Leute in der Stadt

Veronica Köhler vom Vorstand der liberalen jüdischen Chawurah Gescher ergründete ihr Jüdischsein erst spät

Julia Littmann

Von Julia Littmann

Di, 20. Februar 2018

Freiburg

„Mir kommt vor, ich lebe das, was viele Generationen meiner Familie vor mir so nicht haben leben können“, sagt Veronica Köhler. Und meint die eigene freie Entscheidung, ihr Jüdischsein in ihren Alltag aufgenommen zu haben.

Fast 50 Jahre lang hat Veronica Köhlers jüdische Familiengeschichte eigentlich nur im Hintergrund stattgefunden. Erst seit etwa zehn Jahren nimmt dieser Aspekt ihrer Herkunft mehr Raum ein, ist in ihrem Leben angekommen. Der Weg dahin war bestimmt von Migration, von wechselnden Orten und Bezugspunkten. "Das ist eine Geschichte, die typisch ist für die Menschheit", betont sie, "Auswandern, Weggehen, Weitergehen, Flucht, das hat es schon immer gegeben."

1975 war die Chilenin Veronica Köhler knapp 18-jährig nach dem Militärputsch als politisch Geflüchtete nach Freiburg gekommen. "Wir hatten die längste Zeit in einem Reservat der Mapuche-Indianer gelebt", erklärt sie, "deren Kultur und Rituale waren mir zu dem Zeitpunkt wesentlich präsenter und selbstverständlicher als jüdische Kultur und Rituale."

Das Wandern zwischen Welten hat in ihrer Familie Geschichte. Ihr Großvater war als Kind einer Bauernfamilie im Hannoverschen nach Missernte und Hungersnot mit seinen Eltern nach Chile ausgewandert. Dort geriet der Großvater sehr unter Druck, weil seine Frau, die Mutter seiner Kinder, Jüdin war. Er musste sich scheiden lassen. Sein Sohn heiratete später eine Französin mit Migrationsgeschichte.

Deren gemeinsamer Sohn, Veronica Köhlers Vater, nahm in Chile eine sephardische Jüdin zur Frau, deren Familie einst aus Spanien geflohen war. "Wir lebten in unserer Familie als Chilenen spanisch-deutscher-französischer Abstammung", beschreibt Veronica Köhler, was für sie alle selbstverständlich war. Dass an mehreren Stellen jüdische Ehefrauen und Mütter in das Geschichtsgeflecht dieser chilenischen Familie gewebt waren, wusste man, aber es schien wie beiläufig, unbeachtet.

"Meine Mutter backte die typischen Gebäcke, die es zu jüdischen Festen gibt", beschreibt Veronica Köhler das wenige Sichtbare. Den Vater beschreibt sie als Atheisten. Sie selbst wuchs religionslos auf. In Freiburg traf sie schon bald nach ihrer Ankunft ihren künftigen Mann, der aus einer jüdischen Familie aus El Salvador stammte – mit ähnlich loser Verbindung zum Judentum wie in ihrer eigenen. Ihre Aufgeschlossenheit für Geschichte und Religion der Juden war von historisch politischem Interesse. Sehr eindrücklich: alles Wissen über den Holocaust, das sie jahrelang fast manisch sammelte.

Der entscheidende Impuls für die tiefere Ergründung ihrer Jüdischkeit kam vor 18 Jahren von ihrer eigenen Tochter. Als junge Erwachsene forderte sie, dass das jüdische Familienerbe nicht im Ungefähren, Verborgenen bleiben solle. "Sie war mir da um einiges Voraus, was Unbefangenheit anging." Vor zehn Jahren ging Veronica Köhler zu Chawurah Gescher und fand: "Das ist meine Wellenlänge, mein Humor, das trifft was bei mir." Für die Schabbat-Gottesdienste geht sie gerne auch in die Einheitsgemeinde, denn auch das sei Gescher-Gedanke: über Unterschiede hinweg verbunden sein. "Gescher" nämlich heißt "Brücke". Wer Gescher besucht, sagt sie munter, "kann was über Gleichberechtigung lernen: Als liberale Gemeinde haben wir zum Beispiel eine Rabbinerin." Außerdem werde dank Gescher sichtbar, dass die fortschrittliche jüdische Reformbewegung auch in Freiburg vom Naziterror zwar schwer getroffen, nicht aber ausgelöscht wurde. Seit 20 Jahren knüpft Gescher an die einst so starke Tradition an. "Das", freut sich Veronica Köhler, "empfinde ich als Bereicherung – für mich und auch für die Stadt!"

20 Jahre Chawurah Gescher werden gefeiert – mit dem Vortrag "Liberales Judentum" von Rabbinerin Diane Tiferet Lakein am Freitag, den 23. Februar um 17 Uhr mit dem Konzert "Jiddische Lieder" mit Daniel Kempin und Dimitry Reznik am Samstag, den 24. Februar um 20 Uhr, jeweils im Historischen Kaufhaus am Münsterplatz. Der Eintritt ist frei, Spenden sind erwünscht.