"Namen sind wie Fossilien"

Kathrin Blum

Von Kathrin Blum

Sa, 13. Mai 2017

Titisee-Neustadt

BZ-INTERVIEW mit dem Namensforscher Konrad Kunze, der verrät, wie – Hochschwarzwälder – Familiennamen entstanden sind.

er sechste Band des Deutschen Familienatlasses wird in den nächsten Wochen gedruckt. Initiiert und zusammen mit Professor Damaris Nübling von der Uni Mainz herausgegeben hat ihn der emeritierte Germanistikprofessor Konrad Kunze. Immer wieder hält er Vorträge zur Herkunft der Familiennamen, jüngst in Löffingen. Über häufige Namen im Hochschwarzwald, die Faszination seiner Forschung und die sprachwissenschaftliche Entdeckung eines neuen Kontinents hat Kathrin Blum mit ihm gesprochen.

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BZ: Herr Kunze, einer der journalistischen Grundsätze lautet: Namen sind Nachrichten. Woher kommt Ihr Name?
Kunze: Dahinter steckt der Rufname Konrad. Aus Heinrich wird bei vertraulicher Anrede Heinz oder Heinze, aus Friedrich Fritz oder Fritze und aus Konrad Kunz oder Kunze. So gesehen bin ich ein doppelter Konrad. Weil es früher so viele Heinrichs und Konrads gab, entstand auch die Bezeichnung Hinz und Kunz, die so viel bedeutet wie: jedermann.
BZ: Seit wann gibt es Nachnamen?
Kunze: Bei uns in Südwestdeutschland seit rund 800 Jahren. Mitte des 13. Jahrhunderts trug schon die Mehrzahl der Menschen in Freiburg einen Familiennamen. In anderen Regionen und auf dem Land kam das teilweise erst später. Die Ostfriesen waren die Letzten. Sie bekamen erst 1809 Familiennamen.
BZ: Wie wurden die Familiennamen festgelegt?
Kunze: Es gibt fünf Merkmale, nach denen Menschen früher unterschieden wurden. Erstens: nach dem Vater oder der Mutter. Das in Schleswig-Holstein verbreitete Petersen etwa bedeutet nichts anderes als "Sohn des Peter". Zweitens: nach der Wohnstätte. Es gab Hans an der Kirche oder Hans am Bach. Drittens nach der Herkunft – also Hans, der Schwarzwälder oder Hans aus Breisach. Das vierte Unterscheidungsmerkmal war der Beruf: Hans, der Schuhmacher. Oder aber, fünftens, die Unterscheidung nach Aussehen oder Charakter: Hans, der Dicke. Oder: Hans, der Blöde.
BZ: Welche Familiennamen sind typisch für den Hochschwarzwald?
Kunze: Zum Beispiel der Name Waldvogel, der für einen sorglosen, fröhlichen Menschen steht. In Breitnau heißen so 3,2 Prozent der Einwohner. Wehrle heißen 3900 Menschen, die meisten davon leben im Hochschwarzwald; im Gutach- und Kinzigtal wohnen sehr viele der 3180 Wöhrle. Beides – Wehrle und Wöhrle – sind Nachkommen von Männern mit dem Vornamen Werner, alemannisch kurz und zärtlich Wehrle oder eben Wöhrle gerufen. Auch Kleiser kommt häufig vor. Das sind die Nachkommen eines Mannes mit Rufnamen Nikolaus, kurz Kleis gerufen. Wenn Vater und Sohn Kleis hießen, hat man den Junior gerne als Kleiser bezeichnet. In Löffingen gibt es viele Kaltenbrunns und Kaltenbrunners, dieser Name bedeutet "an der kalten Quelle". Im Hochschwarzwald gibt es auch viele Menschen mit dem Familiennamen Lickert. Das sind Nachkommen einer Frau namens Luitgard. Die Ketterers sind vor allem in Neustadt zu Hause und Nachkommen einer Katharina. Im Hochschwarzwald heißen viele Menschen Spiegelhalter/Spiegelhalder oder Winterhalter/Winterhalder. Die einen wohnten auf der Winterhalde, auf welcher der Schnee lange liegen geblieben ist, die anderen auf der sonnigen Spiegelhalde. Da im alemannischen Dialekt d und t nicht unterschieden werden, gibt es beide Schreibweisen. Häufig anzutreffen sind auch Menschen mit Namen Beha, was so viel bedeutet wie: der aus Böhmen. Noch einen kurzen Ausflug auf den Feldberg: Wirbser, aus der alten Form Würmbser entwickelt, bedeutet: Der aus Worms stammt.
BZ: Kürzlich waren Sie in Löffingen. Kommen Sie bald wieder in den Hochschwarzwald?
