Wandern ist cool, trotz Eltern

Birgit Herrmann

Von Birgit Herrmann

Sa, 29. Juli 2017

Kollektive

Tipps und Tricks, wie Eltern ihre Kinder auf Trab bringen – oder auch nicht / Vier BZ-Autoren erzählen.

Manchmal muss es eben Schokolade sein oder ein ganzer Zauberwald, um Kindern das Laufen schmackhaft zu machen. Was Eltern sonst schon alles versucht haben – und wie sie selbst das Wandern als Kind empfunden haben, erzählen vier BZ-Redakteure.

Ein Wald voll Schokolade
Schweißgebadet klebte ich damals an irgendeinem Berg in den französischen Pyrenäen. War es auf dem Weg zur Breche de Roland oder irgendwo am Cirque du Troumousse, ich weiß es nicht mehr. Aber ich erinnere mich genau: Ich wollte nicht mehr. Keinen Schritt mehr tun, nicht über Felsbrocken stolpern, mich in der Mittagshitze Höhenmeter um Höhenmeter dem Gipfel entgegen quälen – und garantiert nicht mehr wandern, nie mehr. Bloß keine Sprüche mehr hören wie: "Und wenn du denkst, es geht nicht mehr, dann kommt von irgendwo der Schokoriegel her..." Und heute? Laufen unsere drei Kinder durch Zauberwälder, wo Bäume sprechen können und ihnen sagen, welche Aufgabe es als nächstes zu bewältigen gilt: auf Stämmen balancieren, so schnell wie möglich bis zur Lichtung flitzen, rückwärts bis zur Wegkreuzung gehen, leise wie ein Indianer durchs Unterholz schleichen. Und den letzten Anstieg meistern sie begeistert mit ihrem Lieblingsspruch: "Und wenn du denkst, es geht nicht mehr, dann kommt von irgendwo ein Bonbon her..."



Wuff und Weg
"Wann sind wir endlich da?" Drei Sekunden später: "Wie lange geht’s noch?" Und dann: "Ich kann nicht mehr!" Ja, mein Neffe, sechs Jahre, kann sich fürs Laufen – geschweige denn fürs Wandern – nicht begeistern. Weder ein toller Spielplatz noch ein leckeres Eis können ihn zum Marschieren motivieren. Einzig ein kleines, schwarzes Fellknäuel vermag dies: Meine Hündin Peluche lässt sich brav von ihm an der Leine führen, apportiert freudig die Bälle und rennt glückselig mit ihm um die Wette. Er selbst merkt dabei gar nicht, dass wir bereits fünf Kilometer gelaufen sind – will sogar noch weiter. Und auch ich muss zugeben: Ohne Hund geht bei mir nichts. In diesem Sinne: Wuff und weg! Freund im Wandergepäck
"Oh nee, das dauert doch wieder Stunden." Die am Frühstückstisch vorgeschlagene Familienwanderung führt regelmäßig zu Unmutsbekundungen des Nachwuchses – unabhängig vom Wetter oder dem in Aussicht gestellten Leibgericht (Schnitzel, Pommes, Salat). Wandern mit acht und elf Jahren, wie uncool. Doch Vater und Mutter bestehen auf Frischluft statt Zimmermuff. Und greifen in die Trickkiste und zum Telefonhörer: Zwei Anrufe später können es die Burschen dann gar nicht mehr erwarten. Denn jetzt darf jeder einen Freund mitnehmen – und zu viert ist Wandern einfach richtig cool; trotz der Eltern.Immer dem Pfeil
hinterher

Noch vor einigen Jahren musste beim Wandern der halbe Hausstand mit: Essen, Getränke, Sonnenhut, Zeckenschutz, Ersatzkleidung, Sonnencreme, Wickelsachen, Pflaster. Mit Kindern, die bald jugendlich sein werden, ist weniger Gepäck nötig – dafür mehr Motivation. Themenpfade, Pflanzenbuch, Pfeil und Bogen sowie Taschenmesser schaffen Anreize. Praktischerweise fliegt so ein Pfeil recht weit und die Kinder merken gar nicht, wie sie durchs Hinterherflitzen die Kilometer in der Natur bezwingen.