, wenn junge Frauen ein so sehr konservatives Rollenverständnis leben." Es werde allzuleicht vergessen, dass es Zeiten gab, in denen Frauen beispielsweise keinen Zugang zu Schulen und Universitäten hatten oder dass Frauen in Deutschland erstmals 1919 zur Wahl gehen durften.

"Das ist wie mit der Meinungsfreiheit und unserer Demokratie", mahnt Obermann. Diese Fortschritte müssen nicht nur bewusst und vorsichtig behandelt werden. Das Wissen um die Geschichte und Bedeutung müssten – Stichwort Bildung – weitergegeben werden. "Wir müssen", fasst Obermann zusammen, "ein verantwortliches Leben führen!"

Autor: Gabi Thiele