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29. Mai 2012 08:42 Uhr

Interview

Traumatisierte Kinder brauchen Sicherheit

Sie können Lehrern, Erziehern oder Pflegeeltern das Leben schwer machen: Kinder und Jugendliche, die provozieren, störrisch oder aggressiv sind. Meist gibt es dafür einen guten Grund.

  1. Wenn ein Kind schnell aggressiv wird, steckt vielleicht ein schlimmes Erlebnis dahinter. Foto: dpa

  2. Wilma Weiß Foto: Anita Rüffer

Das behauptet Wilma Weiß (60). sprach mit der "Mutter der Traumapädagogik in Deutschland" am Rande einer Tagung an der Freiburger Evangelischen Hochschule.

BZ: Frau Weiß, was ist Traumapädagogik, und wie sind Sie dazu gekommen?
Weiß: Ich arbeite seit 1973 in unterschiedlichen Arbeitsfeldern der Kinder- und Jugendhilfe und habe viele schwer belastete und traumatisierte Mädchen und Jungen kennengelernt mit ihren Schwierigkeiten und ihren Stärken. Dabei ist mir aufgefallen, dass die Pädagogik viel zur Bearbeitung ihrer Traumata beitragen kann.

BZ: Gehören traumatisierte Kinder nicht eher in die Obhut von Therapeuten?
Weiß: Traumabearbeitung ist – wie wir es nennen – Selbstbemächtigung im Alltag. Die Kinder sollen ihre Reaktionen verstehen und steuern können. Sie müssen erkennen, was ihnen Stress macht und wie sie ihn regulieren können. Bislang übertragen sie ihre negativen Erfahrungen in ihre gegenwärtigen Beziehungen. Das können sie nur im Alltag in Schule und Kindergarten, im Heim oder bei Pflegeeltern verändern mit Hilfe ihrer Bezugspersonen. Sie sind darauf angewiesen, dass diese nicht blind agieren, sondern adäquat auf sie reagieren. Pädagogen und Pflegeeltern, die wissen, wie sich Traumata auf Verhalten, Empfinden und Denken auswirken, sind die beste Grundlage, ein Trauma zu bearbeiten. Therapeutische Unterstützung kann dabei sinnvoll sein. Aber einen Traumatherapeuten muss man erst mal finden. So viele gibt es nicht.

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Belastete Kinder
gibt es überall
BZ: Von welchen Kindern sprechen wir? Was haben sie hinter sich?
Weiß: Sie leben ja nicht ohne Grund in einem Heim oder bei Pflegeeltern: Es handelt sich um extrem vernachlässigte Kinder, die geschlagen oder sexuell missbraucht wurden, deren Eltern psychisch krank oder von Drogen abhängig sind. Sie haben dabei Überlebensstrategien entwickelt, mit denen sie in einer anderen Umgebung anecken und sich selbst das Leben schwer machen. Aber es geht nicht nur um diese Extremfälle. Belastete Kinder gibt es überall.

BZ: Woran sind sie zu erkennen?
Weiß: In der Schule sind sie nicht wirklich anwesend und bringen oft schlechte Leistungen. "Ich bin wie ein Geist, der an der Decke schwebt und auf mich runterschaut", hat ein traumatisiertes Mädchen mal ihren Zustand beschrieben, den Fachleute als Dissoziation bezeichnen. Diese Kinder werden in der Schule isoliert, haben keine Freunde, fühlen sich selbst als nicht zugehörig. Zumal sie schnell aus der Haut fahren und auf Kleinigkeiten überreagieren. Traumata verändern das Gehirn: Es ist ständig in Alarmbereitschaft. Einfache Sätze wie "Was guckst du?" können existentielle Krisen auslösen.

BZ: Da muss doch auch Pädagogen, Pflegeeltern und Erziehern manchmal der Kragen platzen, wenn ihre Geduld ständig auf die Probe gestellt wird.
Weiß: Sie haben eine hochkomplexe Aufgabe und übernehmen den Hauptanteil der Traumaarbeit. Deshalb brauchen sie viel Fachwissen und Supervision, damit sie die Übertragung aus der Lebensgeschichte des Kindes in ihre pädagogische Gegenwart erkennen können und wissen, dass sie selbst mit diesem Verhalten gar nicht gemeint sind. Es muss ihnen klar werden, dass das Kind einen guten Grund hat, sich so und nicht anders zu verhalten.

BZ: Fallen Ihnen konkrete Beispiele für so eine Übertragung ein?
Weiß: Ein Junge, der mit seiner Gruppe einen Ausflug machen wollte, hatte seinen Anorak vergessen. Er war nicht dazu zu bringen, zurückzugehen und ihn zu holen aus Angst, dass die Gruppe weg sei, wenn er zurückkäme. Denn genauso ist es ihm passiert mit seinen Eltern und Geschwistern: Sie hatten ihn allein zurückgelassen, als er seine Jacke holen sollte. Oder ein Kind, das sein Essen bunkert, will dafür sorgen, dass es nie mehr verhungert. Als Baby war es nahe daran gewesen, so sehr hatten die Eltern es vernachlässigt. Ein anderes fühlt sich erneut im Stich gelassen, wenn die Pflegemutter einkaufen geht, ohne ihm Bescheid zu sagen. So war seine leibliche Mutter weggegangen und nie mehr wieder gekommen.

BZ: Was brauchen diese Kinder und Jugendlichen?
Weiß: Sie brauchen vor allem die Erfahrung, dass da jemand ist, der sie wirklich gut leiden kann und ihr Verhalten versteht. Schwer traumatisierte Kinder brauchen eine sichere Bindung. Sie kann ihnen helfen, sich selbst besser zu spüren und am Leben teilzuhaben, statt immer wieder abzudriften.

BZ: Ist denn die Traumapädagogik Bestandteil der regulären Ausbildung von Pädagogen? Vermutlich kommt in jedem pädagogischen Zusammenhang mehr oder weniger störendes Verhalten vor, hinter dem mehr steckt als die pure Lust an der Aggression.
Weiß: Bisher gibt es nur zertifizierte Weiterbildungen. Wir halten es für dringend nötig, dass dieses Fachgebiet Bestandteil der regulären Ausbildung bei Lehrerinnen, psychosozialen Fachkräften und Erziehern wird. Nicht allein zum Wohl der belasteten Kinder. Mehr Wissen darüber könnte auch Pädagogen und Pflegeeltern ihren schwierigen Alltag erleichtern.

Autor: Anita Rüffer