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10. Januar 2012 18:38 Uhr

Hochschwarzwald

Servicewüste Titisee – Kurort ohne Post- und Bahnagentur

Titisee ist einer der berühmtesten Touristenorte im Hochschwarzwald – doch in Sachen Service müssen Urlauber und Einheimische auf vieles verzichten: Nach der Bahn- schließt auch die Postagentur.

  1. Die Bahnagentur ist bereits geschlossen und im Kurort Titisee gibt es bald auch keine Post mehr. Postagenturbetreiber Thomas Meyer hat die Verträge im Bahnhof Titisee gekündigt. Foto: Thomas Winckelmann

  2. Trostloser Anblick: Am ehemaligen Eingang der Bahnagentur im Bahnhof Titisee klebt immer noch der Hinweis auf den bereits vor drei Jahren erfolgten Umzug. Foto: Thomas Winckelmann

"Post und Bahn können nicht nur nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten ausgerichtet werden, sie haben auch eine soziale Aufgabe", meint ein Titiseer BZ-Leser. Er steht mit dieser Meinung nicht alleine, das Problem bestimmt zunehmend die Diskussionen im Kurort. Die Postagentur in Titisee wird geschlossen, die Bahnagentur gibt es nicht mehr. Tausende Urlauber müssen, ebenso wie die Einheimischen, auf die Dienste und Auskünfte von Post und Bahn verzichten, wenn sich nicht rasch eine Lösung findet.

Bürgermeister will "alle Hebel in Bewegung setzen"

"Da muss doch auch einmal der Bürgermeister antreten", meinte ein anderer Titiseer im Gespräch mit der BZ. Man werde von der Stadt aus "alle Hebel in Bewegung setzten", um eine Änderung zu erreichen, erklärte dazu am Dienstag Bürgermeister Armin Hinterseh und bekräftigte: "Das ist für uns eine Katastrophe." Der Rathauschef erklärte, dass die Stadt erst jetzt und sehr kurzfristig über die neue Situation bei der Bahn informiert worden sei. Für Titisee seien sowohl die Bahnagentur wie die Poststelle "sehr wichtig", bestätigte Hinterseh. Von der Post sei die Stadt allerdings bisher noch nicht offiziell informiert worden. Kaum vorstellen kann sich Hinterseh, dass das Modell, wie es in Breitnau umgesetzt wurde, in Titisee funktioniert. In Breitnau hat die Hochschwarzwald Tourismus GmbH die Postagentur in die Touristinfo übernommen. Die Touristinfo in Titisee sei, so Hinterseh, aufgrund der vielen Tagestouristen die am stärksten gefragte Informationsstelle der HTG. Ob hier bei Hochbetrieb in der Saison auch der Postbetrieb in einer vernünftigen Qualität übernommen werden kann, sei für ihn sehr fraglich. Eine Bahnagentur müsse nach Meinung des Bürgermeisters auf jeden Fall im Bereich des Bahnhofes angesiedelt werden. Hinterseh: "Wir werden alles Mögliche tun, um das hinzukriegen".

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"Das ist für uns eine Katastrophe." Bürgermeister Hinterseh
Wie von der BZ bereits am 25. Oktober 2011 berichtet, hatte der bisherige Inhaber der Bahnagentur, Michael Waibel, den Vertrag mit der Bahn zum Jahresende gekündigt. Er hatte in der Vergangenheit immer wieder kritisiert, dass er viele Beratungsaufgaben übernehmen musste, ohne dafür eine entsprechende Vergütung zu erhalten. Auch die Konusregelung, die kostenlose Nutzung des Nahverkehrs für Urlauber, habe den Umsatz der Bahnagentur drastisch gemindert.

Die Post findet keinen Interessenten am See

Die Bahn selbst macht auf Anfrage der BZ kaum Hoffnungen auf eine Lösung des Problems. Man habe versucht eine Nachfolgeregelung zu finden, erklärte gestern die Pressestelle der Bahn, allerdings ohne Erfolg. Und in Stuttgart lässt man keinen Zweifel daran, dass sich daran nichts ändern werde. Eine Agentur in Titisee sei aufgrund der sehr geringen Umsätze nicht wirtschaftlich zu betreiben, heißt es bei der Bahn, die darauf verweist, dass es in Neustadt eine Agentur gebe, zudem im Bahnhof Titisee die Fahrkartenautomaten der neuesten Generation stehen und man auf Anfrage auch für interessierte Gruppen Automatenschulungen anbiete. Gespräche mit der Stadt hätten zum Thema Bahnagentur nicht stattgefunden.

"Kein Interesse" hat der Inhaber der Bahnagentur und des Reisebüros im Neustädter Bahnhof, Thomas Binder, an einer Übernahme einer Agentur in Titisee. Er hätte sich theoretisch eine Kombination aus Post- und Bahnagentur in Titisee vorstellen können, die Provisionen seien allerdings bei beiden Unternehmen nur bescheiden. Das größte Ärgernis ist auch für ihn die Konus-Karte. Vor allem in der Hochsaison kämen bis zu 50 Personen täglich in die Agentur, um sich nach Bahn- und Busverbindungen zu erkundigen. "Verlangen darf man dafür nichts", sagt Binder und ärgert sich, dass trotz langer Verhandlungen von Seiten der Bahn kein Angebot zur Vergütung gemacht wurde. Der Vorschlag, die Agenturen mit Centbeträgen aus der Konusbeteiligung der Gemeinden zu entschädigen, sei von der Schwarzwald Tourismus GmbH abgelehnt worden. Binder: "Wenn die Leute jetzt fragen, sage ich oft, ich hab’ keine Zeit, auch wenn es die Gäste ärgert."

Postagentur verbucht geringe Umsätze

Auch bei der Post in Titisee gehen am 31. März die Lichter aus. Thomas Meyer, der bisher die Postagentur im Bahnhof Titisee betrieben hat, will das Geschäft aus privaten Gründen aufgeben und hat die Verträge gekündigt. "Wir haben mit allen in Frage kommenden Geschäftsinhabern in Titisee gesprochen, ein konkretes Ergebnis gibt es aber noch nicht", erklärte dazu Post-Pressesprecher Hugo Gimber. Noch im Januar werde dazu ein Gespräch mit dem Bürgermeister stattfinden. In Titisee mehren sich allerdings die Zweifel, ob die Post tatsächlich ein ernsthaftes Interesse daran hat, weiterhin eine Agentur zu betreiben. Der Postvorstand hat sich in der Universaldienstleistungsverordnung verpflichtet in allen zusammenhängend bebauten Orten über 2000 Einwohner eine Poststelle aufrecht zu erhalten. Titisee verbucht zwar über 500.000 Übernachtungen im Jahr, liegt aber mit der Einwohnerzahl nur knapp über der von der Post vorgegebenen Marke.

"Ich denke nicht, dass das jemand machen will", meint Agenturbetreiber Meyer aus seiner Kenntnis der Seemer Geschäftswelt. Auch er sieht einen Grund darin, dass die Umsätze der Postagentur im Touristenort zu gering sind. Er plant ein Geschäft in seiner Heimat am Hochrhein, unter anderem mit einem Paketannahmeservice für Schweizer Kunden.

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Autor: Thomas Winckelmann