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28. März 2017

Landschaft, die Geschichte atmet

Dirk Bleyer entführt im voll besetzten Haus der Volksbildung nach Masuren / Unberührte Natur und Städte, die sich neu erfinden.

  1. Dirk Bleyer beeindruckte auch als kundiger Erzähler. Foto: Yvonne Siemann

WEIL AM RHEIN (ysie). Unberührt wirkende Natur, aber auch viele Spuren der deutschen, polnischen und russischen Geschichte: All dies zeigte der Reisefotograf Dirk Bleyer im vollbesetzten Saal im Haus der Volksbildung. Die Multivisionsshow mit dem Titel "Masuren & Thorn, Danzig, Königsberg" fand im Rahmen der Vortragsreihe Vision Erde statt, die von Martin Schulte-Kellinghaus in Zusammenarbeit von der Volkshochschule und der Badischen Zeitung organisiert wird.

Das erste Mal von Masuren hörte Bleyer von seiner Oma, die ihm mit leuchtenden Augen von ihren Ferienreisen als Kind erzählte. Seit Ende der 90er Jahre hat Bleyer Masuren unzählige Male besucht, zusammen mit seiner polnischen Frau Aneta, von der auch viele der Aufnahmen stammen. Mittlerweile hat er auch einen Bildband über Masuren veröffentlicht.

Für Bleyer steht fest: "Die schönste Art, nach Masuren zu kommen, ist auf dem Wasserweg." Die masurische Seenplatte umfasst etwa 3000 Seen, wo man gut Kajak fahren und segeln kann – davon zeugen die übervollen Schleusenkammern in den Hochsommermonaten. Besonders beeindruckt war das Publikum von den sogenannten Rollbergen am oberländischen Kanal. Dabei handelt es sich um eine Art von Standseilbahnen, auf denen Schiffe zur Überwindung des Höhenunterschieds von fast 100 Metern über Land transportiert werden.

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Abgesehen davon hat es Bleyer besonders die Natur rund ums Wasser mit ihren Pflanzen und Tieren angetan. Einige Aufnahmen hat er von einem Ultraleichtflugzeug aus gemacht, und oft war er bei Sonnenaufgang oder -untergang unterwegs, um Wasserspiegelungen einzufangen. Masuren sei durch die kalte sibirische Luft auch ein Ort besonders schöner Wolken in klarer Luft, wie er schwärmt: "Sie stehen wie gemalt am Himmelszelt."

Aber nicht nur die Natur fasziniert Bleyer, auch zahlreiche Begegnungen mit den Menschen vor Ort haben ihn beeindruckt. Immer wieder fand er Originale, die ihn an Siegfried Lenzens Buch "So zärtlich war Suleyken" erinnerten. Etwa Andrzej, der in Danzig als Pirat verkleidet für Fotos posiert und damit seine Rente aufbessert; oder Christel, die singende Bootsführerin oder Mihał, der über das schwierige Miteinander von Deutschen und Polen nach dem Krieg einen kritischen Film gedreht hat und nun dafür von der Regierung angefeindet wird.

Daneben sind viele berühmte Persönlichkeiten in der Region geboren und haben zum Teil hier auch gelebt und Spuren hinterlassen, wie Ernst Wiechert, Johann Gottfried Herder oder Marion Gräfin Dönhoff. Besonders speziell ist sicher auch die ägyptisch inspirierte Grabpyramide der Familie von Fahrenheid, und dass die Geschichte nicht einfach vorbei ist, zeigt die jährliche Nachstellung der Schlacht bei Tannenberg 1410 als riesiges Ritterspektakel.

Aber auch in den Städten wie Danzig, Thorn oder Königsberg findet man viele Zeugnisse deutscher und polnischer Geschichte: "Freud und Leid liegen hier eng beieinander." Vor 700 Jahren bat Herzog Konrad von Masowien den Deutschen Orden um Hilfe gegen das Volk der Prussen. Später folgten Siedler aus Niedersachsen und Westfalen, bis ihre Nachfahren nach dem Zweiten Weltkrieg fast alle vertrieben wurden.

Ein wichtiges historisches Zeugnis ist natürlich auch die Danziger Werft, die für die Wende von 1989 eine wichtige Rolle gespielt hat. Neben Danzig und Krakau gilt auch Thorn, die Geburtsstadt von Nikolaus Kopernikus, als eine der drei schönsten Städte Polens. Und seine Heimatstadt Königsberg, heute Kaliningrad, würde Immanuel Kant heute wohl kaum wiedererkennen.

Besonders beeindruckt hat Bleyer auch die 700 Jahre alte Marienburg, die die Unesco zum Weltkulturerbe ernannt hat. Sein Tipp für alle, die nun ebenfalls Masuren besuchen möchten: "Nehmen Sie sich viel Zeit, um die Burg zu jeder Tageszeit zu genießen!"

Autor: ysie