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07. November 2009

"Prognosen laufen Realwirtschaft hinterher"

Rekordbesuch beim Anlage-Forum der Volksbank Breisgau Nord mit "Magier Dr. Harry Keaton" und Finanzmarkt-Experte und Bestseller-Autor Max Otte

  1. Dr. Harry und Direktor Martin: Aus Trockeneis wird Papiergeld – zauberhaft! Foto: Bernd Fackler

  2. Max Otte Foto: Bernd Fackler

WALDKIRCH. 1400 Besucher beim "Anlage-Forum" der Volksbank Breisgau Nord – Rekordbesuch, seit diese Reihe vor zwölf Jahren ins Leben gerufen wurde. Volksbank-Vorstandssprecher Karl-Heinz Dreher freute sich über "die überwältigende Resonanz." Bestsellerautor Max Otte und Magier Dr. Harry Keaton erhielten viel Beifall.

"Neues aus der Scheinwelt" hieß das Unterhaltungsprogramm Keatons. Mit seiner Applaus-Kiste brachte er das Publikum in Schwung, machte Gerhard, Winfried und Volksbank-Vorstandssekretärin Friederike Bohn im Handumdreh’n zu geschickten Zauberlehrlingen und verlieh sogar Volksbank-Direktor Martin Reichenbach die erstaunliche Gabe, aus ewigem Eis gültiges Euro-Papiergeld zu machen – eine neue Geschäftsidee?

Keaton & Co. legten einen derartig umfangreichen Bühnenzauber hin, dass für den naturgemäß nüchterneren Infoteil dieser sehr gelungenen Veranstaltung, den Vortrag von Professor Max Otte, fast zu wenig Zeit blieb.

"Neues aus der Scheinwelt" hätte genauso auch der Titel zu Ottes Rede lauten können. Thema: "Nach der Finanzkrise: Wohin geht die Reise an den Finanzmärkten?" Markus Singler vom Volksbank-Vorstand hatte Otte vorgestellt. Wobei der 1964 geborene Finanzmarkt-Experte seit 2006 ja ein überaus bekannter Mann ist: Bereits ein Jahr vor der großen Krise prognostizierte er diese in seinem Buch "Der Crash kommt", längst ein Bestseller. Warum er gerade damals dieses Buch geschrieben hat? "Weil ich deutlich sah, das geht ja noch schlimmer ab als 2002", so Otto auf die Frage der BZ.

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"Finanzmärkte lösen emotionale Urgewalten aus – Angst, Freude, Verzückung, Panik", so der Professor an der Fachhochschule Worms. Er betonte aber, dass insgesamt "Aktien ’ne gute Anlage sind – auch in der Krise". In 30 Jahren sei ihr Durchschnittswert ums Neunfache gestiegen, das sei eine Rendite von 7,1 Prozent. Gerade die Zeit, als breitere Schichten die Aktien "entdeckten", 1999 bis 2009, ist für Otte allerdings "das verlorene Jahrzehnt" mit wildem Kursgalopp. Otte hatte wenig Lob für seine eigene Zunft: "Die Prognosen laufen immer schön der realen Wirtschaft hinterher. Analysten und Institute sind sehr gut darin, vorherzusagen, was bereits passiert ist." Krisen seien auch gar nichts Neues, erinnerte er an die "Tulpenkrise" 1636 in Holland oder die "Südseeblase von 1720" und zitierte dazu Physiker Isaak Newton: "Ich kann die Bewegung der Himmelskörper berechnen, aber nicht den Wahnsinn der Menschen." Die von den USA ausgehende jetzige Krise "war vorhersehhar, alle haben mitgemacht": Noten- und Investmentbanken, private Schuldner, Rating-Agenturen, Aufsichtsbehörden, Wirtschaftsprüfer, Politik und Käufer. Otte: "Das weltweite Bankensystem ist faktisch insolvent". Eine Schlussfolgerung für ihn: "Klein ist wunderbar, Banken dürfen nicht zu groß werden". Dagegen seien, so seine Laudatio auf die Genossenschaftsidee, "Volksbanken (und Sparkassen) ein seit 150 Jahren bewährtes Modell, um das man Deutschland beneidete. Aber was tun wir? Alles, um uns dem unterlegenen angelsächsischen Bankensystem anzugleichen."Frau Merkel trifft sich mit Herrn Ackermann. Sie sollte sich lieber mit Herrn Dreher treffen."

Immerhin: "Die Finanzkrise ist vorbei, aber die Risiken und Auswirkungen noch nicht." Auf die beliebte Frage "Wenn Sie Finanzminister wären, was würden Sie tun?" antwortet Max Otte: Eigenkapital stärken, dazu die Kreditrichtlinien "Basel II" abschaffen, ebenso die Rating-Agenturen, Hegdefonds regulieren und die Tobin-Steuer (eine Steuer für sämliche internationalen Finanzmarktransaktionen): "Das ist kein sozialistisches Übel, sondern sie schlägt da zu, wo sie sollte." Illusionen macht sich Otte keine: "In der hohen Politik passiert leider wenig."

Wohin die Reise für den Einzelnen gehen könnte, konnte oder wollte Otte aber auch nur sehr allgemein sagen: "Konstante Strategie und Regelmäßigkeit in Geldanlagen ist das Wichtigste, eine Mischung zwischen Geld- und Sachvermögen sollte sein". Es sei erwiesen: "Geldentscheidungen werden mit dem Kleinhirn (Reptilienhirn) getroffen: Fressen und gefressen werden." Und er zitierte Börsenguru Kostolany: "Das Geld, das Sie an der Börse verdienen, ist Schmerzensgeld. Erst kommen die Schmerzen, dann das Geld."

Autor: Bernd Fackler