Kunze: Ich halte bis zu sechs Vorträge pro Woche und muss sehr viele Anfragen ablehnen, einfach weil die Zeit nicht reicht. Aber wenn es terminlich passt, komme ich gerne wieder.
BZ: Wann haben Sie begonnen, nach der Herkunft von Namen zu forschen?
Kunze: Seit etwa 25 Jahren beschäftige ich mich mit Familiennamen. Davor habe ich mich dann und wann mit der Herkunft von Orts- und Flurnamen befasst.
BZ: Namen scheinen nicht nur Sie zu faszinieren, sondern auch die vielen Zuhörer. Woran liegt das?
Kunze: Dafür gibt es mehrere Gründe. Der größte Teil unserer Sprache besteht aus Namen. Im Rechtschreibduden finden Sie nur rund 130 000 Wörter. Aber allein Familiennamen zählen wir in Deutschland fast eine Million. Namen sind sprachgeschichtlich überaus aufschlussreich, denn in ihnen ist – wie in Fossilien – die alte Sprache konserviert.
BZ: Nennen Sie ein Beispiel dafür.
Kunze: Der Schuhmacher hieß in unserer Region im Mittelalter Suter. Dieses Wort ist längst ausgestorben, lebt aber in Familiennamen wie Sutter, Sauter oder Sütterlin fort. Übrigens kann nicht nur die Sprachgeschichte, sondern auch die Siedlungsgeschichte mit Hilfe von Namen erforscht werden. Überhaupt sind Namen Quellen für viele historische Forschungsdisziplinen. Vielen Familiennamen kann man ansehen, wo sie entstanden sind und wie weit sich die betreffenden Familien verbreitet haben. Zum Beispiel hatte jemand mit dem Namen Fehrenbacher vor etwa 800 Jahren einen Vorfahren, der aus Vöhrenbach ausgewandert ist. Auch die Berufswelt des Mittelalters spiegelt sich in Namen wider, so war der Nonnenmacher jemand, der Schweine kastriert hat. Menschen mit dem Namen Weißbrot waren Bäcker, die nur solches Brot backen durften, jemand der Kropf hieß, hatte wohl einen solchen – oder eben seine Vorfahren. Sogar Krankheiten lassen sich von Namen ableiten.
BZ: Kann die Namensforschung als Wissenschaft bezeichnet werden, oder spielt auch Spekulation eine Rolle?
Kunze: Sie ist eine ganz exakte sprachwissenschaftliche und historische Disziplin. Dazu gehört auch zuzugeben, dass sich manche Dinge nicht mehr oder nur mit sehr großem Aufwand klären lassen.
BZ: Einen riesigen Aufwand haben Sie für Ihren Familienatlas betrieben. Der sechste Band wird demnächst gedruckt. Wo liegt darin der Schwerpunkt und worum geht es in Band sieben?
Kunze: Der sechste Band handelt von Namen, die aus Rufnamen entstanden sind. Spitzenreiter ist Nikolaus – daraus sind sage und schreibe 4000 Nachnamen entstanden. Der siebte Band wird das Register und das Literaturverzeichnis enthalten. Er erfordert nur noch Routinearbeit, keine Forschungsanstrengungen mehr.
BZ: Der Familienatlas ist so gut wie abgeschlossen. Kommt für Sie jetzt die Zeit, den Ruhestand zu genießen?
Kunze (lacht): Ich werde keine Kreuzfahrt machen, sondern habe das nächste Projekt bereits begonnen. Ich arbeite aktuell an einem Vornamenatlas. Das ist hochspannend und für mich so wie die Entdeckung eines neuen Kontinents. Ich habe sogar darüber nachgedacht, das in den Untertitel eines entsprechenden Atlasses zu nehmen, aber es ist wohl zu unwissenschaftlich, deshalb wird der Vornamenatlas untertitelt sein mit "Konturen eines neuen Forschungsfelds". Die Herkunft vieler Vornamen lässt sich leicht in entsprechenden Lexika nachlesen. Ich interessiere mich aber nicht nur dafür, sondern auch für die Verbreitung. In der Vergangenheit war es aufgrund fehlender statistischer Daten nicht möglich, die Verbreitung kartografisch zu erfassen. Neuerdings gibt es diese Möglichkeit und dabei treten große Überraschungen zutage. Im Jahr 2000 wurde beispielsweise der Name Eugen fast nur von Personen in Baden-Württemberg getragen. Die Vornamen Hansjörg und Hanspeter sind typisch südbadisch, in anderen Gegenden schreiben sie sich Hans-Jörg oder Hans-Peter.