Wie Europa im Alltag gelingt, dafür gibt es keine einfachen Rezepte

ysie

Von ysie

Fr, 23. März 2018

Weil am Rhein

OB Wolfgang Dietz diskutiert mit Schülern des Oberrhein-Gymnasiums und von der französischen Partnerschule Lycée Daudet aus Nimes über aktuelle Problemlagen.

WEIL AM RHEIN (ysie). "In welchem Europa wollen wir leben?" Über diese Frage diskutierte Oberbürgermeister Wolfgang Dietz im Oberrhein-Gymnasium mit gut 30 Zehntklässlern vom bilingualen Zweig der Schule sowie aus dem Lycée Daudet im südfranzösischen Nîmes, der neuen Partnerschule. Anlass war die Verleihung des Zertifikats "Partnerschule für Europa" an das Oberrhein-Gymnasium.

Dietz, der selbst 14 Jahre in Brüssel für die EU gearbeitet hat, stellte den französischen Schülern zunächst die Stadt Weil mit ihrer besonderen Lage vor. Doch nicht nur die Grenzen zur Schweiz und zu Frankreich seien nah, auch sei man quasi im Herzen Europas: Innerhalb einer Stunde reise man mit dem Flugzeug nach Barcelona, Warschau oder London. Nach einigen einführenden Worten auf Französisch betonte er, dass jeder während der Diskussion seine Muttersprache sprechen solle, denn: "Sie müssen nicht sprechen wie Goethe oder Rabelais", meinte Dietz. Dennoch stellten auch die französischen Schüler die vorher ausgearbeiteten Fragen auf Deutsch.

Die Diskussion spannte einen weiten Bogen von der innereuropäischen Zusammenarbeit und Sozialpolitik bis hin zur Migrations- und Außenpolitik. Für die französischen Schüler war auch die Arbeitslosigkeit ein wichtiges Thema. So fragten sie, wie viele Arbeitslose es in Weil gebe, was für sie getan werde und was eine sogenannte Jugendgarantie bringen könnte, nach der alle Jugendlichen unter 25 Jahren innerhalb von vier Monaten nach der Ausbildung oder Arbeitslosenmeldung ein Weiterbildungs- oder Beschäftigungsangebot erhalten sollen.

In Weil herrsche glücklicherweise praktisch Vollbeschäftigung, antwortete Dietz. Doch schon ein Blick ins nahe Elsass zeige ganz andere Verhältnisse, was allerdings auch daran liege, dass aufgrund von Sprachbarrieren immer weniger Elsässer in Deutschland arbeiten könnten. Daher lautete sein Appell: "Lernen Sie Sprachen!"

Ein weiteres Thema in der Diskussion war die Rolle Europas in der Welt, etwa die Beziehung zu den USA und dem zunehmend autokratischen Russland, während andere Staaten wie China wirtschaftlich rasch aufholen. Gerade in dieser Situation sei es wichtig, dass die EU nicht gesplittet sei. Zwar habe sich die Befürchtung eines Dominoeffektes nach dem Brexit nicht erfüllt, dennoch bedauere er das Geschehene und hoffe auf eine möglichst ‚softe‘ Lösung, führte Wolfgang Dietz aus.

In diesem Zusammenhang kam das Gespräch auch auf das Erstarken rechtspopulistischer Parteien in Deutschland, Frankreich und anderswo. Wie Dietz betonte, seien Schuldzuweisungen an andere ein uralter politischer Trick, den schon die alten Römer kannten. In diesem Zusammenhang gab er den Jugendlichen mit auf den Weg: "Passen Sie auf bei Politikern, die einfache Rezepte haben – wenn es so einfach wäre, dann wäre das Problem schon längst gelöst." Und er empfahl den Jugendlichen für die Begegnung mit Personen, die die Migration als Ursache aller Probleme sehen: "Fragen Sie solche Leute doch mal, wo ihre Großeltern herkamen – hier in Weil gibt es kaum Leute, deren Vorfahren schon immer hier gelebt haben." Dietz stellte die Maßnahmen der Stadt Weil vor, den Flüchtlingen zu helfen, etwa mit Wohnungen, Sprachkursen und einer Flüchtlingsbeauftragten, wobei er betonte, dass von den Migranten selbst auch Integration eingefordert werde.

Die Schüler fragten auch nach den Ursachen der Migration und den Möglichkeiten Europas, vor Ort aktiv zu werden. Dietz sprach von militärischen Interventionen lediglich als letztem Mittel und schlug die Einrichtung einer gemeinsamen europäischen Grenzpolizei vor, damit Staaten an der Außengrenze Europas nicht alleine gelassen würden. Gleichzeitig gab er zu bedenken, dass man Migration auch im Zusammenhang mit Versäumnissen Europas sehen müsse, etwa dass Europa zu wenig für die Entwicklungszusammenarbeit getan habe und dass die Entkolonialisierung nicht optimal verlaufen sei, während die Öffnung europäischer Märkte für Agrarprodukte aus Afrika gleichzeitig zu Lasten des eigenen Wohlstandes gehen würde.

Dietz schloss die Diskussion mit der Anekdote von einer Begegnung mit Pierre Pfimlin, einem der Gründungsväter der Europäischen Union, der auf die Frage, was man gegen Europamüdigkeit tun könne, geantwortet habe: "Was haben Sie denn dagegen getan?"