Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

12. August 2012 12:31 Uhr

Windkraft

Genauso viel Strom mit wenigen Riesen statt vieler Zwerge

1000 neue Windräder sollen sich binnen acht Jahren in Baden-Württemberg drehen. So will es die grün-rote Landesregierung. Der Ausbau stockt allerdings, weil derzeit die Kommunen noch die künftigen Standorte planen.

  1. Größenvergleich: Der 138 Meter hohe Windrotor (Nabenhöhe) auf dem Scheerberg bei Freiamt und der 116 Meter hohe Turm des Freiburger Münsters Foto: Michael Haberer

  2. Das Freiburger Münster ist und bleibt eine Dauerbaustelle. Foto: Alexander (2)/Bamberger

Doch es gibt inzwischen Zweifel, ob derart viele Rotoren – die von vielen befürchtete "Verspargelung" des Landes – überhaupt sein müssen: Baute man nämlich große Windmühlen an den richtigen Stellen, käme man auch mit rund 300 Anlagen aus, um die gewünschte Strommenge zu erzeugen.

Zehn Prozent des Energieangebots im Land sollen 2020 aus Windenergie gewonnen werden. Mehr macht im Rahmen des künftigen Energiemixes keinen Sinn – weil der Wind ein unzuverlässiger Lieferant ist und Strom immer noch nur aufwendig zu speichern ist. Doch um selbst das Zehntel zu schaffen, muss die Windkraft kräftig ausgebaut werden: Derzeit stammt nur ein Prozent des Energieangebots aus den Rotoren im Land. Die Landesregierung hat die Regionalverbände als Bremser des Ausbaus identifiziert und sie über das neue Landesplanungsgesetz entmachtet. Nun haben die Kommunen die Entscheidung in der Hand.

Mancherorts macht sich Goldgräberstimmung breit, verspricht man sich doch vom Stromverkauf gute Einnahmen für die Gemeindekasse. Andere aber befürchten, dass nun auf all den Bergkämmen des Schwarzwaldes, wo es rechtlich möglich ist, Ketten von Windrotoren entstehen – zu Lasten des Landschaftsbildes, um das sich etwa der Schwarzwaldverein sorgt. Aber auch ein Windkraftbefürworter wie Andreas Markowsky von Regio-Wind sagt: "Auf jedem Berg Windmühlen – das will ja niemand." Schließlich steht die (inzwischen deutlich gewachsene) Akzeptanz der Rotoren in der Bevölkerung auf dem Spiel. Deshalb plädiert auch er dafür, möglichst große Windräder zu bauen. Die neueste Generation ragt mit ihren Flügeln mehr als 200 Metern in die Höhe, und solche Rotoren bieten eine Leistung von 5,7 bis 7 MW. Entscheidend ist dafür neben der Höhe vor allem die Länge der Rotorenflügel und die Technik des Generators. Solche Giganten, die größere Wirtschaftlichkeit versprechen, werden in Teilen an den Standort gebracht und dort zusammengebaut – selbst die Flügel kommen nicht als Ganzes an. Ein Exemplar soll auf dem Freiburger Schauinsland aufgestellt werden – es könnte so viel Strom produzieren wie die fünf bestehenden Windräder rund um Freiburg zusammen.

Werbung


Dass auf diese Weise eines Tages ein Überangebot an Windstrom entstehen könnte, diese Sorge hat man im Ministerium für Umwelt, Klima und Energiewirtschaft nicht. Zwar weiß man um die rasante Entwicklung, was die Leistungsfähigkeit neuer Windkraftanlagen angeht. Doch man rechnet, weil erst die Pläne genehmigt werden müssen, mit einem Ausbauboom nicht vor 2014. Wenn absehbar sei, dass der zehnprozentige Anteil an der Energieproduktion erreicht werde, denke man ans Nachsteuern – solange wolle man die Entwicklung beobachten, sagt ein Sprecher des Ministeriums.

Windkraft contra Naturschutz

Für große Rotoren sind indes Standorte nötig, wo der Wind kräftig bläst. Windgeschwindigkeiten von rund sechs Metern pro Sekunde als jährlicher Durchschnitt, und zwar 100 Meter über dem Boden, sind mindestens nötig, heißt es im Windenergieerlass, der Verwaltungsvorschrift für die Windkraft. Diese Verhältnisse finden sich in Kammlagen der Gebirge. Doch im Südschwarzwald kollidiert dort die Windkraft mit dem Naturschutz. Denn Naturschutzgebiete sind, wie der (noch zu gründende) Nationalpark, Bann- und Schonwälder oder Kernzonen von Biosphärengebieten für die Windkraftnutzung "Tabubereiche", wie es im Erlass heißt. Es gibt weitere Tabus: Europäische Vogelschutzgebiete, Zugkorridore von Vögeln und Fledermäusen sowie Rast- und Überwinterungsgebiete von Zugvögeln. Allerdings ist hier die Verträglichkeit von Rotor und Vogel zu prüfen – dann sind Ausnahmen möglich.

Nach Markowskys Eindruck legen die amtlichen Naturschützer die Regelung sehr scharf aus. Das berge für manche Gemeinde noch eine böse Überraschung, wenn sie ihre Windkraftplanung dem zuständigen Landratsamt zur Prüfung vorlegt. Im Schwarzwald geht es dabei oft ums Auerhuhn, das angeblich von Rotoren verscheucht wird, oder um den Roten Milan. Franz Pöter vom baden-württembergischen Bund für Umwelt und Naturschutz sieht hier noch großen Forschungsbedarf, um tragbare Kompromisse zwischen Windkraft und Naturschutz zu finden.

Dabei könnten auch höhere Rotoren helfen. Die sind zwar deutlich sichtbarer als die bisher üblichen Windräder. Aber ihr Nachteil fürs Landschaftsbild, das immer noch zu berücksichtigen ist in der Standortsuche (wenngleich mit weniger Gewicht als in Zeiten CDU-geführter Landesregierungen), dürfte geringer sein als die gefürchtete "Verspargelung", die auch das Energieministerium vermieden sehen möchte.

Autor: Wulf Rüskamp