Wärme und Hingabe

Peter Disch

Von Peter Disch

Di, 25. September 2018

Rock & Pop

In Deutschland sträflich übersehen: Die englische Jazzsängerin und Pianistin Liane Carroll tritt in Breisach-Niederrimsingen auf.

Langsam, aber stetig wächst das Pflänzchen Kultur auf dem Areal der Firma Birkenmeier im Breisacher Stadtteil Niederrimsingen. 2017 hat das Betonbauunternehmen begonnen, das Atrium seines Ausstellungsparks regelmäßiger für Konzerte zu nutzen, auch eine Filmvorführung mit anschließendem Publikumsgespräch fand statt. Nach einer Pause folgen nun weitere Veranstaltungen. Am 26. Oktober ist das Forum, wie sich der gläserne Bau nennt, zum zweiten Mal Satellitenspielstätte des Freiburger Bluesfestivals, dann tritt dort der amerikanische Gitarrist und Sänger Cary Morin auf. Zuvor aber ist am letzten Septemberwochenende mit Liane Carroll eine Jazzsängerin und Pianistin zu Gast, die in ihrer britischen Heimat hochgelobt ist und mit vielen Preisen bedacht wurde, in Deutschland aber bisher sträflich übersehen wird.

Eigentlich sollte Carroll im Rahmen eines zweitägigen "Acoustic Festivals" auftreten. Nach der Absage des Konzerts des Pariser Trios Padam füllt Carroll die entstandene Lücke am Freitag mit einem Workshop, zu dem Interessenten einfach vorbeikommen können. Am Samstag dann will Carroll unter Beweis stellen, warum sie ihr ungleich erfolgreicherer und bekannterer Landsmann Jamie Cullum "eine der größten Sängerinnen, die wir in diesem Land haben" nennt.

Es ist diese "scheinbare Mühelosigkeit und emotionale Tiefe", die ihr die Zeitung The Observer attestierte, die Carrolls Interpretationen von Standards, Titeln aus dem Great American Songbook und Rock- und Pop-Klassikern ausmachen. Dazu trägt auch bei, dass sie mit ihrer kraftvollen Stimme problemlos vom Jazz in den Soul wechseln kann und beides miteinander verbindet. Hier ihre Fähigkeit zur Improvisation, dort die Wärme und Hingabe, die sie in die Texte legt, machen es möglich.

Aus dem Vortrag der Engländerin des Jahrgangs 1964 spricht die Selbstsicherheit und das Wissen um die eigenen Fähigkeiten, die Jahrzehnte auf der Bühne und im Studio mit sich bringen. Mit dem Klavierspiel begann sie im Alter von drei Jahren, mit 15 fing sie an, in ihrer Heimatstadt Hastings an der englischen Südküste mit Bands aufzutreten. 1990 gründete sie dann ihr eigenes Trio.

Jazz ist Carrolls musikalischer Schwerpunkt. Als Begleiterin arbeitete sie im Laufe der Zeit aber auch mit Peter Kirtley, Mitglied der Folk-Jazz-Band Pentangle, Gerry Rafferty ("Bakerstreet") und dem Bluesmusiker Long John Baldry. 1999 sang sie auf dem Debütalbum des Drum-’n’-Bass-Duos London Elektricity, mit dem sie in den folgenden Jahren auch auf Tour ging. Diese Offenheit kommt Carroll bis heute zugute. Ihre zuletzt erschienen Platten – "Seaside", eine 2015 veröffentlichte Hommage an Hastings und "The Right to Love" vom vergangenen Jahr – sind auch für ungeübte Jazzhörer leicht zugänglich. Weil sich in den Arrangements die Genres mischen, in denen Carroll im Laufe ihrer Karriere unterwegs war – und wegen der Songauswahl. Klassisches von Jazzikonen wie Billie Holiday oder Nina Simone, Titel von Dusty Springfield oder Tom Waits: Carroll nimmt es mit allen auf – und überzeugt.

Konzert: Sa, 29. Sept., Breisach, Birkenmeier-Forum Niederrimsingen, Industriestraße 1, 20 Uhr. Workshop: Freitag, 28. Sept., 17 Uhr, keine Voranmeldung nötig.