Szenen aus dem Roteux-Quartier

Herbert Geisler

Von Herbert Geisler

Fr, 05. Oktober 2018

Vörstetten

Caritasverband lädt vor Eröffnung der neuen Betreuungseinrichtung in Vörstetten zum Theaterabend mit der Gruppe "Freistil" ein.

VÖRSTETTEN. Mitbestimmen und mitmachen – was für das Roteux-Quartier, Vörstettens demnächst eröffnetes Kombi-Projekt aus Betreuungseinrichtung und zentraler Begegnungsstätte, als Motto gelten soll, wurde jüngst in der Heinz-Ritter-Halle vorexerziert: In anrührenden, nachdenklich stimmenden, lustigen bis klamaukhaften Szenen führte die Theatergruppe "Freistil" vor, was möglich ist in der Bandbreite von Realität bis Phantasie.

Auf Einladung und Kosten des Caritasverbands – der Eintritt war frei – sollten ihre künstlerischen Darbietungen Stoff zum Erzählen und Ideen für Inspirationen liefern. Das kam beim Publikum gut an.

Improvisationstheater ist die Kunst, ein vom Publikum vorgegebenes Wort in eine spannende oder triste Szene umzusetzen, aus einem zugerufenen Satz ein Drama oder eine Komödie zu entwickeln, im häuslichen Bad oder im kaiserlichen Palast, im Himmel oder auf Erden zu spielen. Impro-Theater überdehnt den Moment, macht aus einem Fragment ein Ganzes. Die drei "Freistil"-Darsteller (Nicole Djandji-Stahl, Achim Freund und Christian M. Schulz, von Karsten Kramer am Keyboard begleitet) hatten überdies die Vorgabe, ihre Szenen auf Vörstettens Großprojekt hin auszurichten, "vergleichbar dem", wie Caritas-Diözesandirektorin Mathea Schneider als Sponsorin des Abends verdeutlichte, "was im Roteux-Quartier vorgesehen ist: Nicht an den Rand geschoben sollen Menschen dort sein, sondern mittendrin."

"Ob Westernheld mit Colt oder Liebespaar, das schmollt..." – mit einem Chanson-Entrée veranschaulichte das Schauspieler-Trio sein Vorhaben ("ihr bestimmt das Spiel – wir setzen es um"), stellte aus fünf Zuschauern eine Jury zusammen (bis zu fünf Mal fünf Punkte pro Szene galt es zu ergattern) und schon ging es los.

Im ABC-Spiel gibt ein Zuschauer einen Buchstaben vor – an diesem Abend war es das O – , von dem aus sich zwei Darsteller durch das ganze Alphabet arbeiten, wechselnd einen Satz mit dem Folgebuchstaben beginnend. "Oh je, oh je, ich habe mich im Wald verirrt..." Diesen Satz des dementen Papas hätte mancher Zuschauer vielleicht auch noch hingekriegt, doch die schnelle, ABC-korrekte, Sinn ergebende Dialogfolge bewies das Improvisations-Können Nicole Djandji-Stahls und Christian M. Schulz’: Aus dem simplen ABC-Trick wurde ein wahrheitsnaher, Erkenntnis erhellender Dialog, dessen Happy End – Papa zieht ins Roteux-Quartier ein – der Intensität von Darstellung und Wahrheitsnähe nichts nahm.

Das "Gumbiswinkelfest" wünschte sich das Publikum danach als Vortragsthema. Da brauchte der Darsteller zwei, drei Anläufe, bis er den Namen überhaupt aussprechen konnte, schilderte dann aber aus dem Stand weg Szenen des Fests, als sei er seit Jahren dabei gewesen. In liebevoller Veranschaulichung (die anderen beiden Darsteller stellten Moment-Aufnahmen nach) kriegten so ziemlich alle ihr Fett weg, das Vörstetter Miteinander, der Musikverein, die Schobbachmännle, die Feuerwehr und selbst der Pfarrer...Lustig war’s, 22 Punkte vergab die Jury dafür.

Beim Zettelspiel wurden von den Zuschauern notierte Sätze ins Spiel eingefügt, was die Darsteller blitzschnell nach Sinn und Sujet in die zuvor geführten Dialogszenen integrieren mussten. Ordentlich zu tun hatte da der Erzengel Gabriel – das Publikum hatte als Aufführungsort "im Himmel" vorgegeben –, der einen ins Ewige abberufenen Vörstetter Bürger mit überirdischen Gepflogenheiten vertraut machen und ihn auch ein wenig trösten musste ("du musstest leider schon hier rauf, unten sollte eine Wohnung frei werden, denn alle Welt will nach Vörstetten!"). In ironischer Überhöhung mündete das hier Improvisierte in die Quintessenz: "Auch der Himmel braucht das Ehrenamt!" Für die Szene am höchsten denkbaren Ort gab es mit 25 die höchstmögliche Punktzahl.

Zum Schluss hin ein musikalisch mehrfach angereicherter Höhepunkt unter dem Titel "Rebellion im Roteux-Quartier": Gegen Militärdrill beim Morgensport vereinten die geplagten Alten ihre wenigen Kräfte und obsiegten gegen den ungeliebten Pfleger. So weit, so kurz. Doch gemäß Publikumswunsch wurde das selbe Spiel doppelt wiederholt: In einer Opern – sowie in einer Rock’n’Roll-Fassung – was tosenden Applaus und nochmals volle Punktzahl brachte.

Zu guter Letzt mussten dann doch auch mal die Zuschauer tun, was die auf der Bühne wollten: lauthals singen, nämlich "Marmor, Stein und Eisen bricht, aber unsere Liebe nicht", was womöglich programmatisch für die Neigung der Vörstetter zum neuen Roteux-Quartier gilt.