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15. Mai 2012

Chefs machen Mitarbeitern unrealistische Vorgaben

"Kein Entrinnen aus Burnout und Stress?" / Arbeitsforscher Dieter Sauer zeichnet ein düsteres Bild der Belastung am Arbeitsplatz.

  1. „Arbeiten am Limit“: Prof. Dr. Dieter Sauer Foto: Christine Speckner

WALDKIRCH. Mehr Stress im Job – das bekommen Beschäftigte oft zu spüren. Als Ursache des Leistungsdrucks geißelte der Sozialwissenschaftler Dieter Sauer bei einer Veranstaltung des Deutschen Gewerkschaftsbundes in Waldkirch die "maßlosen Renditeerwartungen der Finanzmärkte."

Keiner will der erste sein, der sagt: Ich schaffe es nicht mehr. So begründeten Mitarbeiter oft die geleistete Mehrarbeit, sagt Dieter Sauer vom Institut für Sozialwissenschaftliche Forschung ISF (München). Dabei nicken die Zuhörer im Gasthaus "Hirschen" zustimmend. Ja, das ist auch ihre Erfahrung.

Der moderne Arbeiter arbeite so lange, wie es die Arbeit erfordere, so Sauer. Dies belege eine Studie. Demnach arbeiteten "mehr als die Hälfte der Beschäftigten länger als vertraglich vereinbart." Wohin das führt? Das Münchner Forschungsinstitut hat dies untersucht. Befragt wurden auch Mitarbeiter in Führungspositionen. Ergebnis: "Unter Zeitdruck leiden die Menschen am meisten", erzählt Sauer. Viele der Befragten fühlten sich dem Burnout nahe. Nur sagen will das keiner. Die Selbstmordserie in Frankreichs Firmen sei ein Beispiel für die Verzweiflung der Betroffenen, so Sauer. "Bei uns springen die Menschen zwar nicht vom Dach", doch hätten psychische Erkrankungen als Folge des Leistungsdrucks zugenommen. "13 Millionen Menschen leiden an depressiven Störungen."

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Wo liegen die Ursachen für die Überforderung der Arbeitswelt? Die Finanzmärkte hätten die Wirtschaft in den Sumpf getrieben, ist Sauer überzeugt. Sie diktierten die Höhe der Renditen und unerreichbare Ziele. "Der Chef gibt die völlig unrealistischen Ziele an seine Mitarbeiter weiter." Laut Befragungen des ISF fühlten sich Mitarbeiter – egal ob Arbeiter oder Manager – nicht im Stande, die übertriebenen Zielvorgaben zu erreichen.

Länger arbeiten, auch nach Feierabend – ihre Leistungsbereitschaft bekunden auch junge Menschen in der anschließenden Diskussion. Sie machen aber auch deutlich, wie stark der Zeit- und Leistungsdruck im Job sie belastet. "Ich möchte mich gerne einbringen", sagt eine junge Frau. Doch seien die Vorgaben im Betrieb kaum machbar, so ihre Erfahrung. Kritik übte eine Teilnehmerin, die im Gesundheitsmanagement eines Unternehmens tätig ist. Der Vorwurf des Referenten, Firmen agierten lasch in punkto Mitarbeitergesundheit, sei nicht berechtigt, meint sie. Viele Chefs legten mittlerweile Wert auf gesunde Arbeitsbedingungen.

Wie kann man aus dem Hamsterrad des Leistungsdrucks aussteigen? Die erhoffte Antwort sei schwierig, räumt Sauer ein. Seine Worte am Ende der zweistündigen Veranstaltung klingen ernüchternd. Manche Zuhörer haben wegen des Titels des Vortrags "Kein Entrinnen aus Burnout und Stress?" mehr Tipps erwartet. Die bietet die Diskussion jedoch nur im Ansatz. Der Globalisierung und dem Einfluss der Finanzmärkte könnten Firmen kaum entrinnen, so Sauer. Doch sollten Beschäftigte die Arbeitsbelastung im Betrieb ansprechen, empfiehlt der Arbeitsforscher. Hierfür eigneten sich Workshops, in denen Probleme benannt und Ideen zur Arbeitsentlastung entwickelt werden.

Autor: Christine Speckner


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