Wo ’s Rieb-Isä än Fadä ilismäd

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Von Peter Stellmach, Ralf Morys, Martin Wunderle, Bernhard Rein & Tanja Bury

Di, 21. Februar 2017

Titisee-Neustadt

BZ-UMFRAGE zum internationalen Tag der Muttersprache: Lieblingswörter in Dialekt und Begebenheiten, die sich um die Mundart drehen.

HOCHSCHWARZWALD. Man kann Schriftdeutsch sprechen oder ma ka Dialekt schwätze. Entscheidet man sich für Mundart, lässt sich manches liebevoller, schneller oder prägnanter sagen. Beispiel gefällig? Statt "Bunt sind schon die Wälder" heißt es "s’herbschtelet". Den schönen, aber selten gewordenen Lieblingsbegriffen in Dialekt widmet sich die BZ heute, am internationalen Tag der Muttersprache, mit einer Umfrage – die isch chaibe guet wore.

Damit ist der Dialekt-Favorit von Max Steurenthaler schon genannt. Der Seemer und Muettersprochler im Mundartkreis Hochschwarzwald hört und sagt chaibe guet am liebsten. "Das geht runter wie Öl und tut gut, egal ob man es gesagt bekommt oder dem anderen sagen kann", sagt Steurenthaler. "Chaibe guet" sei eben nicht nur gut oder sehr gut, "es ist zum Wohlfühlen gut".

Schiet an Boom ist eine Wendung, die Fiede Edlefsen gefällt, der 70-jährige Titiseer stammt von der Insel Pellworm, die Übersetzung des Friesenspruchs kennt man hier aber auch: Schießdreck. Seine Frau Angelika, die Magd vom Bierhus, findet es lustig, wenn sich Touristen hierüber freuen: Treffen sich zwei, fragt der eine den anderen "Bisch au e weng unterwegs?" Man könnte es wörtlich übersetzen oder übertragen in "Schön dich zu sehen". Die Ur-Seemerin erzählt aber begeistert von einem Dialog unlängst in einer Wirtschaft: Ein Junge ging zur Theke und fragte die Bedienung "Ka i e Fanta ha?" Die Frau verstand nichts, und er fragte erneut: "Ka i e Fanta ha?" Wieder Bahnhof – der Junge zunehmend ungeduldig. Bis Angelika Edlefsen einsprang und übersetzte. Darauf die Bedienung, die nicht von hier stammte: "Warum sagt er das nicht gleich?"

Realschulrektorin Christina Bronner ist im fränkischen Hohenlohe aufgewachsen und erinnert sich besonders an die Worte Gaggele (für Hühnerei) und Daachbieredolde für einen Menschen, der sich unbeholfen anstellt oder Unfug macht, freundlich gesagt, zu Deutsch ein Depp. Besonders gefällt ihr auch der Begriff Moggeleslogge für kleine und feine Lockenpracht auf dem Kopf, eben wie von einem jungen Kalb (ein Moggele).

Wolfgang Winterhalder aus Rudenberg kennt Dochdle als "Frau, die Lerninhalte langsam aufnimmt und auch sonst nicht die Schnellste ist" und Rupfli als Mann, der leicht verwahrlost ist und auch wenig Wert auf das Äußere legt.

Clemens Winkler, Vizechef beim Polizeirevier Titisee-Neustadt, stammt aus Todtnau-Herrenschwand. Von dort fällt ihm ein, dass ein Hei-Liecher (ohne Garantie auf die Schreibweise) ein harpunenähnlicher Gegenstand ist, mit dem man Heu aus dem Heustock zupfte, um es an die Kühe zu verfüttern. Der Schniedesel ist eine Sitzbank mit Klemmvorrichtung, mit den Füßen zu betätigen; so wird ein Werkstück aus Holz zum Bearbeiten mit einem Ziehmesser eingespannt. Und alles isch undr obsi heißt alles durcheinander. "Letz umme" ist verkehrt herum (Du häsch di Hemd letz umme a).

Marion Liebermann ist gewissermaßen Weltbürgerin, das heißt, sie wohnt im Spriegelsbach und ist für die Tourismusgesellschaft in Löffingen tätig, wo sie mit dem Dialekt aufgewachsen ist. Ihr fallen sofort drei Begriffe ein: Der Zieschdig klingt schöner als der Dienstag, die Enewietler sind die Zeitgenossen, die diesseits der Wutach wohnen (im Gegensatz dazu die Denewietler), und es tribiliert, wer drängelt. Wer mehr über den Löffinger Dialekt erfahren möchte: In der Tourist-Info steht im Regal Udo Scherers Standardwerk "Bi is dähom z’ Leffingä", im Untertitel "wimmer bi iis schwätzt".

Für Jürgen Benitz vom Schanzenteam ist Dialekt Alltag, aber auf Anhieb fallen ihm nur Begriffe ein wie Hammerstrumpf für Schinken oder Grummholz für Wagner ein. Daneben gibt es so schöne Wörter, die keiner Übersetzung bedürfen: Heigumper, Grasdackel, Lumpeseggel, ...

