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06. August 2011

Ziel Selbstbestimmung

Jasminka Misic von der Lebenshilfe begleitet Menschen mit Behinderung beim persönlichen Budget.

  1. Jasminka Misic, hier im Büro der Lebenshilfe in Neustadt, ist die Beraterin und Vermittlerin für das persönliche Budget. Foto: Peter Stellmach

TITISEE-NEUSTADT. Einen neuen Weg, ein selbstbestimmteres Leben zu führen, zeigt ein Projekt der Lebenshilfe Südschwarzwald jetzt Menschen mit einer Behinderung sowie deren Angehörigen. Hinter dem Stichwort "persönliches Budget" verbirgt sich die Möglichkeit, Sachleistungen selbst zu gestalten. Beratung und Hilfestellung gibt als Vermittlerin Jasminka Misic, die in ihrer von der Aktion Mensch mitgetragenen Tätigkeit an zwei Tagen wöchentlich in Neustadt sitzt. Aufgabe der 31-jährigen Diplom-Pädagogin ist es auch, die Lebenshilfe-Mitarbeiter zu schulen, damit diese künftig ihren Schützlingen genau so helfen können.

Das wohl eingängigste Beispiel betrifft das Wohnen. Menschen mit einer Behinderung – sei es körperlich, geistig oder seelisch – leben oft in einem Wohnheim, sie haben einen Anspruch darauf, der Platz wird vom Sozialamt bezahlt. Doch bei allen Bequemlichkeiten, die so eine Bleibe bieten mag – manch einer wäre gern sein eigener Herr in eigenen vier Wänden. Über das Modell persönliches Budget kann man sich das Geld, das für den Wohnheimplatz angesetzt ist, auszahlen lassen, um eine eigene Wohnung zu mieten. Und wenn man das Vorhaben nicht aus eigener Kraft zu bewältigen in der Lage ist, kann man sich die Mittel geben lassen, um Nachbarn, Freunde oder eine Einrichtung anzustellen: Für welche Hilfe, wer das ist und wann sie kommt, entscheidet man selbst. Gleiches gilt übrigens auch, wenn man – wie gerade im Hochschwarzwald oft der Fall – noch bei den Eltern wohnt und, weil die nicht mehr alles schaffen, beispielsweise eine Haushaltshilfe benötigt. So kann der Familienverband zusammen bleiben.

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Die vorgezeichneten Strukturen sollen aufgebrochen werden

Ebenso kann man sich Mobilität sichern, gerade im Hochschwarzwald kann das ja ein Problem sein, wie Jasminka Misic und Lebenshilfe-Geschäftsführer Uli Pfeiffer wissen: Wenn der öffentliche Nahverkehr nicht genügt, um Bildungs- oder Freizeitangebote zu erreichen, kann man sich einen Fahrdienst organisieren oder, wenn es an Freizeitangeboten vor Ort mangelt, auch die Angebote andernorts erschließen, sei es Fitness, sei es ein Volkshochschulkurs, und eine Begleitperson dazu buchen. Auch die Mitwirkung im Vereinsleben kann so gesichert werden. Die Teilhabe an solchen Veranstaltungen ist die Voraussetzung dafür, die für Behinderte vorgezeichneten Strukturen aufzubrechen – Pfeiffer spricht von der "optimierten Behindertenhilfe" – , der Ausgrenzung vorzubeugen und die Integration in die Gesellschaft zu fördern.

Alles muss genau ausgeklügelt und ausgerechnet werden

Wer lieber nicht in einer beschützenden Werkstätte arbeiten möchte, kann sich eine Stelle außerhalb suchen; aus dem persönlichen Budget kann er entweder jemanden bezahlen, der ihm direkt bei der Arbeit hilft, oder der Chef bekommt einen Ausgleich dafür, dass er sich immer wieder Zeit nimmt zur Anleitung.

Jasminka Misic spricht mit den Behinderten über deren Wünsche, zeigt ihnen auf, was möglich ist und was nicht. Sie hilft ihnen, bei den Leistungsträgern den finanziellen Rahmen auszuhandeln, gelegentlich auch widerstreitende Vorstellungen zu moderieren und (notfalls gerichtlich) durchzusetzen. Uli Pfeiffer spricht vom "Rohrreinigen", also vom Sachverhalte-klären und den Weg-frei-machen. Es sei ein kompliziertes Thema, wissen beide. Alles muss genau ausgeklügelt und ausgerechnet werden. Normalität und Qualität werden als Kriterien angelegt, Zielvereinbarungen getroffen und regelmäßig geprüft. Alle Leistungen müssen nachgewiesen werden. Die Pädagogin ist auch bei der Verwaltung des persönlichen Budgets behilflich und steht beim Einkaufen der Hilfen bei.

Alles muss auch gut überlegt sein. Der Schritt in die Selbstbestimmung sei nicht unbedingt der einfache Weg, sagt Uli Pfeiffer. "Es braucht einen langen Atem", weiß Jasminka Misic, und es könne am Ende die Einsicht keimen, dass es besser wäre, alles beim Alten zu belassen.

Dennoch arbeitet die Lebenshilfe mit Eifer daran und will nichts unversucht lassen, für die Hilfe zur Selbsthilfe zu werben. 10 000 Prospekte werden verteilt, Kontakt zu Behinderteneinrichtungen wird gesucht ebenso wie zu Gruppen, Schulen und sonstigen Drehscheiben und Vervielfachern der Information.

Wer sich für das persönliche Budget interessiert, kann sich bei Jasminka Misic melden: Tel. 0761- 47 99 98-07 oder ihr ein Mail schreiben (misic@lebenshilfe-rvsb.de) oder sich bei der Lebenshilfe Südschwarzwald in Neustadt melden (Tel. 07651-4842) oder sich im Internet unter http://www.lebenshilfe-rvsb informieren.

Autor: Peter Stellmach