Triathlon

Wie eine Zahn-OP das Knie-Martyrium des Broggingers Jonathan Zipf beendete

Matthias Kaufhold

Von Matthias Kaufhold

Fr, 28. Oktober 2016

Triathlon

Triathlet Jonathan Zipf hat eine lange Leidenszeit hinter sich. Mit der olympischen Variante hat er aber längst nicht abgeschlossen, erst recht, nachdem man die Ursache seiner Knieprobleme herausfand: eine unvollständige Wurzelbehandlung an einem Zahn.

TRIATHLON. Jonathan Zipf gibt auf. Er kann nicht mehr. Ausdauernd hat der 30-jährige Triathlet den Turm von einem Sandwich in einem Freiburger Kaffeehaus klein gegessen. Der mikadostabgroße Holzspieß, der beim Servieren fast vollständig in diesem Gebirge aus Brot und Fleisch verschwand, ruht nun zwar nutzlos am Tellerrand; doch das Mittelstück der Hähnchenbrust überfordert den hageren Blondschopf. Jonathan Zipf kapituliert. Beim Essen. In seiner Sportart gibt der Ausdauersportler aus dem kleinen Ort Broggingen bei Herbolzheim so schnell nicht klein bei. Zipf musste so viele Nackenschläge einstecken wie vielleicht kein anderer deutscher Spitzentriathlet auf der olympischen Kurzdistanz.

Die Probleme begannen 2012. Knapp hatte Zipf, der 2005 nach seinem zweiten Platz bei der Junioren-Weltmeisterschaft an den Bundesstützpunkt nach Saarbrücken gezogen war, die Olympia-Qualifikation für London verpasst – trotz mehrerer Top-Ten-Plätze bei hochklassigen Rennen und Rang zwölf in Madrid bei der Serie des Triathlon-Weltverbandes ITU. Doch er fühlte sich schon 2012 ausgelaugt und überstrapaziert.

Ursache für den Dauerschmerz der Patellasehne: ein Zahn

Eine Leistenoperation sollte seine körperlichen Beschwerden lindern, sie tat es aber nicht. Die Schmerzen verlagerten sich auf die Patellasehne, die bald dermaßen rebellierte, als ob jemand dauerhaft ein Messer unterhalb des Knies hineinstoßen würde. Eine Odyssee über Arztpraxen und Therapiezentren setzte ein, doch scheinbar niemand konnte Zipf helfen. Parallel schlug er sich mit Erkältungen herum, bekam immer wieder Rückfälle. "Ich hatte schon im Stehen Schmerzen und war weit weg vom Leistungssport", sagt er rückblickend.

Das Übel des Sportsoldaten packte schließlich ein Bundeswehr-Arzt bei der Wurzel – und das im wahrsten Sinne des Wortes: Der Arzt stellte fest, dass bei der früheren Wurzelbehandlung eines Backenzahns lediglich drei von vier Kanälen stillgelegt worden waren. Zipf klagte zwar nicht über Zahnschmerzen, doch der Körper setzte sich wohl unterschwellig pausenlos mit der Kieferregion auseinander. Schon als Zipf die Betäubung für die Zahn-OP kurz vor Weihnachten 2014 erhielt, verschwanden mit einem Schlag die Schmerzen im Knie. "Mein Immunsystem war vier Jahre lang damit beschäftigt, das Wurzelproblem in den Griff zu bekommen", erklärt er. Dadurch litt die Abwehr gegen alle anderen Dinge, die auf die Physis einströmten.

Seitdem fühlt sich Zipf wie in einem neuen Körper. Beim Wettkampf der neunteiligen ITU-Weltserie in Hamburg schoss er in diesem Jahr auf Platz zehn und gewann mit der deutschen Mixed-Staffel WM-Bronze. Nach dem achten Platz im kanadischen Edmonton schien in der Gesamtwertung der ITU-Weltserie erstmals ein Platz unter den Top 15 möglich – ehe ihn vor dem WM-Finale im mexikanischen Cozumel der nächste Rückschlag ereilte: In der Wettkampfvorbereitung infizierte sich Zipf wohl durch einen Mückenstich mit dem Zika-Virus und musste seinen Start deshalb absagen. Rang 26 im Gesamtklassement garantiert dem B-Kader-Athleten für die nächste Saison dennoch einen festen Startplatz.

Er hat noch mindestens eine Rechnung offen in diesem Sport und möchte endlich sein Potenzial ausschöpfen. Der Ehrgeiz ist ungebrochen. "Ich will nächstes Jahr so gut sein, wie ich es noch nicht war", sagt er. Nach zwei verpassten Olympia-Teilnahmen ist Tokio 2020 zwar irgendwo im Hinterkopf, "aber im Moment noch weit weg", so der Wahl-Saarbrücker.

Die Kritik an den deutschen Olympia-Triathleten, die momentan im Gegensatz zu den Langdistanzlern um den zweifachen Ironman-Champion Jan Frodeno oder den Freiburger Andreas Böcherer der Weltelite hinterherlaufen, findet er ein Stück weit ungerecht. Als um 2012 auf der Kurzstrecke der Generationswechsel einsetzte, ältere Triathleten aufhörten oder wie Olympiasieger Frodeno auf die Langstrecke wechselten, blieben gerade vier echte Olympia-Kandidaten übrig. Zwei davon, Zipf und Steffen Justus, setzten Krankheits- und Verletzungsprobleme zu. Für Zipf kam die Olympia-Qualifikation nach seiner langen Leidenszeit ein halbes Jahr zu früh.

Der beinharte Konkurrenzkampf auf der Kurzstrecke, auf der die ersten 20 oft nur Sekunden auseinander liegen, macht die Sache nicht leichter. Bei allen Weltserienrennen ist praktisch die komplette Weltelite am Start. Hier unter die besten Acht zu kommen, ist viel schwieriger als bei einem Rennen der Ironman-Serie, wo sich die besten Langdistanz-Profis abseits von Hawaii oft aus dem Weg gehen.

Zipf weiß, dass er große Fußstapfen vor sich hat. "Wir werden alle an Jan Frodeno gemessen", sagt er. Der Brogginger, der beim TNB Malterdingen unter Michael Brucker eine erfolgreiche Juniorenzeit erlebte, kann sich vorstellen, in ein paar Jahren auf die Mitteldistanz zu wechseln. Einstweilen behält das laufstarke Leichtgewicht, das 64 Kilogramm auf 1,81 Meter Körperlänge verteilt, aber die schnelle Variante seines Sports im Blick. Denn: "Ich habe noch nicht das erreicht, was ich erreichen will." Der Hunger ist groß auf die Filetstücke seines Sports. Von einem Burger kann man dafür schon mal was übrig lassen.