Vom Höchenschwander Berg ist Lothar Huber nach Neustadt herabgestiegen. Seither ist der Dialekt "sehr auf dem Rückzug", hat er festgestellt: "Als ich bei einem Besuch einem Jungen das Wort Hag-Seicher erklären musste, wurde mir das so richtig bewusst." Huber nennt einige Beispiele für Mundart. So heißt än Fadä ilismä einen Faden in das Nadelöhr einführen. Und wenn er sagt, sell isch än Hei-Lücher kann das ebenso ein Gerät mit Eisenhaken sein, um das Heu aus dem Heustock herauszuziehen, wie auch ein Mann, der manchmal eigenwillig zu seiner Umwelt ist. Da ist es nicht weit zum Rieb-Isä: ein Gerät, um Holz, Metall oder sonstige Gegenstände zu glätten, und eine Frau, die sich vor allem gegen Männer sehr dominant verhält.

Martin Vogelbacher vom städtischen Sozialamt hat schon früher von alten Neustädtern den Ausdruck Saras gehört, es steht für Schwips oder einen leichten Alkoholrausch. Vogelbacher verwendet den Ausdruck gern nach dem Motto: Das Fest war schön und einige hatten einen Saras.

In Eisenbach nennt Inge Haberstroh ä Huckfidle eine Frau, die es sehr gerne und sehr lange in geselliger Runde aushält. Als än Schofseckl bezeichnet Lothar Demattio jemanden, der ihn nach typischen alemannischen Worten oder Redewendungen fragt. Übersetzt: ein unbequemer Mensch, abwertend gemeint. "Ugfierig" sagt Thomas Schwörer, wenn bei ihm etwas nicht so funktioniert, wie es eigentlich laufen sollte.

"Scheese" fällt Kappels Ortsvorsteherin Christa Winterhalter ein. Damit meint sie ein lustiges Kind, mit dem man herum blödelt, das Wort steht aber auch für einen Kinderwagen. "Der will mich nur verhohnepipeln": Helga Reichenbach vom Heimathus in Schluchsee, die Fachfrau für alles rund um Tracht und überlieferte Handwerkskünste, fällt dieser Satz ein. Auf hochdeutsch heißt es: "Der will mich für dumm verkaufen." An der BZ-Umfrage beteiligt sie sich gerne, weil die Mundart gepflegt und erhalten werden müsse. Und auf keinen Fall dürfe man sich für den Dialekt schämen. Dies hat sie erst am Sonntag einem Mädchen aus der Schweiz erklärt, das ihr etwas erzählen wollte. Bevor das Mädchen loslegte, fragte es seine Eltern: "Gell, jetzt muss ich hochdütsch reden." Helga Reichenbach fragte, wie es denn darauf komme. Die Kleine antwortete: "In der Schule heißt es, wenn man im Ausland schweizerdütsch redet, ist das unhöflich. Man muss hochdütsch sprechen." Im Heimathus dürfe jeder seinen Dialekt sprechen, klärte Helga Reichenbach das Mädchen auf, das dann in Mundart redete.

Muckeseggeli bedeutet winzig, ein ganz klein wenig, weiß Gerdi Wiemer aus Lenzkirch. Sie erinnert sich daran, dass ihre Verwandtschaft im hohen Norden auf Kriegsfuß mit dem O-Ton Süd stand und das Dialektsprechen sogar als Zeichen geringer Bildung ansah. Aber das hat sich zwischenzeitlich geändert. Hutsimpel ist das Lieblingswort von Günter Mahler aus Altglashütten. Damit wird jemand umschrieben, der Blödsinn redet.

Ur-Seppenhofer ist Kuno Schlatter, der seine Bronchitis und seinen Husten so erklärt: "Ech bin ziemlich malad, hoff aber, ech überhau’s. Hoffentli isch mir’s bald wieder vögeliwohl." Wenn etwas gut klappt, heißt es, es battet. Und über nicht besonders fleißige Schülern sagt der Lehrer zu Kollegen schon einmal: "Des isch än stinkfuule Siech" – der Schüler ist ausgesprochen faul. Während viele Menschen zum Frühstück gerne Marmelade essen, sagt r: "Ech iss zum Zmorgeesse Beermusbrot" Aber, glücklicherweise: "Mit Herdepfelsalot und em Schunke verhunger ech nitt" (Mit Kartoffelsalat und einem Schwarzwälder Schinken verhungere ich nicht.

Manfred Furtwängler, Ortsvorsteher von Göschweiler, fällt der Begriff Schittschtoa ein. Gemeint ist damit die Spüle in der Küche. Und auch e Zoane, also ein Korb mit zwei Henkeln, kommt ihm ins Gedächtnis. Ehrennarrenvater Hermann Nägele von den Löffinger Laternenbrüdern denkt erst kurz nach, dann aber sprudelt es aus ihm heraus. Schnäppere ist ein Brett an einem großen Leiterwagen, auf dem er als Kind öfter saß. Den Begriff Schnitte, der auf hochdeutsch Marmelade heißt, kennt er noch von seiner Mutter, die aus Ewattingen stammt. Anke ist das alemannische Wort für Butter, Sprießeli für dünnes Holz, das gerne zum Anzünden verwendet wird, Schnuddernos für Schnupfen und Rotzleffel ist die Umschreibung für einen Lausbuben.

Die Rubrik "Wortschätzle" mit schönen, seltenen Dialektwörtern gibt’s noch: Begriffe können an redaktion.titisee-neustadt@badische-zeitung.de geschickt werden.