Viele junge Araber halten wenig von Demokratie

Simon Kremer

Von Simon Kremer

Do, 04. Januar 2018

Ausland

In einer Studie wurden 9000 junge Menschen im Nahen Osten und in Nordafrika zu ihren Lebensumständen befragt.

TUNIS (dpa). Obwohl sich die arabische Welt in einer fundamentalen Krise und Umbruchsituation befindet, blickt die Mehrzahl der Jugendlichen und jungen Erwachsenen im Nahen Osten und Nordafrika zuversichtlich in die Zukunft. Trotz wirtschaftlicher Benachteiligung, fehlender politischer Beteiligung und einem allgegenwärtigen Gefühl von Unsicherheit sehen rund 65 Prozent der jungen Generation die Zukunft optimistisch, wie es in einer groß angelegten Studie im Auftrag der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung (FES) heißt. Statt auf die Politik vertrauten immer mehr Jüngere jedoch auf traditionelle Werte wie beispielsweise Familie und Religion.

Zudem schätzen viele der Befragten der Studie zufolge die Entwicklungen in ihren Ländern nach den Umbrüchen 2011 inzwischen negativ ein. Statt um politische Themen wie Meinungsfreiheit gehe es den meisten jungen Menschen um die Sicherung ihrer Grundbedürfnisse und um Gewaltfreiheit. Politiker werden überwiegend als unzuverlässig und korrupt angesehen. Ein junger Mann aus Marokko wird mit den Worten zitiert: "Politik in Marokko ist größtenteils eine Farce, Parteien können nichts verändern. Die Programme aller Parteien sind identisch."

Selbst in Ägypten und Tunesien – das als Musterland des sogenannten Arabischen Frühlings gilt – sprechen sich nur knapp über 50 Prozent der befragten jungen Menschen für ein demokratisches System aus. In Marokko, Jordanien und im Jemen sind es sogar nur etwas mehr als 20 Prozent der Befragten. Stattdessen wünschen sich auch viele einen starken Mann an der Spitze des Staates oder präferieren, wie in Jordanien (18 Prozent) oder dem Jemen (17 Prozent), einen religiösen Staat auf der Grundlage der Scharia.

Im Sommer und Winter 2016/2017 wurden den Autoren zufolge knapp 9000 junge Menschen zwischen 16 und 30 Jahren für die Studie "Zwischen Ungewissheit und Zuversicht" befragt. Die Umfragen und Interviews wurden in acht Ländern im Nahen Osten und Nordafrika durchgeführt, darunter Marokko, Tunesien, Ägypten, Bahrain und Jemen. Nach UN-Angaben sind rund 30 Prozent der Menschen in der arabischen Welt zwischen 15 und 29 Jahren alt. Die Studie wurde in Zusammenarbeit der FES, mehrerer Forschungszentren und Meinungsforschungsinstitute im Nahen Osten und der Universität Leipzig erstellt.

"Als junger Mann bin ich gezwungen, hart zu arbeiten", erzählt ein 26-jähriger Palästinenser, der in der Studie Samit genannt wird. "Die Zukunft ist unklar und instabil, doch ich hoffe auf bessere Bedingungen." Die umfassende Untersuchung widmet sich allen wichtigen Lebensbereichen der jungen Menschen in der arabischen Welt und schaut auf Lebensbedingungen, Bildung und das soziale Umfeld.

"Es besteht kein Zweifel, dass die Umstände, die unsere Leben heute bestimmen, härter sind als jemals zuvor", zitieren die Autoren der Studie eine 17-jährige Schülerin aus Ägypten. "Ich glaube, die früheren Generationen hatten im Vergleich zu uns ein angenehmeres Leben." Heute sei das Leben von instabilen Bedingungen geprägt und einem Verlust an Sicherheit, sagte die Schülerin. Der 29-jährige Muatas aus dem Kairoer Vorort Giseh ergänzt: "Gegenwärtig hat die Jugend keine Ansprüche, denn wir finden keine Arbeit. Wie können wir also eine Familie gründen, leben, essen, trinken? Wir sind überhaupt nicht sicher."