Detailarbeit

Was genau am Freiburger Münster saniert wurde

Wulf Rüskamp

Von Wulf Rüskamp

Do, 11. Oktober 2018 um 17:00 Uhr

Freiburg

Die Sanierung des Münsterturms galt vor allem der Statik des filigranen Helms – die nun durch viele Detaillösungen ertüchtigt ist. Gearbeitet wurde mit Respekt vor der genialen Konstruktion.

Da steht er nun wieder, als wäre nichts geschehen: der Turmhelm des Freiburger Münsters nach seiner Sanierung, die elf Jahre gedauert und 13 Millionen Euro gekostet hat. Nun sagen gerade die Dom- und Münsterbauhütten zwar gerne, ihre Kirchen seien Dauerbaustellen. Doch was nach Alltag klingt – bei der Sanierung des Münsterturms war alles anders.

Wer heute das Münster nachbauen wollte, müsste viele statische Berechnungen machen

Vor allem hat sie bei allen Beteiligten den Respekt wachsen lassen vor der technischen Leistung, die die Bauleute des beginnenden 14. Jahrhunderts hier vollbracht haben. Denn über der Sanierung wurde die Genialität der Konstruktion sichtbar: Der 45 Meter hohe Turmhelm wird von nichts anderem getragen als seiner Außenwand, und allen horizontal einwirkenden Windkräften kann er ohne jede innere Querverstrebung widerstehen.

Bei so viel konstruktiver Eleganz erstaunt nicht, dass dieses Wunderwerk vielerorts in Europa nachgeahmt wurde. Aber kaum einer dieser Bauten hat Zeitläufte und Witterung überlebt – anders als der Freiburger Turm.

Wollte heutzutage jemand ihn nachbauen, er müsste umfangreiche statische Berechnungen anfertigen – über die die Münsterbaumeister der Gotik nicht verfügten. Was sie bauten, beruhte auf Erfahrung – und vermutlich auch auf Ausprobieren und Anpassen. Manche Unregelmäßigkeit in der keineswegs ebenmäßigen achteckigen Pyramide des Turmhelms erklärt sich daraus.

Eine berechnete Statik des Münsterturms gibt es erst heute – sie ist über ein virtuelles Modell des mit jedem einzelnen Stein dokumentierten Turms entwickelt worden: Nun können moderne Ingenieure nachvollziehen, warum der Münsterturm trotz seiner Grazilität und Fragilität heute noch steht. Zugleich weiß man seither, dass 80 Prozent der Steine aus den Jahren vor 1330 stammen, also aus der Bauzeit.

Die Berechnungen waren freilich kein Selbstzweck, sondern dienten ganz entscheidend der Sanierung der Turmstatik. Dass diese in Gefahr war, hatte man bereits vor 13 Jahren erkannt. Doch bis zur konzeptionellen Lösung des Problems dauerte es noch einmal neun Jahre. Das waren gerade für die Münsterbaumeisterin Yvonne Falle neun unruhige Jahre, hatten doch Statiker Zweifel angemeldet, ob der laut Jacob Burckhardt "schönste Turm der Christenheit" einen weiteren Sturm wie Lothar 1999 überstehen könnte ...

Angefangen hatte es mit einem schweren Steinbrocken, der im Juli 2005 eines Nachts vom Münsterturm auf die Besucherplattform herabgekracht war. Die sich sofort anschließenden Untersuchungen am Turm – dabei wirkten Kletterer der Bergwacht mit – zeigten nicht nur erhebliche Steinschäden, sondern insbesondere, dass neben der am gesamten Münster bekannten Erosion durch Wind und Wetter auch statische Kräfte am Werk waren. Darauf deuteten Risse und Verschiebungen in den Maßwerkteilen des Helms hin.

Windkräfte werden aufs Oktogon verteilt

Danach war für die Münsterbauhütte klar, dass die Restaurierung unmittelbar in Angriff zu nehmen sei: Seit 2007 hüllte das Gerüst, das erst 2018 wieder verschwinden sollte, den Turm ein. Die Analyse der Schäden ergab: Der Turm war zwar so konstruiert, dass er die horizontal einwirkenden Windkräfte dynamisch verteilen kann, doch das zugrundeliegende System war über die Jahrhunderte ausgeleiert.

