"Jeder kann im Leben in die Hölle abrutschen"

Bernd Fackler

Von Bernd Fackler

Mo, 01. September 2014

Waldkirch

BZ-INTERVIEW mit dem Historiker Wolfram Wette über sein neu erschienenes Buch und über kriegerische Zeiten / Heute vor 75 Jahren begann der Zweite Weltkrieg.

WALDKIRCH. "Ehre, wem Ehre gebührt! Täter, Widerständler und Retter. 1939 - 1945" heißt ein neues Buch des Waldkircher Historikers Prof. Wolfram Wette, das soeben im Donat-Verlag (Bremen) in der Reihe "Geschichte & Frieden" erschienen ist. Dazu und zu anderen Themen, die mit Kriegen zusammenhängen, befragte BZ-Redakteur Bernd Fackler den Autor – aus gegebenem Anlass: Mit dem deutschen Überfall auf Polen begann heute vor 75 Jahren der Zweite Weltkrieg.

BZ: Herr Professor Wette, Sie sind Historiker, kein Psychologe. Trotzdem die Frage: Kann in Extremsituationen wie Krieg und Diktatur jeder Mensch zum Täter, zum Widerständler, zum Retter werden?
Wette: Nehmen wir die Zeit des Zweiten Weltkrieges! Was ein Widerständler und was ein Retter ist – zum Beispiel ein Retter von verfolgten Juden –, kann man sich unmittelbar vorstellen. Anders ist es bei den Tätern: Wer sollte als Täter gelten? Der SS-Mann, der Polizist, der Wehrmachtsoldat oder der Kollaborateur, der an der Erschießung von Kriegsgefangenen, Juden und russischen Zivilisten mitwirkte? Der sich persönlich an Massakern beteiligte oder diese "vor Ort" befahl? Oder die verantwortlichen Vorgesetzten in der Befehlskette bis hinauf zu den maßgeblichen Schreibtischtätern in den Zentralen des NS-Regimes? Waren auch die Zuarbeiter, Zuschauer, Mitwisser, Wegschauer als Täter oder doch als Mittäter anzusehen? Gab es so etwas wie ein Kollektiv von Tätern, das durch den Willen zur Vernichtung von rassistisch definierten Feinden zusammen gehalten wurde?
Seit jeher und je nach Interessenlage sind ganz unterschiedliche Antworten auf diese Fragen gegeben worden. Unmittelbar einsichtig ist: Ohne eine Vielzahl von Tätern auf allen Ebenen der Hierarchie wären die millionenfachen Judenmorde nicht zu realisieren und wäre der Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion nicht führbar gewesen.

Aber niemand wird als Täter geboren. Vielmehr gilt das Wort des Auschwitz-Überlebenden Yehuda Bacon: "Niemand ist absolut böse, jeder hat einen Funken Menschlichkeit in sich. [...] Jeder Mensch muss vorsichtig sein, denn jeder kann in seinem Leben in die Hölle abrutschen. Der Abgrund ist eine Gefahr für uns alle."
Woher die Kraft zum Widerstand kam, lässt sich nicht allgemein, sondern nur individuell beantworten. Häufig haben Religion oder politische Überzeugung eine Rolle gespielt, aber auch pure Menschlichkeit. Um eine Vorstellung von den Größenordnungen der genannten Personengruppen zu geben: Es gab in der Nazi-Zeit Millionen von Tätern, die den Befehlen Folge leisteten, auch wenn diese auf das Begehen von Verbrechen abzielten. Widerständig waren nur wenige, weit unter einem Prozent der damaligen Bevölkerung. Und die Zahl derjenigen Zivilisten und Soldaten, die verfolgte Juden deckten und zu retten versuchten, wird auf 10-bis 20 000 geschätzt.

BZ: Oft lautete die Rechtfertigung für schlimmste Taten: "Befehl war Befehl. Wenn ich's nicht getan hätte, dann ein anderer. Und ich wäre dann selbst erschossen worden". Wie sehen Sie das?
Wette: Unbestreitbar war in der Zeit der nationalsozialistischen Diktatur die Furcht verbreitet, dass nonkonformistisches Handeln mit schärfsten Strafen belegt werden könnte. Der Willkürstaat produzierte Angst. Daher haben sich nach dem Kriege viele Täter auf den sogenannten Befehlsnotstand herausreden wollen: Man habe gar nicht anders können, als bei Exekutionen mitzuschießen. Klarheit in die umstrittene Angelegenheit brachten schon in den frühen 1960er Jahren die Staatsanwälte der Zentralstelle der Landesjustizverwaltungen in Ludwigsburg.

