Und alle genossen die Hiobsbotschaft

Nicola Gastiger

Von Nicola Gastiger

Di, 16. November 2010

Waldkirch

Lesung im Scholz-Haus: Bernd Kolarik rezitierte aus dem Klassiker von Joseph Roth / Düstere Welt zwischen Groteske und Trauer.

WALDKIRCH. Einen besonderen Genuss rezitatorischer Vortrags- und Lesekunst konnten etwa 50 Personen am Samstagabend im Georg-Scholz-Haus erleben. Der in 2002 aus dem Schuldienst ausgetretene Lehrer, Rezitator, Regisseur und Schauspieler Bernd Kolarik – ein kulturelles Waldkircher Urgestein, der erst jüngst mit einer Rezitation von "Die Glut" von Sándor Márai Aufmerksamkeit erregt hatte – führte mit sonorer Stimme in Joseph Roths Meisterwerk "Hiob" ein, in eine Welt, die es schon lange nicht mehr gibt.

Joseph Roths Werke sind im Gegensatz
zu denen des bekannteren (auch späteren) Humoristen Eugen Roth geprägt von der Tragik des Judentums, insbesondere des Ost-Judentums in Galizien und der untergehenden Donaumonarchie. Der "Hiob" spielt in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg und schildert die Geschichte des Dorfschullehrers Mendel, den Schicksalsschlag um Schicksalsschlag trifft, bis er schließlich nach Amerika auswandert,
aber unter größter Seelenpein seinen behinderten, jüngsten Sohn Menochim zurücklässt. Spielt in einer Zeit, in der sich die Eltern eines behinderten Kindes noch fragten, warum Gott sie so sehr bestrafe (Menochim ist übrigens ein großer Opernsänger geworden und hat seinen Vater in den USA gesucht und besucht). Spielt in einem sehr gottesfürchtigen, aber er- und bedrückend armen Milieu.

Der 1894 im ostgalizischen Kreis Lemberg geborene Schriftsteller Joseph Roth selbst emigrierte 1933 nach Paris und verstarb 1939 in einem Pariser Armenhospital. Seine Werke, auch der zum Weltklassiker gewordene "Hiob", sind thematisch angesiedelt zwischen Groteske, Trauer, Sentimentalität und Skepsis. Diese Atmosphäre wiederzugeben gelang Bernd Kolarik großartig. Der weiß gekalkte, spärlich ausgestattete Vortragsraum im Georg-Scholz-Haus und das Herbstwetter taten ein Übriges, um eine Zeitreise in die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg erlebbar werden zu lassen.

Eingeführt wurde Bernd Kolarik von Roland Burkhart, Mitglied des Kunstforums Georg-Scholz-Haus – der auch darauf hinwies, dass Kolarik ein sogenanntes "Wohnzimmertheater" betreibt und einmal im Monat ein Zimmer seiner Wohnung für 40 bis 50 Zuschauer zur Bühne macht. Am 26. und 27. November wird er "Lasterhafte Balladen" von Francois Villon rezitieren. Man darf gespannt sein!

Im Georg-Scholz-Haus (Merklinstraße 19, Waldkirch) ist bis zum 5. Dezember noch die Ausstellung "Nach dem Schnee" mit Arbeiten von Susanne Fankhauser zu sehen. http://www.georg-scholz-haus.de