Das ist natürlich nur bildlich zu verstehen. Es lässt sich aber mit der Bauweise des Oktogons erklären, dessen Süd- und Nordseite 60 bis 70 Zentimeter schmaler sind als die übrigen – warum auch immer. Die acht Maßwerkscheiben einer Etage stoßen jeweils an Ecksteinen zusammen. Ehe sie die nächste Etage aufsetzten, haben die gotischen Baumeister einen Ringanker in die Steine verlegt – geschmiedete Eisenstäbe, die, am Ende zum Haken gekrümmt, in den Ecksteinen in einen Eisenring fassen, der mit Blei ausgegossen wurde.

Dieser von außen nicht sichtbare Ring aus Eisenstäben – die allermeisten sind bis heute nicht korrodiert – hält die Seitenscheiben zusammen, wenn der Wind auf sie prallt, und leitet die Kräfte auf das gesamte Oktogon um.

Über die in den Ecksteinen eingelassenen kleinen Eisenringe soll verhindert werden, dass der spröde Stein unter dieser Dynamik reißt – was jahrhundertelang klappte. Doch spätestens 1919 hatte man entdeckt, dass nicht alle Ecksteine auf allen acht Ringetagen dem Druck standhalten: Sie sind gerissen oder gar geborsten. Das war damals nur notdürftig repariert worden. Doch im 21. Jahrhundert galt es, dieses statische System dauerhaft zu retten.

Denkmalschützer und Münsterbauhütte fanden einen gemeinsamen Weg

Aber wie sollte das geschehen? 2011 gerieten Münsterbauhütte und Denkmalpflege mit unterschiedlichen Konzepten aneinander: Die Münsterbauleute wollten, wie es Tradition war, schadhafte Steine austauschen; die Denkmalpflege hielt dagegen jeden einzelnen Originalstein für ein wertvolles Dokument. Deshalb kam eine großtechnische Lösung auf: Die alte Statik der Ringanker sollte entlastet werden durch ein außenliegendes Gerüst aus verspannten Stahlseilen – gleichsam Fassreifen für den Turm. Das wiederum war der Münsterbaumeisterin Faller (und nicht nur ihr) ein Graus. Andere Denkmalpfleger sprangen ihr zur Seite: Auch das gotische Statiksystem sei schützenswert.

2015 hatten Landesdenkmalamt und Münsterbauhütte einen gemeinsamen Weg gefunden. Damit begann eine Bauzeit, die Dagmar Zimdars vom Landesdenkmalamt in höchsten Tönen lobt als von "engem, gegenseitigem Verständnis getragen". Mit den Ingenieuren einer Münchner Spezialfirma seien innovative Lösungen entwickelt worden – mit zwei Vorteilen: Es gibt keine großtechnische Ersatzkonstruktion, sondern die Sanierung eines jeden einzelnen geschädigten Steins; und zweitens werden möglichst viele Originalsteine erhalten. Deswegen ist heute, da wieder der freie Blick auf den Turmhelm möglich ist, mit bloßem Auge kaum zu erkennen, wo eingegriffen wurde.

40 Tonnen Last waren im Turm abzufangen

Am Schluss waren es nur acht Ecksteine, die ausgetauscht werden mussten. Aber auch das erforderte nicht bloß Steinmetze, sondern zudem Ingenieure. Denn auf diesen Ecksteinen lagerten bis zu 40 Tonnen Last vom Bauwerk darüber. Durch aufwendige Stahlklammern wurde die jeweils auszubessernde Stelle überfangen, ohne dass sich die Statik verschob, der alte Stein herausgeholt und dann der neue Stein eingeschoben – für die Handwerker, Ingenieure und Münsterbauhütte stets eine spannungsgeladene Situation.

21 weitere, nur gerissene Ecksteine wurden mit korrosionsbeständigem Titan äußerlich bandagiert, so dass sie den Kräften Stand halten. An den übrigen Bauteilen wurden weitere 121 Steine ausgetauscht – fast alle stammen aus späteren Turmreparaturen. Der Originalbestand aus Buntsandstein wurde kaum angerührt.

Vor allem aber funktioniert die gotische Konstruktion wieder. Die Erleichterung darüber ist allenthalben zu spüren. Aber noch einmal 700 Jahre will man ihr nicht blind vertrauen: In 40 oder 50 Jahren, so heißt es aus der Münsterbauhütte, müsse man mal wieder nachschauen.