"Es gab durchaus auch 1939 bis 1945 Handlungsspielräume für humanes Verhalten".

Sie hatten zu überprüfen, ob es einen solchen Befehlsnotstand tatsächlich gegeben hat oder nicht. Das Ergebnis lautete: Sie konnten nicht einen einzigen Fall finden, der hätte belegen können, dass ein Soldat oder Polizist, der sich weigerte, an rechtswidrigen Exekutionen von Juden, Kriegsgefangenen, Partisanen oder Politkommissaren mitzuwirken, selbst erschossen wurde. Das heißt: Es gab durchaus Handlungsspielräume für humanes Verhalten. Sie wurden nur viel zu selten genutzt. Im Grunde hatte selbst unter den extremen Bedingungen des NS-Staates Jeder die Möglichkeit, sich für das Gute oder fürs Böse zu entscheiden. Es musste der Wille vorhanden sein und der Mut.

BZ: Ihr neues Buch erscheint genau 75 Jahre nach Beginn des Zweiten Weltkriegs. Fast alle Täter und Retter sind inzwischen tot, einige wenige uralt. Waren "rechtzeitig" nach Kriegsende, in den 1950er oder auch 60er Jahren, solche Bücher wie das Ihrige nicht möglich?
Wette: Ja, die Bereitschaft, den Widerständigen und Rettern die Ehre zu geben, die ihnen gebührt, war im ersten halben Jahrhundert nach Kriegsende nur in Ansätzen gegeben. Gleich nach dem Kriege wurde etwa der widerständige Oberst Stauffenberg als Eidbrecher und Verräter denunziert. Es dauerte lange, bis sein Widerstand als legitime politische Handlung anerkannt wurde, nach der Devise des Generalstaatsanwalts Fritz Bauer: "Unrecht kennt keinen Verrat!"

"Die Euphorie blieb bei den Deutschen bei Kriegsbeginn 1939 völlig aus".

Oder denken Sie an die bewegten Meinungskämpfe um eine Neubewertung der Wehrmachtdeserteure, für die sich 1995 auch die Veranstalter der Waldkircher Deserteurs-Gedenkwochen eingesetzt haben, zum Teil gegen heftigen Widerstand. Von den Judenrettern wollte die Mehrheit der Deutschen lange Zeit schon gar nichts wissen. Machte doch ihre bloße Existenz klar, dass man durchaus "etwas tun" konnte, und provozierte unweigerlich die Frage: Und was hast du getan?

Das Buch beschreibt hauptsächlich Entwicklungen in der deutschen Erinnerungskultur der letzten zwei Jahrzehnte. Da hat sich auf dem Felde der politischen, rechtlichen und moralischen Rehabilitierung eine Menge getan.

Insgesamt: In Deutschland hat sich ein breiter, inhaltsreicher Meinungswandel vollzogen, was den Widerstand in der NS-Zeit und was die Kriegsgegnerschaft angeht. Er hat auch international große und anerkennende Beachtung gefunden.

BZ: Heute vor 75 Jahren begann der Zweite Weltkrieg. Im Unterschied zu den ersten Tagen des Ersten Weltkriegs 1914 gibt es vom September 1939 offenbar keinerlei "Jubelbilder". Weshalb ? Weil alle genau wussten, wie schlimm ein neuer großer Krieg werden würde?

Wette: Das Bild von den kriegsbegeisterten Deutschen im Sommer 1914 ist teilweise eine Legende, die besonders von der NS-Propaganda gepflegt wurde. Ja, es gab damals beim städtischen Bildungsbürgertum, besonders den Intellektuellen, eine Jubelstimmung. Sehr viel weniger aber in den bäuerlichen Familien auf dem Land und bei den Arbeitern. Hier waren Bedrückung und Angst vor dem, was kommen würde, die verbreitetsten Reaktionen auf den Kriegsbeginn.

