Feldberg

Warum die höchstgelegene Schule im Land so besonders ist

Susanne Gilg

Von Susanne Gilg

So, 20. Januar 2019 um 10:37 Uhr

Feldberg

Zu Besuch in der höchstgelegenen Schule Baden-Württembergs: Im Caritashaus am Feldberg lernen Kinder aus ganz Deutschland – und das auf besondere Weise.

Sie ist die höchstgelegene Schule Baden-Württembergs: die Klinikschule im Caritashaus am Feldberg. Dort werden Förderschüler genauso unterrichtet wie Gymnasiasten, der Unterricht läuft auf individueller Ebene. Das Besondere: Die Schüler wechseln in der Regel alle drei bis vier Wochen. Denn so lange dauern meist Reha und Therapie, für die sie aus ganz Deutschland an den Feldberg kommen. Für Lehrer und Schüler gleichermaßen ist es ein komplett anderer Alltag als an einer Regelschule.

Josephine schaut auf den Schnee, der sich vor dem bodentiefen Fenster türmt. Die Achtjährige kommt aus Norddeutschland und der Schnee fasziniert sie: "Mit meiner Mutter habe ich jetzt schon ein paar Schneemänner gebaut", erzählt sie grinsend. Wie die anderen Kinder in ihrer Klasse ist sie zur Mutter-Kind-Kur in den Schwarzwald gekommen. Damit die Kinder und Jugendlichen nicht für mehrere Wochen ihren Unterrichtsstoff verpassen, gibt es eine hauseigene Klinikschule, in der die Schülerinnen und Schüler individuell betreut werden.

Wenig klassischer Frontalunterricht

"Wir haben hier wenig klassischen Frontalunterricht, im besten Fall arbeiten die Kinder an den Sachen aus ihrer Heimatschule", erklärt Felix Fischer, der die Schule leitet, die aus einem Kollegium von 27 Lehrkräften besteht – angefangen vom Förderschullehrer bis zum Gymnasiallehrer. "Wichtig dabei ist der Kontakt mit der Heimatschule, damit wir uns auf die Bedürfnisse der Kinder einstellen können", sagt Fischer. Die klinikeigenen Schulen in Mutter-Kind-Einrichtungen sind eine Besonderheit in Baden-Württemberg und Bayern.

Kinder sollen ans Lernen herangeführt werden

"Dass die Kinder den Anschluss an ihre Heimatschule nicht verlieren, gibt auch den Eltern ein Gefühl der Sicherheit." Kinder kehrten oft positiv auf Schule eingestellt aus der Reha zurück, berichtet Chefarzt Dr. Hansjörg Schmelzle. "Die Kinder sind motivierter und hatten ein anderes Lernerlebnis." Der Teilhabeaspekt spiele eine ganz wichtige Rolle in der Therapie: "Hier werden auch Lebenswege geprägt, wenn es uns gelingt, Kinder wieder in das Leben und Lernen mit Gleichaltrigen zu integrieren." Wert gelegt wird im Caritashaus die Verschränkung von Therapie und Schule.

Jeden Mittwoch ist Vorstellungsrunde in den Klassen, denn dienstags kommen die Neuankömmlinge in der auf 1200 Metern gelegenen Klinik an, in der Kinder- und Jugendreha sowie Mutter-Kind-Kuren angeboten werden, in denen AD(H)S, Adipositas oder Asthma bronchiale behandelt werden.

Zwei Lehrer kommen auf sieben Kinder

Den Geschwistern Hüseyin und Hülya macht es sichtlich Spaß im Unterricht mit ihren Lehrerinnen Anne-Katharina Winker und Daniela Bolz. Sie schreiben ein Plätzchenrezept auf, während in der Schulküche noch der Teig geht, den sie zuvor selbst hergestellt haben. Die Klasse besteht aus sieben Kindern, zwei Lehrerinnen kümmern sich um sie. "Es ist toll hier zu arbeiten, weil man hier durch die Klassengrößen einfach anders und viel individueller arbeiten kann", sagt Sonderschullehrerin Daniela Bolz, die seit sieben Jahren in der Klinikschule arbeitet.

"Die Kinder, die wir hier haben, sind oft sehr frustriert – wir versuchen, ihnen wieder das Interesse am Lernen zu verschaffen, indem jeder sein Talent einbringen kann." Hülya freut sich etwa wieder auf die Zauber-AG: "Wir haben eine Blume aus Papier gemacht, die dann im Wasser aufblüht", berichtet die Achtjährige stolz. Ein Klassenzimmer weiter sind ältere Schülerinnen und Schüler im Unterricht von Uta Baron und Mareike Schmielau. Nach der sogenannten Traumzeit liest Uta Baron eine Geschichte weiter, in der es um die etwas gewöhnungsbedürftige Familie Herdmann geht.

Die Schule ist fast ganzjährig geöffnet

Die acht Schüler kichern, nur ein Mädchen schaut nicht von seinem Platz auf. "Irgendwas stimmt mit ihr nicht", sagt Uta Baron, als sie kurz in den Kopierraum geht – und ändert kurzerhand ihren Plan. Denn die Lehrerin hat schon gemerkt, dass die Schülerin beim Zeichnen plötzlich viel aufmerksamer wirkt. "Heute will ich Euch ein paar Tricks zeigen, wie man Gesichter gut zeichnet", informiert sie die Klasse.

Und ihr Plan scheint zu funktionieren: Als Uta Baron ein krakeliges Gesicht an die Tafel malt, beginnt das Mädchen zu lächeln, das Eis ist gebrochen. Zwischendrin muss Lucy zum Sport – auch das gehört zur Therapie und wird im Unterricht berücksichtigt. Am Ende haben die Jugendlichen ausdrucksstarke Gesichter gezeichnet. Die Klinikschule ist ganzjährig geöffnet, nur an Weihnachten, da sind zwei Wochen schulfrei. Wenn zum Beispiel im Heimatland Hessen Ferien sind, dann müssen die Kinder auch in Feldberg nicht zur Schule gehen. "Da orientieren wir uns an den Zeiten der Heimatschulen", sagt Schulleiter Felix Fischer.

Auch für die Lehrer ist das Unterrichten etwas besonderes

"Flexibilität und ständiger Wechsel sollten einem liegen", beschreibt Fischer die Eigenschaften, die Lehrer in der Klinikschule mitbringen sollten. Dementsprechend haben die Lehrer auch nicht die üblichen Ferien, sondern 30 Tage Urlaub pro Jahr und den Überstundenausgleich. Es sei Typsache, ob man mit den stetig wechselnden Schülern zurechtkomme, sagt Fischer. "Mir liegt es – das sind kurze, aber intensive Zeiträume."

Josephine wird vor allem den vielen Schnee in Erinnerung behalten, der sich vor dem Fenster auftürmt. "Ich war immer lieber drinnen – aber hier macht mir auch das Draußensein Spaß", erzählt die Achtjährige – und strahlt.