Ohne eine Sekunde Langeweile

Marion Pfordt

Von Marion Pfordt

Do, 20. März 2014

Titisee-Neustadt

Studio Landgraf landet mit dem Bühnenstück "Der Kaukasische Kreidekreis" von Bertolt Brecht einen Volltreffer.

TITISEE-NEUSTADT. Man nehme: Einen tiefsinnigen Bertold Brecht Klassiker und ein gut gemischtes, großes Ensemble aus erfahrenen und aus jungen Schauspielern unter der leidenschaftlichen Regie eines alten Bühnenhasen (Peter Bause) , dekoriere alles geschmackvoll mit detailreiche Kostümen und Masken vor einer natürlich gehaltenen Kulisse und kröne das Ganze mit einer Prise live gespielter Akkordeonmusik, und voila - heraus kommt: Ein herausragend unterhaltsamer und spannender Theaterabend ohne eine Sekunde Langeweile, von dem das Publikum in den trüben Stunden des Alltags noch lange zehren kann.

Das Euro Studio Landgraf hat mit dem Bühnenstück "Der Kaukasische Kreidekreis" von Bertold Brecht einen Volltreffer auf der Bühne des Kurhaus Titisee gelandet. Das 1948 in den USA uraufgeführte Drama in fünf Akten ist auch noch nach beinahe sieben Jahrzehnten in der Lage, die Zuschauer von der ersten bis zur letzten Minute zu fesseln, ohne sich dafür verbiegen zu müssen.

Die herzlose und oberflächliche Frau des Gouverneurs (hier brilliert eine hervorragende Helena Büttner) lässt nach der Ermordung des Ehemanns ihren Säugling zugunsten materieller Güter zurück. Die einfache Magd Grusche (wunderbar besetzt mit Shantina Ullmann, die ihre präzise Singstimme zu nutzen weiß) nimmt sich selbstlos unter Lebensgefahr des nicht standesgemäßen, edlen Kindes an, um es zu retten. Um dem Kind eine Existenz zu verschaffen, heiratet sie den schon fast tot geglaubten Grundbesitzer gegen einen ordentlichen Batzen Geld, in der falschen Hoffnung, bald Witwe zu sein und dem Kinde mit der Heirat einen Namen zu geben.

Der entsetzte geliebte Verlobte (ein vielversprechender Martin Krah) kommt jedoch früher aus dem Krieg, als der Tod über den grässlichen Gemahl. Das Schicksal scheint sich gegen Grusche und ihr Findelkind zu wenden.

Obwohl dem Publikum der Ausgang des Dramas sehr wohl gegenwärtig ist, vermag die Inszenierung unter der Regie Peter Bauses die Spannung zu jeder Zeit bis zum Zerreißen gespannt zu halten. Die markanten Masken bedecken mehr als die Hälfte der Gesichter der Mimen. Doch es ist nicht so, dass die Ausdruckskraft der Darsteller verdeckt oder vermindert würde. Vielmehr vermögen es die faszinierenden Masken, die Persönlichkeit der Figuren zu betonen, und somit Hässlichkeit, Einfalt und die Gier der Charaktere optisch zu unterstreichen. Lebendig und glaubhaft schlüpfen die elf Schauspieler in die 70 Rollen des Bühnenspektakels. Die karge Armut und Schlichtheit des einfachen Volkes steht der glitzernden Pracht der herrlich unsympathischen Gouverneursfrau gegenüber. Der ekelhafte Bauer und dessen geldgierige Mutter stehen irgendwo dazwischen. Der feige Bruder und seine falsch frömmelnde Frau zerren an den Nerven des gespannten Publikums, bis der Bruder schließlich doch beweist , das Blut dicker ist als Wasser und seiner Schwester in letzter Sekunde, immerhin heimlich, hilft.

Spannender als ein Krimi

Kein Krimi könnte spannender sein, keine Show lebendiger. Man kann und muss die akribische Regie des Schauspielers Peter Bause nicht völlig uneitel nennen. Dennoch ist es nicht die Perfektion des Lieds des Dorfsängers, welche die Kurhausbühne vollkommen füllt, oder die packende Stimme des Erzählers, sondern die charismatische Souveränität des erfahrenen Darstellers, die das Publikum vom ersten Augenblick an für sich einnimmt. Er verlässt die Bühne zwischen seinen Monologen nicht, sondern blickt vom Rande auf die Szenerie, die er beschreibt. Die wunderbare Theatermusikerin Tatjana Bulava macht es ihm gleich, sie scheint entspannt die Geschichte zu genießen, um dann und wann eine Melodie auf ihrem Akkordeon hineinflechten zu wollen.

Zu Hochform läuft Peter Bause dann beinahe schon erwartungsgemäß als unberechenbarer, trunksüchtiger Richter auf. Habgier ist ihm zuwider, trotz mächtigem Rausches sind die Gedanken des Rechtssprechers verblüffend klar genug, um die richtige Entscheidung zu fällen und das Kind zu dessen Wohle (eine entzückende Alicia) der Herzensmutter zuzusprechen.

Die maskierten Schauspieler lassen bei diesem Stück die eigene Person in der Garderobe zurück, um für einige Minuten ihres Lebens die Brecht-Figur des Augenblicks zu sein. Dem Zuschauer ist dabei oft nicht mehr ersichtlich, wer hinter der Rolle steht. Die Figuren verschwimmen dabei zu einem markanten Charakterteppich.

Das Stück ist damit nur so gut, wie der schwächste der Darsteller – und damit ist das meiste bereits gesagt, denn auch die kleinsten Rollen nimmt dieses herrliche Ensemble bis ins winzigste Detail ernst, sodass diese packende Inszenierung von Der Kaukasische Kreidekreis nur als rundum gelungen bezeichnet werden kann.