Fest verankert in der Gesellschaft

Peter Stellmach

Von Peter Stellmach

Fr, 21. April 2017

Titisee-Neustadt

Seniorenzentrum St. Raphael begeht 50-jähriges Bestehen / Der Erweiterungsbau ist schon belegt / Geschäftsführer mit neuen Ideen.

TITISEE-NEUSTADT. Der Erweiterungsbau des Seniorenzentrums St. Raphael am Felsele, etwas mehr als ein halbes Jahr nach der Eröffnung: Neun Wohnungen und 48 Plätze in Hausgemeinschaften belegt, die 25 Tagespflegeplätze ausgelastet. Damit ist schon vorzeitig der nächste große Schritt in der nun 50-jährigen Geschichte der Einrichtung vollzogen. Einweihung war am 7. Oktober 19

67. Das Jubiläum wird im Lauf des Jahres mit mehreren Veranstaltungen begangen, die auch die Öffentlichkeit einbeziehen sollen.

Das nämlich ist es, was das Haus ausmacht, wie Marco Kuhn-Schönbeck feststellt: Es ist in die Gesellschaft eingebunden durch den in vielen Fällen engen Zusammenhalt der Angehörigen mit ihren Eltern und Verwandten, ebenso durch verbliebene Kontakte zwischen den Menschen, die hier ihren Lebensabend verbringen, und ehemaligen Nachbarn, Freunden und Bekannten aus ihren Wohnorten. Die Bewohner sind also nicht abgegeben und weg, sondern gehören weiter zur Gesellschaft. Gelebtes Ehrenamt sieht dann so aus, dass Angehörige füreinander da sind (und das Personal entlasten) oder dass sich Besuchsdienste, Selbsthilfegruppen und Musikvereine oder Landfrauengruppen um die Betagten kümmern, manchmal sogar mit musikalischen Auftritten, wie es der Geschäftsführer erlebt, seit er im vergangenen Juli die Nachfolge von Klaus Lauber angetreten hat. Deshalb wird man sich mit einer Veranstaltung an der "Woche des Ehrenamts" im Juli beteiligen.

Kuhn-Schönbeck sieht die Verankerung des Seniorenzentrums in der Bevölkerung sehr wohlwollend. Es ist ein Geben und Nehmen. Die Einrichtung hat es, maßgeblich unter Laubers Führung, über die Jahre geschafft, immer auf der Höhe der Zeit zu bleiben. Dank der Weitsicht der Verantwortlichen gelang dies gelegentlich sogar, bevor die gesetzlichen Vorgaben griffen. Ihm gefällt es auch, wie die Belegschaft aus dieser Entwicklung und der Akzeptanz Selbstbewusstsein und Stolz im besten Sinn zieht und mit hoher Identifikation ihre Arbeit macht – nicht selten langjährig trotz der anstrengenden und belastenden Tätigkeit: "Dieses tragende schöne Gefühl gibt die Motivation, die Dinge anzupacken." Gleichzeitig habe man sich immer um größtmögliche Offenheit bemüht, "die Leute können sehen, wie es bei uns ist, das schafft Vertrauen".

190 Mitarbeiter kümmern sich um 107 Bewohner stationär, 52 in Hausgemeinschaften, 14 im Betreuten Wohnen sowie um 25 Tagesgäste in der Tagespflege. Das Gros stellen die Pflegefachkräfte (in Ausbildung zurzeit 15 Schüler) mit den Pflegehilfskräften; es sind zu 80 Prozent Frauen. Der vielbeklagte Fachkräftemangel hat nicht durchgeschlagen, Kuhn-Schönbeck begründet es damit, dass vorausschauend schon immer über Bedarf ausgebildet wurde. Hauswirtschaftsfachkräfte (auch Ausbildung, zurzeit zwei Schüler), Betreuungskräfte, Ergotherapeuten, Verwaltungskräfte und Technischer Dienst sowie Assistenz (beispielsweise Fahrdienst) vervollständigen das Personal.

50 Jahre sind erreicht, vorläufig gekrönt vom Erweiterungsbau, dessen modernes, von Lauber federführend entwickeltes Konzept wissenschaftlich begleitet wird. Für die Zukunft schwebt dem Geschäftsführer vor, dass sein Haus als die Sozialwirtschaft Kontakt zur "echten" Wirtschaft aufnimmt. Denn wie ist es: Unternehmen bieten für ihre Belegschaften beispielsweise Gesundheitstage an. Personal ist rar geworden, es geht darum, Arbeitskräfte zu finden und (gesund) zu halten. Aber diese Beschäftigten können in einem gewissen Alter in die Situation kommen, dass sie plötzlich für pflegebedürftige Eltern da sein müssen. Die Erfahrung lehrt laut Kuhn-Schönbeck, dass die meisten Menschen darauf nicht vorbereitet sind und höchstens ungefähre Vorstellungen davon haben, was auf sie zukommt und wie sie das bewerkstelligen können, in der Fürsorge für die Angehörigen wie in Verbindung mit ihrem Beruf. "Dann stehen sie plötzlich vor einer gefühlten Notsituation."

Hier will Kuhn-Schönbeck ansetzen: "Wir haben so viel Erfahrung. Vielleicht gelingt der Brückenschlag." Gemeint ist: Beraten und helfen, wie man ein Problem lösen oder doch lindern kann.

Hört sich das nicht nach Akquise an? Ja, schon auch Werbung, sagt der Geschäftsführer. Aber nein, er hat nicht die Sorge, dass dieses Angebot falsch verstanden wird. Im Gegenteil, er sieht es als vertrauensbildende Maßnahme, man biete sich an – ob die Unternehmen darauf eingehen, sei ihnen selbst überlassen.

Kuhn-Schönbeck fügt an, "es wäre ja zu kurz gedacht, würde man vom Eigeninteresse gesteuert vorgehen". Er sieht es unter dem Gesichtspunkt der Standortqualität. Wie Städte und Gemeinden Angebote in der Kinderbetreuung geschaffen haben, um für Unternehmen und Beschäftigte attraktiv zu werden, setzt sein Vorschlag am anderen Ende der Lebenszeit an.

Wie man zueinanderfinden kann, überlegt er noch. Besser über die persönliche Kontaktaufnahme oder beispielsweise über die Wirtschaftsförderung? Vielleicht auch mit erst einmal nur einem Unternehmen zum Ausprobieren? Kuhn-Schönbeck könnte sich auch eine engere Zusammenarbeit mit den Kommunen vorstellen, die nach dem Pflegestärkungsgesetz sowieso aufgefordert sind, einschlägige Beratung anzubieten. Der Verantwortliche für das Seniorenzentrum St. Raphael sieht es als "Herkulesaufgabe, die Menschen zu erreichen".

Die Satzung der Einrichtung sieht vor, dass sie den Sprengel der zehn Städte und Gemeinden versorgt. Stammhaus und Erweiterungsbau sind jedoch voll belegt, Kuhn-Schönbeck weiß aber, dass "der Bedarf unglaublich hoch ist für alle Pflegeangebote". Eine weitere Erweiterung also? Er schüttelt den Kopf. Eine Ausweitung auf die Gemeinden, Satelliten von St.Raphael verteilt auf den Hochschwarzwald? Denkbar wäre das, sagt er. Angefragt sei man von Breitnau, eine Grundversorgung bereitzustellen. Doch klar ist die Voraussetzung, dass solche Projekte wirtschaftlich und personell stimmig sein müssten. Jetzt wird erst einmal gefeiert.