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13. Februar 2016

Bischoffingen hat sich gut entwickelt

Wissenschaftler stellten am Donnerstagabend in der Festhalle der Gemeinde die Ergebnisse einer bundesweiten Langzeitstudie vor.

  1. Bischoffingen ist heute stark vom Weinbau geprägt. Foto: Herbert Trogus

VOGTSBURG-BISCHOFFINGEN. "Bischoffingen ist in einer sehr, sehr glücklichen Lage", findet der Sozialwissenschaftler vom Braunschweiger Thünen-Institut, Heinrich Becker, der als Projektkoordinator die bundesweite Langzeitstudie "Ländliche Lebensverhältnisse im Wandel" betreut. Das Kaiserstuhldorf ist dabei eine von zehn westdeutschen ländlichen Gemeinden, in denen im Auftrag des Landwirtschaftsministeriums bereits seit 1952 die Lebensverhältnisse und deren Wandel im Abstand von 20 Jahren untersucht werden.

Interviews mit den Bürgern
1993 wurden zusätzlich vier ostdeutsche Dörfer in die Studie mit aufgenommen. Am Donnerstagabend stellte Becker die Ergebnisse der jüngsten Erhebung in der Bischoffinger Festhalle vor. Zwischen 2012 und 2014 hatten Wissenschaftler beteiligter Forschungseinrichtungen in zahlreichen Interviews zum vierten Mal die Lebensverhältnisse vor Ort erfragt und die Daten nun zu einer Gesamtschau zusammengefügt.

Becker betonte in seinem Vortrag die Einzigartigkeit des Projektes, das zumindest europaweit seinesgleichen suche. Nirgendwo sonst stünden Entwicklungsdaten für Orte des ländlichen Raumes über einen vergleichbar langen Zeitraum und in vergleichbarer Fülle zur Verfügung. Dies erkläre auch das große mediale Interesse, auf das die Präsentation der Studie im Oktober in Berlin gestoßen sei.

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Dabei habe sich die Fragestellung im Laufe der Zeit mehrfach geändert. So habe 1952 die Sicherung der Ernährung im Nachkriegsdeutschland durch kleinbäuerliche Betriebe noch ganz im Vordergrund der Erhebung gestanden. Mittlerweile gehe es beispielsweise um die Auswirkungen des demografischen Wandels oder um die Breitbandversorgung auf dem Land.

Eine "hochgradige Traktoritis"
Becker berichtete, dass Bischoffingen bereits 1952 als ein Kleinbauerndorf mit besonders erfolgreicher Entwicklung in die Studie aufgenommen worden war. Hervorgehoben wurde damals das Vorhandensein der Winzergenossenschaft, die Bereitschaft, Innovationen zu übernehmen, eine "hochgradige Traktoritis" sowie die "Findigkeit" der Bewohner. Bischoffingen galt als "dynamisches, selbsthilfestarkes Dorf", allerdings mit gering ausgeprägten Beschäftigungsalternativen im gewerblichen Bereich.

Heute, so der Agrarwissenschaftler und Soziologe, liege der Winzerort in einer sehr dynamischen Wirtschaftsregion. Die Bevölkerungsentwicklung sei, anders als dies bisweilen prognostiziert wurde, relativ stabil verlaufen. Wohl gebe es seit den 1970er Jahren einen geringfügigen Bevölkerungsrückgang, der falle aber nicht weiter ins Gewicht, zumal die Gesamtgemeinde Vogtsburg im gleichen Zeitraum Bevölkerungszuwächse verzeichnen konnte. Ohnehin, darauf machte Bürgermeister Benjamin Bohn nach dem Vortrag aufmerksam, sei die Einwohnerzahl auch in Bischoffingen seit 2012 wieder recht deutlich gewachsen.

Gute Anbindung an den Nahverkehr
Auch die Infrastruktur am Ort bewertet die Studie als hervorragend. In diesem Zusammenhang wies Becker auf den vorhandenen Bahnanschluss hin. Damit sei die Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr zum Teil besser als in Ballungsräumen. Auch die Verkehrslage sei trotz einiger Probleme beim Straßenbau nicht schlecht, die Gesundheitsversorgung unter anderem mit einem Krankenhaus sogar außergewöhnlich gut.

Es gebe Restaurants, einen Dorfladen und einen Vollversorger im Nachbarort. Die Breitbandversorgung sei ebenfalls gewährleistet. Auch das Arbeitsplatzangebot sei differenziert.

"Für ein Dorf dieser Größe ist das ein immenser Vorteil", lobte Becker. Eines der größten Pfründe, mit denen der Ort wuchern könne, sei jedoch das positive Image des Weines als "Kulturgut". "Mit dem Wein haben Sie, was andere suchen: ein wirksames Marketingmoment", betonte der promovierte Agrarwissenschaftler. Insbesondere im Tourismus ließe sich hieraus Gewinn schlagen. Dies alles führe dazu, dass die meisten (92 Prozent) der Bischoffinger gerne in ihrem Dorf wohnen.

Beckers Fazit lautet: "Die Bischoffinger haben sich in der Vergangenheit den Veränderungen erfolgreich gestellt. Es spricht Vieles dafür, dass dies auch in Zukunft so sein wird." Am wichtigsten für den Erfolg seien dabei die Akteure vor Ort. "Was in den Dörfern passiert, machen die Menschen selber", resümierte Becker.

Ob die Studie weiter geht, ist offen
Bürgermeister Bohn bezeichnete die Studie als einen Glücksfall für Vogtsburg, weil sie wichtige Trends und Entwicklungen der Vergangenheit wissenschaftlich belege. Daraus könnten auch Rückschlüsse für die Zukunft gezogen werden. Im Blick von außen relativiere sich zudem das eine oder andere Problem.

Bischoffingens Ortsvorsteher Jost Göring richtete seinen Blick auf die Bevölkerungsentwicklung und warf die Frage auf, ob es sinnvoll sei, Neubaugebiete auszuweisen und damit den Zuzug von außen zu forcieren. Ein Zuhörer wollte wissen, ob die Studie auch in 20 Jahren fortgesetzt werde. Letztlich sei dies eine Frage des Geldes, befand Studienkoordinator Heinrich Becker. Angesichts der Einzigartigkeit des Projektes sei er jedoch guten Mutes.

Autor: Thomas Rhenisch