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25. September 2014

Überlegtes Chaos als gute Mélange

"GSH-Fokus – Kunst vor Ort" heißt die aktuelle Ausstellung von neun Künstlern im Georg-Scholz-Haus.

  1. Die beteiligten Künstler: Nina Stanyak, Helga Bauer, Volker Lindemann, Klaus Zeiberts, Andreas Heinzelmann, Ulrike Kaltenbach, Ulrich Voigt, Silke Frosch mit Sohn Per und Nora Jacobi (von links, nicht im Bild Jobst Schneider). Foto: Ernst Hubert Bilke

  2. Die Fähigkeit, auch anstrengende Taten leicht und mühelos erscheinen zu lassen, die „„Sprezzatura“ , beschrieb Baldassare Castiglione im 15. Jahrhundert als erstrebenswerte Gabe. In ihrem 120 mal145 Zentimeter großen Bild inzeniert Silke Frosch den Begriff. Foto: Ernst Hubert Bilke

  3. Die „„Sägeblattblume“ , Kollage (2005) , 81 mal 65 Zentimeter, von Jobst Schneider, ist ein typisches Werk von ihm. Er verarbeitete gern unterschiedlichste Materialien. Foto: Ernst Hubert Bilke

WALDKIRCH. "GSH-Fokus – Kunst vor Ort" heißt die aktuelle Ausstellung im Georg-Scholz-Haus, weil dort noch bis zum 12. Oktober das Augenmerk auf Gemälde, Grafiken, Collagen, Skulpturen und Installationen gerichtet ist, die Künstler geschaffen haben, die im Elztal arbeiten. Kurator der Ausstellung ist Roland Krieg, der mit dem Künstler Jürgen Meyer-Isenmann eine Kunstmelange zusammengestellt hat, die von der Synergie der kontrastharmonischen Eindrücke lebt, welche in einem Raum bisweilen gegensätzlich präsentierte Werke wecken.

So fällt in der zweiten Etage der Blick aus dem Fenster auf vom Winde verwehtes, noch grünes Laub, das Ulrike Kaltembach in ihrer Schmelzglasskulptur "Lichtstreif", die auf der Fensterbank steht, eingefangen zu haben scheint. Die Platzierung der Werke wirkt nicht immer auf den ersten Blick so durchdacht wie da.

Wer sucht, findet aber gemeinsame Nenner. So passen zum Eindruck Transparenz, den Glasobjekte vermitteln, die Aquarelle von Ulrich Voigt mit Badenden und Schwimmenden im gleichen Raum. Den Reiz seiner Arbeiten macht auch eine Synergie aus, die der Darstellung des Elements Wasser mit wässriger Maltechnik. Im Erdgeschoss sind weitere Aquarelle von ihm zu finden, die im Kontrast zu Arbeiten von Nina Stanyak und Andreas Heinzelmann stehen, weil diese das Element Erde verarbeiten. Der Kreis als Ort des Eingeschlossenseins, Aus- und Einbrüche beschäftigten Heinzelmann, der seine Tafeln mit "Mix-Media", wie Kaffeepulver, Asche, Sand, Erden und Farben gestaltet. Der gemeinsame Nenner von Glas und Beton ist, dass sie vom flüssigen in den festen Zustand übergingen. Eine Reminiszenz an diese Transformation sind bei Nina Stanyak die Abdrücke der Feinheit von Gehäkeltem auf Beton.

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Eine sichtbare Experimentierfreude ganz allgemein und besonders im Umgang mit dem Übergang von Fläche in Raum ist ein weiterer gemeinsamer Nenner der Werkekomposition. Bei Stanyak wird dieser sichtbar, wenn ein Abdruckblatt aus einer Fläche herausragt. Ein Objekt, losgelöst von einer Fläche, wird zur Skulptur, und konsequenterweise gibt es von ihr auch Betonskulpturen. Die Betrachtung der Collagen von Jobst Schneider und Nora Jacobi erlaubt Vergleiche, wie verschieden ausbalanciert der Seiltanz auf der Grenze von Fläche und Raum ist. Nora Jacobi verarbeitet in ihren Collagen Metallfolien, Notenblätter, Textfetzen mit exotischem Schriftbild, den Titeln nach, wie "Prelude", sind manche Arbeiten ein Echo, ein Nachklingen von Gehörtem.

