Rückblick

Vor zehn Jahren gab der Bahn-Erpresser sein letztes Interview

Patrik Müller

Von Patrik Müller

Mo, 16. Oktober 2017 um 20:32 Uhr

Kenzingen

Er will unerkannt bleiben. Aber er will auch reden. Der Mann, der vor Jahrzehnten als Monsieur X verurteilt wurde, erklärt sich zum Interview bereit.

Er lädt zu sich nach Hause ein, in eine kleine Einliegerwohnung in einem ruhigen Ort im Freiburger Umland, der nicht an den Bahngleisen liegt.

An der Haustür stehen säuberlich aufgereiht seine Schuhe. Eine einzelne Jacke hängt am Bügel, an der Wand eine Weltkarte, blaue Meere, bunte Länder. Der alte Mann geht in die Küche, holt ein Glas Wasser für den Gast. Er selbst trinkt nichts. Dann überreicht er ein Blatt Papier, eine A4-Seite, mit Schreibmaschine beschrieben, Spuren von Tipp-Ex darauf. Ein Textvorschlag, sagt er. Darauf steht, dass er unschuldig sei, ein Justizopfer, kein Bahn-Erpresser. Den Empfang des Blattes lässt er sich quittieren.

Der Mann, der mit faltigen Händen einen roten Aktenordner mit Dokumenten und Zeitungsartikeln auf dem Tisch ausbreitet, hat knapp 20 Jahre im Gefängnis verbracht. Versuchter Mord, räuberische Erpressung, gefährlicher Eingriff in den Bahnverkehr – die Liste der Vorwürfe ist lang. Der Prozess auch. Zwölf Tage, 20 Sachverständige, 80 Zeugen. Es gibt keine klaren Beweise. Aber viele kleine Hinweise, die gegen ihn sprechen. Der Richter spricht ihn schuldig. Der Fall, wird er später sagen, sei oft in Fortbildungen besprochen worden. "Es ging darum, wie das Summieren von wenig am Ende viel ergibt."

Der Verurteilte erzählt eine andere Geschichte. In der ist er kein Erpresser, sondern nur ein Laufbursche. Der echte Monsieur X, sagt er, war ein Mann, der sich Alfred Brockmann nannte und sagte, dass er Detektiv sei. Schnurrbart, buschige Augenbrauen, sicheres Auftreten. Der habe erzählt, er jage Verbrecher und brauche Hilfe. "Und ich Idiot hab’s geglaubt."

Seine Stimme ist brüchig. Sie wird fester, während der 80-Jährige redet. Er hat eine Rechnung mit der Vergangenheit offen, die ihn ins Gefängnis brachte und sein Leben zerstörte. Seine Frau ließ sich scheiden, der Sohn brach den Kontakt ab, langjährige Freunde wollten auf einmal nichts mehr von ihm wissen.

Als er in den Knast ging, sagt er, schwor er sich, Richter und Staatsanwalt die Beine wegzuschießen.

Er redet offen, beantwortet alle Fragen. Er erzählt von der Zeit in Haft, dem Job in der Gefängnisdruckerei, seiner Flucht im Jahr 1993. Der Vollzug sei gelockert worden, er sei einfach weggelaufen und habe sich nach eineinhalb Jahren wieder gestellt, als ihm das Geld ausging.

Lügt er? Auf jeden Fall, so scheint es, ist er froh, dass ihm jemand zuhört. Dafür geht er auch das Risiko ein, erkannt zu werden. "Bitte ändern Sie meinen Namen", fordert er. "Die Leute werfen mir sonst die Scheibe ein."

Vor zwei Jahren, acht Jahre nach dem Interview und 36 Jahre nach der Verurteilung, stirbt Hermann Kraft. Es gibt keinen Grund mehr, seinen Namen zu ändern, er steht sowieso überall im Netz.

Den Wohnort nenne ich hier trotzdem nicht. Obwohl die Nachbarn, glaube ich, Bescheid wussten.