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22. März 2010 14:47 Uhr

Michael Nehls: Balance und Gelassenheit

Radsport, die "Qual am Pedal": Solche Assoziationen sind Michael Nehls fremd. Der in Freiburg geborene und in Vörstetten lebende Genetiker, Arzt und Radprofi will bei seinem zweiten "Race across America" (RAAM) beweisen, dass ein Radrennen mit einer einzigen Etappe von rund 4800 Kilometern mit Gelassenheit, genügend Schlaf und frischer Rasur an jedem Morgen bewältigt werden kann. Trotzdem muss er täglich mehr als 500 Kilometer im Sattel sitzen, um nun unter zehn Tagen das Ziel zu erreichen.

  1. Hartes Training, doch nie extrem: Michael Nehls glaubt an die Kraft der Balance. Seine Tochter Nadja filmt ihn. Foto: privat

  2. Stetig, doch nie überdeht. Foto: privat

  3. Auf dem Rennrad konzentrierter Blick nach vorn. Foto: privat

Der Mensch riskiert gerne die eigene Gesundheit – entweder durch schlechte Ernährung und wenig Bewegung oder durch puren Stress und extreme Belastungen. Beides seien unsinnige Gefahren, so der schlanke Mittvierziger Michael Nehls, entspannt über zwei Stühle in seinem Haus in Vörstetten gelehnt. Mit Balance und Gelassenheit will er eine Antwort geben. Mit einer angeblich extremen Herausforderung wie dem RAAM mlchte er beweisen, dass er Recht hat.

Mit dem Rennrad von der West- bis zur Ostküste

Der Vörstetter wird vom 9. Juni an die USA mit dem Rennrad durchqueren – von der West- bis zur Ostküste, durch Wüsten und Gebirge, durch endlose Ebenen und über steile Serpentinen. "Man zelebriert bei diesem Rennen das Extreme, weil viele unter hohem Schlafmangel fahren", sagt Nehls. Er aber sucht das Gegenteil: "Ich will zeigen, dass man Außergewöhnliches leisten kann, gerade weil man auf seinen Körper achtet. Das Rennen ist gar nicht verrückt oder krank."

Bereits 2008 hat Nehls das längste Zeitfahren der Welt erfolgreich absolviert und ging am Ende als Siebter von knapp 30 Athleten ins Ziel. Schon damals ist der Radsportler mit einer Strategie angetreten, die sich von der seiner Konkurrenten – er nennt sie "Motivatoren" – deutlich unterschied. Denn die meisten RAAM-Fahrer gingen ganz an ihre Leistungsgrenze, so Nehls. In körperlich belastenden Haltungen fahren sie mehr als 20 Stunden täglich. Beim Start treten manche Athleten eine Durchschnittsgeschwindigkeit von bis zu 40 Stundenkilometern. Im Laufe der Zeit knickt die Leistungskurve unweigerlich ein. Einige Fahrer haben Bücher mit Titeln wie "Gerädert" oder "Am Limit" veröffentlicht. Sie beschreiben eine sportliche Qual, die bei 50 Prozent der Fahrer im Laufe des Rennens zum Ausfall führt – Übermüdung, Nackenversteifung, Überlastung. Nicht so bei Michael Nehls. Er hatte seine Leistung 2008 um zehn Prozent verbessert. Um seinen Ansatz zu untermauern, hatte er auch ein rigoroses Anti-Doping-Controlling absolviert, das er auch jetzt wieder befolgt.

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Nehls wird auch beim RAAM 2010 am Ende jeden Tages ins Hotel radeln: "Manche machen über die gesamte Renndistanz nur acht Stunden Pause. Ich plane insgesamt 90 Stunden." Er will ausreichend schlafen, morgens mit Team und Familie frühstücken. Geplant ist, dass im Juni sollen nicht nur seine Ehefrau, sondern auch seine drei Kinder im Begleitfahrzeug dabei sind – als Teil des Ausgleichskonzepts. "Die wirkliche Herausforderung bei diesem Rennen ist das Mentale", sagt Nehls. Er zwinge sich dazu, konsequent unterhalb seiner Leistungsfähigkeit zu fahren. So hofft er, schließlich jene Extremsportler zu überholen, die sich längst verausgabt haben.

Sportliche Ausdauerstrategie als Metapher für die Lebensführung

"Jeder C-Amateur könnte so dieses Rennen fahren", sagt Nehls zu seiner Strategie. Es komme darauf an, mit sich im Einklang zu sein, keinen Extremen nachzujagen, sondern mit strenger Disziplin und moderater Belastung durch Ausdauer zu bestehen. An diesem Punkt sieht er eine Schnittstelle zum wirklichen Leben: "Dieses Rennen ist eine Metapher, es steht letztlich für eine Lebensstrategie", sagt der Arzt und Athlet.

Schon nach dem vergangenen RAAM stieß er auf riesige Resonanz, erklärt Nehls; so vermittelt er jetzt anderen Menschen seine Strategie bei Vorträgen. Auch hat er ein Buch über RAAM 2008 geschrieben. Die Kernaussage: Im Leben komme es auf Ausgeglichenheit an – Ernährung, Sport, soziales Umfeld als Elemente. Wer bei allem das Maximum gebe, der verliere zwangsläufig, so seine Hypothese. Wer dagegen nach Ausgleich strebe, sich Zeit und Entspannung gönne, genug und niemals zu belastenden Sport treibe, der lebe gesünder und länger. Nehls: "Die Botschaft ist diese Idee".

Zum Rennen 2010 will der Sportler einen Dokumentarfilm drehen lassen. Danach möchte er seine Erfahrungen, unterfüttert mit neuesten Erkenntnissen aus Forschung und Medizin, verbreiten. Und er blickt weit voraus: "Mit 70 Jahren nochmals RAAM zu fahren, wäre ein Reiz". Und ein Beweis, dass der Mensch dank seiner Strategie bis ins hohe Alter sportlich und geistig fit bleiben kann.

Jetzt heißt es aber erst mal im Training zu bleiben. Michael Nehls hat bei wieder angenehmen Temperaturen begonnen, durch den Landkreis zu radeln.

Mehr Informationen: http://www.michael-nehls.de

Autor: Hagen Schönherr