Leitartikel

Warum feiern wir eigentlich Weihnachten?

Alexander Dick

Von Alexander Dick

Do, 21. Dezember 2017 um 03:09 Uhr

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Die Bedeutung von Weihnachten als Wirtschaftskatalysator wächst immer weiter. Doch schwindet seine religiöse Verankerung. Nur eine Minderheit weiß, warum Weihnachten überhaupt gefeiert wird.

Adventszeit in einem Café, in Deutschlands Nordosten. Die Deko lässt keinen Zweifel an der Jahreszeit – mit Weihnachtsmännern, Nüssen, bunten Glaskugeln. Und über jedem Tisch hängt ein buntes Plakat mit ähnlichen Ingredienzien sowie folgendem Text: "Ho ho ho – Fröhliche Winterzeit!"

Das erinnert an den Slogan eines Speiseeisherstellers in den 1980er Jahren, der einem immer "Fröhliche Eiszeit" wünschte. Und bei dem sinnentleerten "Hohoho"-Gejohle denkt man an Rentierschlitten und rot gewandete Kerle mit kitschigen weißen Bärten. Aber warum "fröhliche Winterzeit"? War da nicht noch was?

Vielleicht ist Mecklenburg-Vorpommern, sind generell die neuen Bundesländer ein schlechtes Beispiel, wenn es um die Frage geht, wieviel Weihnachten überhaupt noch in Weihnachten steckt? Bedeuteten doch zu DDR-Zeiten im realen Sozialismus christliche Hochfeste nichts, wurden deren Inhalte nur als schmückendes Beiwerk, losgelöst von der biblischen Botschaft, tradiert. Weshalb für Engel dann auch die Sprachregelung "Jahresendfigur mit Flügeln" getroffen wurde.

Doch ist das wirklich so weit entfernt vom realen Kapitalismus in unserer Demokratie der Gegenwart?

Wer in diesen Tagen seine geschäftliche Weihnachtspost studiert, dem wird auffallen, dass der Begriff Weihnachten, wenn nicht ganz eliminiert, dann doch mitunter schamhaft versteckt wird. Formulierungen wie "Frohe, besinnliche Festtage", "Alles Gute für die anstehenden Feierlichkeiten" oder – ganz international und vor allem neutral – "Season’s Greatings" dominieren dann die allgemeinen Jahresend-Freundlichkeiten.

Womöglich ist das einfach eine konsequente Form politischer Korrektheit. Vielleicht aber auch Ausdruck fortschreitender Säkularisierungstendenzen eines Festes, dessen Inhalte von den alljährlich drum herum wachsenden Kitschhüllen vollkommen erdrückt werden.

Nun kann man immer einwenden, dass in das Weihnachtsfest selbst eine ganze Menge außerchristlicher Elemente integriert worden sind, übernommen aus anderen Religionen, aus Kult und Brauchtum. Der Christbaum ist dafür ein treffliches Beispiel. Institutionalisiert als weihnachtliche Stuben-Ikone wurde der Brauch im deutschsprachigen Raum erst im 19. Jahrhundert. Immergrüne Bäume wurden indes schon in der Antike geschmückt, vornehmlich um die Zeit der Wintersonnwende. Was auch immer im weihnachtlichen Brauchtum aufging, die Intention war ähnlich: die zentrale Rolle eines christlichen Hochfests zu stärken. Mit schwindender Macht und Einfluss der Kirchen veränderten sich die Vorzeichen. Die Hüllen des Christfests wurden übernommen, die Inhalte verdrängt.

Eine paradoxe Entwicklung. Einerseits wächst die Bedeutung von Weihnachten als Wirtschaftskatalysator. Andererseits schwindet seine religiöse Verankerung im öffentlichen Bewusstsein. Oder ist das vermeintlich Paradoxe nur Konsequenz des Miteinanders in pluralistischen Gesellschaften? Weil es unkorrekt ist, dem muslimischen, jüdischen – oder atheistischen – Nachbarn "Frohe Weihnachten" zu wünschen? Aber sollte man dann nicht auch konsequenterweise auf die gigantische öffentliche Inszenierung des Fests verzichten? Ist "Fröhliche Winterzeit" also ehrlicher?

Aktuelle Studien bezeugen, dass nur noch eine Minderheit der Deutschen weiß, warum christliche Hochfeste wie Weihnachten gefeiert werden. Aber auch, dass dessen Zutaten sich trotzdem großer Zustimmung erfreuen. Über 70 Prozent der Deutschen wollen einen echten Christbaum. Denn sie wissen nicht, was sie tun? Das wäre allzu zynisch. Richtiger ist wohl: Sie suchen, zumal in ruhelosen Zeiten wie diesen, nach einem Anker. Gut möglich, dass Weihnachten dafür immer noch weit besser taugt als eine – fröhliche Winterzeit.