Vater oder Verführer?

Bettina Schulte

Von Bettina Schulte

Mo, 21. Januar 2019

Theater

Das Stück "Summerless" des iranischen Regisseurs Amir Reza Koohestani in der Kaserne Basel.

"Summerless": Allein über den Titel von Amir Reza Koohestanis jüngstem iranischem Stück kann man lange nachdenken. Ein Jahr ohne Sommer: So stellt sich die Chronologie des Kammerspiels dar. Es beginnt im September mit dem Beginn des Schuljahrs und endet im Mai mit der Aussicht auf die Sommerferien.

Ein altes Kinderkarussell, das man selbst in Gang setzen muss, und die Klinkerfassade eines Gebäudes, hinter der offenbar unterrichtet wird: Darauf beschränkt sich das Bühnenbild der Aufführung, die im Rahmen einer dauerhaften Kooperation mit der Filature Mulhouse (in diesem Jahr beim Festival "Vagamondes") jetzt auch in der Basler Kaserne zu sehen war.

Koohestani ist in der Region kein Unbekannter mehr, seitdem er 2017 die erste Saison des Freiburger Intendanten Peter Carp mit einer sehr eigenwilligen Sicht auf Anton Tschechows "Kirchgarten" eröffnet hatte. Der Regisseur, Jahrgang 1979, der in Teheran lebt, ist ein Wanderer zwischen den Kulturen des Westens und des Orients. Er inszeniert auf deutschen Bühnen genauso wie mit seiner eigenen Mehr Theatre Group in Iran. Manches in "Summerless", das in Farsi mit deutschen Untertiteln gespielt wird, muss dem nicht iranischen Zuschauer zwangsläufig fremd bleiben.

Es ist eine Dreierkonstellation, die Koohestani in Szene setzt: Eine Schulleiterin, ihr Mann, ein Maler, der an ihrer Schule Zeichenkurse gibt, und die Mutter einer Schülerin. Abwechselnd sitzen die Figuren im Karussell und verhandeln Alltagsprobleme: die mangelnde Ausstattung der Schule, das hohe Schulgeld, das die Eltern zahlen, die Übermalung von Revolutionsparolen, die trotzdem immer wieder durchscheinen. Die Wand des Gebäudes entpuppt sich als Projektionsfläche für Videosequenzen, in denen man nach und nach eine Familie erkennt.

Darum kreist das ausschließlich aus Dialogen bestehende Stück: Ist der Zeichenlehrer der kleinen Tiba vielleicht zu nahe gekommen? Von Missbrauch ist keine Rede, doch angedeutet wird zumindest ein Abhängigkeitsverhältnis. Als der Mann seinen Unterricht einstellt, weil seine Frau schwanger geworden ist, will Tiba nicht mehr zur Schule, verweigert das Essen. Die verzweifelte Mutter nimmt die Lehrerin und ihren Ehemann ins Verhör. War da wirklich nichts, war das Mädchen eine Schülerin unter vielen anderen, steigert es sich in irgendetwas hinein? Heraus kommt durch ihre bohrenden Fragen, dass der Mann zumindest ein Porträt der Kleinen gemalt hat. "Was ist schon dabei?", fragt er provozierend.

Ja, was ist schon dabei? Seltsam ist, dass er auf die Mitteilung der Schwangerschaft zunächst ablehnend reagiert, nichts mit dem Baby zu tun haben, sich sogar trennen will. Doch dann scheint er eine Entwicklung durchzumachen: von einer womöglich pädophilen Neigung zur Übernahme echter Vaterschaft. Das alles wird freilich nicht ausgesprochen, sondern vom Regisseur, laut Programmflyer ein "Meister des Unsichtbaren", allenfalls angedeutet. Diesen andeutenden Stil kennt man auch aus iranischen Filmen wie denen von Jafar Panahi. Er ist auch der iranischen Zensur geschuldet – wobei sich bei dem, was in "Summerless" verhandelt wird, die politische Brisanz auf den ersten Blick nicht unbedingt erschließt.

Festzuhalten bleibt, dass den Schauspielern Mona Ahmadi, Saeid Changizian und Leyli Rashidi über 80 Minuten eine sehr intensive, sehr dichte, sehr konzentrierte Darstellung gelingt, die ohne jeden Effekt auskommt. Dass das Theater ein Ort sein kann, an dem die Probleme alltäglichen Lebens verhandelt werden – in Iran oder anderswo: "Summerless" führt das nachdrücklich vor.