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30. Juni 2012

"Vielfalt macht die Gebiete lebendig"

BZ-INTERVIEW: Baubürgermeister Oliver Martini will mehr Offenburger für Baugruppen-Modelle gewinnen / Seitenpfaden ideal.

  1. Offenburgs erste Baugruppe fand sich auf Initiative von Lehmann-Architekten für den Wohnturm auf Henco. Nachahmer fanden sich nicht. Foto: Hsl

  2. Oliver Martini Foto: Jub

OFFENBURG. Mit dem Neubaugebiet Seitenpfaden soll auch das Modell der Baugruppen in Offenburg stärker zu Leben erweckt werden Bislang wurde das Konzept erst einmal verwirklicht – vom Architekturbüro Lehmann im ersten von zwei Wohntürmen auf dem Henco-Areal. Mitglied dieser Baugruppe war auch Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble. Baubürgermeister Oliver Martini will nun das Modell "Baugruppe" weiter voranbringen. Jutta Bissinger sprach mit ihm über die Gründe.

BZ: Herr Martini, wie kamen Sie auf den Gedanken, Baugruppen zu forcieren?
Martini: Wenn man viele Gebietsentwicklungen näher betrachtet, dann kann man beobachten, dass sehr häufig immer uniformer gebaut wird. Neu entstandene Quartiere sehen häufig gleich aus und haben mit dem Standort nicht mehr viel zu tun. Das halte ich für keine gute Entwicklung – da fehlt die Vielfalt, die ein Gebiet lebendig macht. Vielfalt in der optischen Gestaltung, aber auch in den Wohnformen. Das Modell der Baugemeinschaften beinhaltet gerade diese Vielfalt. Darüber hinaus habe ich in der Nähe von Tübingen gelebt, und konnte daher hautnah mitbekommen, was für eine Qualität durch dieses Modell entstehen kann.

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BZ: Wie entsteht diese Vielfalt?
Martini: Sie ist daran geknüpft, dass man unterschiedlich große Parzellen bildet und vergibt. Baugemeinschaften haben üblicherweise unterschiedliche Personenzahlen und damit auch verschiedene Flächenbedarfe. Somit gibt es mal schmalere Parzellen im Sinne eines Einzelhauses, aber auch breitere Parzellen im Sinne eines Mehrfamilienhauses. Die Gebäude werden dann wiederum individuell gestaltet, was zur besagten gestalterischen Vielfalt führt. Die Idee der optischen Vielfalt ist übrigens gar nicht neu: Schauen Sie sich mal in der Offenburger Oststadt um, in den Gründerzeitvierteln. Dort gibt es ebenfalls ganz unterschiedliche Grundstücks- und Gebäudebreiten in einem Wohnblock zusammengeführt. Schmale Häuser, aber dann auch wieder größere Gebäude, die dann als so genannte Blockrandbebauung einen gemeinsamen Innenhof ausbilden. Und insgesamt ganz unterschiedliche Fassadengestaltungen.

BZ: Warum gibt es dieses Modell bisher vorwiegend in Universitätsstädten?
Martini: Dort herrscht ein gewisser Druck auf dem Boden- und Wohnungsmarkt, was wiederum mit hohen Grundstückspreisen gleichzusetzen ist. Da liegt es nah, sich die Grundstücks- und Entwicklungskosten beim Bauen zu teilen. Mittlerweile setzt sich das Modell der Baugemeinschaften aber auch in vielen anderen Städten durch, weil die damit verbundene Wohnqualität und die gute soziale Struktur und Mischung erkannt wird. Ein hochwertiges Gebiet wie der Seitenpfaden bietet mit seiner innerstädtischen und gleichzeitig naturnahen Lage aus meiner Sicht ideale Rahmenbedingungen, wobei wir aber auch den "klassischen" Wohnungsbau anbieten wollen. Die Mischung macht’s!

BZ: Was sind denn die Vorteile für das Bauen in Baugruppen?
Martini: Sie können ihre individuellen Bedürfnisse in hohem Maße einbringen, können ihre Wohnung, ihr Haus und auch das Umfeld mitgestalten. Die Einflussmöglichkeiten sind somit wesentlich höher, wenn ich als künftiger Bewohner frühzeitig in die Planung einbezogen bin. Und dies bezieht sich eben nicht nur auf die eigene Wohnung, sondern auch auf das Umfeld. Außerdem können sie ihre Nachbarschaften mitbestimmen. Das ist für immer mehr Menschen wichtig. Man kennt sich schon lange vor dem Einzug, findet im Planungs- und Bauprozess eine gemeinsame Basis. Und nicht zuletzt ist das Bauen in der Baugruppe günstiger: Die Erfahrungen aus anderen Projekten zeigen, dass sich in der Regel eine Kostenersparnis von 15 bis 20 Prozent ergibt.

BZ: Welchen Vorteil bringt es für Offenburg, wenn das Gebiet Seitenpfaden auch von Baugruppen bebaut wird?
Martini: Die damit verbundene, hohe Identifikation der Bewohner mit ihrem Gebiet trägt dazu bei, dass es dort eine lebendige, aber auch familiäre Atmosphäre gibt. Deshalb sagen wir in Sachen Seitenpfaden ganz klar: Wir präferieren hier Interessenten, die in Baugruppen bauen wollen.

ZUR PERSON: OLIVER MARTINI

Oliver Martini ist im Februar 2011 zum neuen Baubürgermeister von Offenburg gewählt worden. Er wurde in Menden (Westfalen) geboren. Nach dem Studium und dem Vorbereitungsdienst zum Höheren Bautechnischen Verwaltungsdienst war er beim Planungsamt der Stadt Leonberg sowie bei der Stadt Stuttgart beschäftigt. Oliver Martini ist verheiratet, hat einen Sohn und lebt in Zell-Weierbach.  

Autor: hsl

Autor: bz