Während ihre eher grafischen, unebenen Blätter nicht reliefartig gestaltet sind, ist das bei den Collagen von Jobst Schneider schon anders. Da ragt zum Beispiel in der "Sägeblattblume" ein Kreissägeblatt und gewelltes Weichmetallmaterial, wie es Dachdecker verwenden, schon deutlicher aus der Fläche heraus. Es ist ein typisches Werk des in diesem Jahr verstorbenen Künstlers, der allerlei Material sammelte und verarbeitete.

Ergebnis des unterschiedlichen Umgangs mit Zeit sind die Werke von Klaus Zeiberts und Silke Frosch. Von Zeiberts gibt es mit "Die Geburt der Venus" ein raumfüllendes 110 mal 200 Zentimeter großes Ölgemälde an dem er von 2000 bis 2012 arbeitete. Andererseits gibt es von ihm ein abstrakt expressionistisches Ölgemälde, das in kurzer Zeit entstand.

Quantitativ betrachtet sind von Silke Frosch die meisten Bilder. Das liegt an ihrer surrealen Serie "Tagbilder", die der Treppe entlang zum zweiten Stock hängen, und die so heißen, weil der Zeitaufwand, das einzelne Bild zu malen, in etwa 24 Stunden betragen hatte. Daneben gibt es von ihr aber großformatige Gemälde Acryl auf Leinwand, die mehr Zeit erforderten. Es sind Bilder mit Symbolen etwa ein Totempfahl. Und, dass ihr Sohn Per sie inspiriert, zeigt ein Bild, mit Donald Duck, gefesselt an einen Marterpfahl.

Humor ist auch ein roter Faden der Ausstellung. Augenzwinkernd darf man sich Roland Krieg und Jürgen Meyer-Isenmann vorstellen, als sie auf die Idee kamen, die Installation von Ulrike Kaltenbach gegenüber einer Wand zu platzieren, an der vom Himmel gefallene Bilder hängengeblieben zu sein scheinen, vielfältig wie Formen von Schneeflocken, an welche die Schmelzglasstücke von Kaltenbach in ihrer Installation "In Touch" erinnern. Die Wand ist ein Potpourri mit Werken aller Ausstellenden, darunter Helga Bauer. Von ihr hängt an dieser Stelle das Bild "Unterwegs", ein quadratisches Acrylgemälde auf Leinwand. Der Deutung, es lasse vielleicht ein Model, kopflos posierend zwischen Häuserfluchten erkennen, widersprach Helga Bauer im Pressegespräch nicht. Auch das ist eine Gemeinsamtkeit im Konzept der Ausstellung: Die Werkschau wartet auf Besucher, die offen sind, sich ein eigenes Bild vom Gesehenen zu machen, und sich einen Reim darauf zu machen, wie sie die Hängung verstehen –- oder auch nicht.

Nicht zuletzt ist die Ausstellung eine Hommage an Jobst Schneider, langjähriges Mitglied im Vorstand des Kunstforums. Die meisten Arbeiten von ihm sind im Kabinett zu finden, wie erwähnt zusammen mit Collagen von Nora Jacobi. Da ist auch seine figürliche Skulptur "Emma", gegenübergestellt einer Skulptur von Ulrike Kaltenbach "Schwarzwaldgrün" , die mit Elementen aus der Geometrie wie Pyramide und Quader vergleichsweise starr und daher ganz anders wirkt, als die schwungvoll-rundliche Formensprache der von Schneider (weitere Bilder unter http://www.badische-zeitung.de

Öffnungszeiten: Freitag und Samstag 15 bis 18 Uhr,  Sonntag 10 bis 15 Uhr sowie ganztägig am Feiertag 3.Oktober.

Autor: Ernst Hubert Bilke und Katja C. Weber