Der NS-Staat verfolgte in den sogenannten Friedensjahren 1933-39, die tatsächlich Jahre der Kriegsvorbereitung waren, ein großes Ziel: Eine geschlossene, durchmilitarisierte Volksgemeinschaft sollte ebenso begeistert in den Krieg ziehen wie 1914. Aber die Euphorie blieb völlig aus. Die historische Forschung beschreibt das Verhalten der Deutschen bei Kriegsbeginn 1939 mit "widerwilliger Loyalität". Das trifft die Stimmung recht gut. Die Führung von Staat und Wehrmacht konnte gleichwohl zufrieden sein. Denn ihr kam es darauf an, dass gefolgt, dass kein Widerstand geleistet wurde.

BZ: Und Versuche, wie im Sommer 1914 von linker, gewerkschaftlicher, pazifistischer Seite, den Krieg zu verhindern, standen 1939 in der NS-Diktatur vermutlich überhaupt nicht mehr zur Debatte ?
Wette: In den Jahrzehnten vor 1914 traten die sozialdemokratischen und sozialistischen Parteien Europas und kleinen Gruppen bürgerlicher Pazifisten für eine Politik der Kriegsverhütung ein. Diese Organisationen, die am Frieden interessiert waren, wurden schon zu Beginn der Herrschaft Hitlers verboten, kriminalisiert, aus dem politischen Leben ausgeschlossen. Der totalitäre Einpartei-Staat ließ keine abweichenden Meinungen und Handlungen zu. Die Gestapo sorgte dafür, dass sich im Innern ein Widerstand nicht einmal in Ansätzen zu organisieren vermochte. Die Heldentat des Schreiners Georg Elser, der Hitler am 8. November 1939 in die Luft sprengen wollte, um ein Endes des Krieges zu erreichen, war nicht zufällig das Werk eines Einzelnen,

BZ: Von "Tätern, Widerständlern und Rettern" wie in Ihrem Buch hört man aus dem Ersten Weltkrieg viel seltener. Weshalb? Weil 1914 alle Beteiligten das Ausmaß eines Weltkriegs unterschätzt hatten? Weil im Zweiten Weltkrieg die Diktatur in Deutschland viel totaler und brutaler war und es dadurch für die beteiligten Menschen noch häufiger zu existenziellen Entscheidungen kam ?
Wette: Ja, so ist es. Erster und Zweiter Weltkrieg unterscheiden sich in Deutschland durch den Grad der Radikalisierung, gerade auch der rassistischen, und der Totalisierung.

BZ: Zurück zur Gegenwart – 1. September 2014: Syrien, Israel/Palästina, Libyen Irak, Ukraine etc. etc.: Sie (oder andere) könnten leider noch viele aktuelle Bücher über "Täter und Retter" schreiben... ?
Wette: In der Tat: 100 Jahre nach dem Weltkriegsbeginn 1914 scheint die Welt erneut aus den Fugen geraten zu sein. Aber es gibt auch erfreuliche Entwicklungen. Als Antwort auf die beiden Weltkriege ist das Europa der EU immerhin im Innenverhältnis pazifiziert und insoweit Vorbild für andere Regionen der Welt. Die deutsche Politik und das deutsche Militär treiben nicht, wie damals, zum Krieg. Wenngleich es Leute gibt, die der Gewalt mehr "Rechte" einräumen wollen als der friedlichen Verständigung. Die meisten unserer Politiker bemühen sich um Deeskalation der Konflikte jenseits der eigenen Grenzen.

Im Übrigen: Historiker beschäftigen sich primär mit der Vergangenheit. Aber, wie man an den gewandelten Vorstellungen über "Ehre, wem Ehre gebührt" ablesen kann, wirken sie auch an der politischen Kultur eines Landes mit.

Info: Heute, 1. September, spricht Wolfram Wette beim Deutschen Gewerkschaftsbund in Düsseldorf über: "1914/1939 – der Wille zum Krieg" und am Dienstag, 9. September, 19 Uhr, im Historischen Kaufhaus in Freiburg über: "Schlafwandler oder Kriegstreiber?"