BZ-Interview

Ulrike Guérot: "Es gibt ein massives Begehren nach einem anderen Europa"

Thomas Steiner

Von Thomas Steiner

Mi, 25. April 2018 um 12:47 Uhr

Literatur & Vorträge

In dem Buch "Demokratie(n) in der Krise – Europas Zukunft neu denken" forderte Ulrike Guérot eine europäische Republik. Bei den deutsch-französischen Literaturgesprächen in Freiburg diskutiert sie ihre Thesen mit dem Autoren Robert Menasse.

BZ: Frau Guérot, Sie haben in ihrem Buch vorgeschlagen, den 8. Mai 2045 – 100 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs – zum Gründungstag einer Europäischen Republik zu machen. Ist das eher Symbolik oder ein realistischer Plan?
Guérot: Ich hätte eigentlich den 9. Mai reinschreiben müssen, den Europatag. Aber ich finde das Datum 8. Mai sehr naheliegend, wenn es darum geht, wohin uns der überschäumende Nationalismus gebracht hat. Zu der Frage, ob das realistisch ist, würde ich die Gegenfrage stellen: Warum sollte es nicht realistisch sein? Wer etwas älter ist, wird sich noch an 1989 und die Umbrüche damals erinnern. Vorher hatte niemand eine Vorstellung davon, was da passieren würde. Mit einiger Berechtigung kann man also sagen: Es ist nicht ausgeschlossen, dass es 2045 erneut zu einem Umbruch kommt.

BZ: Sie entwerfen in dem Buch ein Bild davon, wo Sie hinwollen: zu einer Europäischen Republik, deren Säulen ein starkes Parlament und 50 bis 60 Regionen sein sollen. Was Sie nicht beschreiben, ist, wie sie sich die Abschaffung der Nationalstaaten vorstellen.
Guérot: Wir haben jetzt den einen Markt und die eine Währung, uns fehlt noch die eine Demokratie. Ich glaube, was wir gerade als europäische Krise erleben, ist nichts anderes als die Suche nach dieser einen europäischen Demokratie.

Diese ganzen verqueren Diskurse, die deutsche Opferrolle als EU-Hauptzahler, die Inflationsängste, so viel Falschinformationen. Das hat mich wahnsinnig aufgeregt. Ulrike Guérot
Weil wir sie noch nicht finden, fallen wir zurück auf die letzte Stufe von Normalität, die wir kennen. Daher die Rückkehr des Nationalstaats. Den gibt es schon, das ist eine Komfortzone. Das, was es noch nicht gibt, macht den Menschen Angst. Mir geht es um eine Entnationalisierung der Demokratie in Europa. Das heißt, dass wir uns in einem europäischen Parlament darüber verständigen, welche Mehrheiten wir denn zum Beispiel für eine europäische Sozialversicherung finden. Das Politische muss in Europa die eigentliche Frage werden. Wir sind ja schon in dem Prozess, dass wir uns mehr nach politischen Positionierungen unterscheiden als nach Nationen. Wer sind denn die Briten? Die, die für, oder die, die gegen den Brexit sind?

BZ: In der Taschenbuchausgabe ihres Buches schreiben Sie, Ihre Ideen würden im "politischen Raum" gemieden wie das Weihwasser vom Teufel, wohingegen Sie in Kultureinrichtungen und Kirchen, bei Stiftungen, Gewerkschaften und Regionen auf offene Ohren gestoßen seien. Wie erklären Sie sich das?
Guérot: Es ist spannend zu sehen, wie viele unterschiedliche Diskursräume es gibt. In den zwei Jahren, seit ich das Buch veröffentlicht habe, bekomme ich im Schnitt 90 Einladungen pro Monat. Offensichtlich sind es attraktive Ideen, und es gibt ein massives Begehren nach einem anderen Europa. Aber es ist eben noch nicht institutionalisiert als Diskurs.

BZ: In Freiburg werden Sie mit Ihrem Freund Robert Menasse über dessen EU-Roman "Die Hauptstadt" diskutieren. Während er die Brüsseler Behörden mit sanfter Ironie beschreibt, liest man bei Ihnen polemische Sätze: "Eine mächtige EU-Lobby peitscht Verträge und Regulierungen durch die Brüsseler Flure, die viele europäische Bürger nicht wollen." Woher dieser Unterschied?
Guérot: Robert hatte sein Wutbuch ja vorher schon geschrieben: "Der Europäische Landbote". Er war 2012 nach Brüssel gegangen, um für einen Europa-Roman zu recherchieren, den er aber vor lauter Wut nicht schreiben konnte. Dann wurde dieser Essay zum Erfolg, und er konnte sein eher romaneskes Buch schreiben. Bei mir ist tatsächlich auch die Wut übergekocht, wenn man so will, über diese Heuchelei, die spätestens seit 2010 eingesetzt hat, vor allem in Deutschland. Diese ganzen verqueren Diskurse, die deutsche Opferrolle als EU-Hauptzahler, die Inflationsängste, so viel Falschinformationen. Das hat mich wahnsinnig aufgeregt.

BZ: Aber da reden Sie jetzt von einer andern Wut, der Satz oben bezog sich auf die EU, nicht auf die Europafeindlichkeit.
Guérot: In der Tat gab es eine erste und eine zweite Wut. Ich habe das Buch auch in drei Wochen geschrieben, der Verleger wollte es unbedingt zur Buchmesse bringen. Da wurde nicht mehr jeder Satz auf die Goldwaage gelegt. Aber ich habe die vielen Flüchtlinge in Thessaloniki gesehen, ich habe verzweifelte Italiener gesehen, als die Flüchtlingskrise noch nicht bei uns angekommen war. Und die EU hat einfach weitergemacht, als sei nichts passiert. Und ich war in Athen, als die Troika in der Schuldenkrise den Griechen ihre Auflagen machte. Da kann man schon mal wütend werden, dass keiner was sagt – außer Yannis Varoufakis.

BZ: In Menasses Roman gibt es eine Figur, die wie Sie die Idee einer Europäischen Republik vertritt: den pensionierten Ökonomen Alois Erhart aus Österreich. Haben Sie sich in ihm wiedererkannt?
Guérot: (lacht). Nein. Wenn er jemandem ähnelt, dann am ehesten noch Robert selbst, der wie er Vorträge bei so einer Beratungskommission in Brüssel gehalten hat.
Ulrike Guérot (53)

war unter anderem Mitarbeiterin des CDU-Politikers Karl Lamers und des früheren EU-Kommissars Jacques Delors. Heute ist sie Professorin für Europapolitik an der Universität Krems und Gründerin der Denkfabrik European Democracy Lab in Berlin.

Veranstaltungen

Filmvorführung: "Sanatorium Europa", Literaturhaus, Mittwoch, 20 Uhr.

Lesung: Robert Menasse, Paulussaal, Freitag, 20 Uhr. Eintritt jeweils frei.

Die "Zukunftswerkstatt" zu Ulrike Guérots Buch ist nicht öffentlich.

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