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19. Dezember 2014

"Wenn aus der Einsamkeit ein Sog entsteht"

BZ-INTERVIEW mit Diplom-Psychologe Wanja Kunstleben über den Weihnachtsblues und warum es wichtig ist, sich seine Gefühle einzugestehen.

  1. An Weihnachten glänzt nicht immer alles. Foto: Susanne Ehmann/dpa

  2. Wanja Kunstleben, Diplom-Psychologe im Sigma Zentrum Bad Säckingen Foto: Susanne Ehmann

BAD SÄCKINGEN. Leere Straßen, vom weihnachtlichen Lichterglanz erhellt, Familien, die unter dem geschmückten Christbaum lachend Geschenke austauschen – so oder ähnlich romantisch stellen sich viele Weihnachten vor. Doch die Realität sieht oft ganz anders aus. Viele Menschen sind an den Feiertagen allein. Was das bedeutet, und wie wir mit dem Weihnachtsblues umgehen können, darüber hat BZ-Redakteurin Susanne Ehmann mit dem Psychologen Wanja Kunstleben gesprochen.

BZ: Herr Kunstleben: Weihnachten heißt ja auch "das Fest der Liebe". Warum birgt es für manche Menschen dennoch ein gewisses Risiko?

Wanja Kunstleben: Weihnachten und auch Neujahr sind gesellschaftlich hoch emotionalisierte Feste. Das bringt viele Menschen dazu, ihre Wünsche mit der Realität abzugleichen. Und dann werden Verluste, Trennungen oder Kontaktabbrüche mit der Familie besonders schmerzlich bewusst.

BZ: Sind dann auch die Erwartungen besonders hoch?

Kunstleben: Ja, das ist typisch für uns: Für Leistung wollen wir belohnt werden. Die Vorweihnachtszeit ist eine sehr dichte Zeit. Es gibt viel zu tun, es ist oft stressig. Wenn wir das geschafft haben, erwarten wir zur Belohnung Harmonie und Liebe. Und das kann zu Spannungen und Konflikten führen. Noch dazu folgt auf die stressige Vorweihnachtszeit mit den Feiertagen eine abrupte Ruhezeit. Wenn es still wird auf den Straßen ist plötzlich viel Raum da – und der will gefüllt sein. Dazu das oft graue Wetter, das wenige Licht – es kommt viel zusammen: In der Adventszeit liegen Freude und Leid häufig sehr nah beieinander.

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BZ: Gibt es Menschen, die gefährdeter sind, einsam zu sein, als andere?

Kunstleben: Menschen im Rentenalter sind, was das angeht, oft höheren Belastungen ausgesetzt. Wenn man jung ist, ist die innere Einsamkeit häufiger, die kann aber von einem sozialen Netz aufgefangen werden. Ältere Menschen haben oft mehr Verluste oder Trennungen erlebt, die Einbindung durch den Beruf fällt weg: Dann besteht die Gefahr der sozialen Einsamkeit. Schwierig kann es für diejenigen sein, die sich sehr unter Druck setzen, hohe Erwartungen an sich stellen.

BZ: Wozu kann das führen?

Kunstleben: Einsamkeit ist ein normales Gefühl, keines das per se schlecht ist. Allein zu sein kann auch schön sein. Aber es kann auch dazu führen, dass wir uns ausgeschlossen fühlen. Alleinsein ist gesellschaftlich negativ besetzt. Wir sind soziale Wesen, das entspricht nicht unserer Natur. Manchmal kritisieren wir uns selbst dafür – bewusst oder unbewusst. Das Gefühl der Ausgrenzung ist schambesetzt und kann kränkend sein. Schwierig wird es, wenn daraus ein Sog entsteht.

BZ: Was bedeutet das?

Kunstleben: Alle Gefühle, die wir empfinden, lassen uns ab einer gewissen Intensität die Welt nur noch nach einer gewissen Logik wahrnehmen: nach der Logik des bestimmenden Gefühls. Das heißt: Egal ob rosa oder graue Brille, wir sehen die Welt so, dass sie unser Gefühl bestätigt.

BZ: Was können wir dagegen tun?

Kunstleben: Wichtig ist: Das Gefühl nicht wegdrücken und so tun als wäre nichts. Sondern versuchen, es anzunehmen, nach Möglichkeit mit jemandem darüber zu sprechen. Sich eingestehen: Da fehlt mir was. Und dann etwas dagegen tun.

BZ: Was heißt das konkret?

Kunstleben: Gerade in der Adventszeit gibt es viele gesellschaftliche Angebote: Gottesdienste zum Beispiel oder Feiern von caritativen Verbänden. Auch ein Kurzurlaub kann helfen. Oder sich einfach etwas zu gönnen: ein feines Essen oder die Wohnung schön zu gestalten. Einfach liebevoll mit sich umgehen. Im Vorfeld kann es auch helfen, etwas anders zu machen, bewusst Akzente zu setzen.

BZ: Was, wenn ich merke: nichts hilft?

Kunstleben: Manchmal reicht es, sich klar zu machen, das negative Gefühle zum Leben dazu gehören und vorbei gehen. Wenn aber das Gefühle von innerer Leere, Freudlosigkeit und Antriebsverlust länger als zwei Monate anhalten, dann ist das eine ernstzunehmende Belastung. Dann hat sich eine depressive Verstimmung manifestiert. Sie sollten sich dann Hilfe suchen und einen Arzt oder Psychotherapeuten kontaktieren. Auch die Telefonseelsorge ist rund um die Uhr erreichbar. Oder sie wenden sich an die Klinikambulanzen oder den psychosozialen Dienst.

BZ: Viele scheuen sich davor, um Hilfe zu bitten. Warum eigentlich?

Kunstleben: Ja, das ist komisch: Es ist völlig normal, sich für die Steuererklärung Hilfe zu holen. Aber von unserem Leben, das ungleich komplizierter ist, erwarten wir, dass es von selbst läuft. Dabei lohnt es sich manchmal, neutrale Fachleute um Hilfe zu bitten. Die wissen, was zu tun ist.

Hilfe im Notfall

»Telefonseelsorge unter
Tel. 0800/1110111 oder 0800 /1110222

»Arbeitskreis Leben Freiburg e.V.:
montags, mittwochs und freitags von 10 bis 13 Uhr, dienstags und donnerstags von 14 bis 16 Uhr, Tel. 0761/33388

»Psychosozialer Beratungsdienst der Uni Freiburg: montags und donnerstags von 9 bis 12 Uhr, mittwochs von

9 bis 12 und von 14 bis 16 Uhr unter

Tel. 0761/2034467

»Akut-Telefon des Sigma-Zentrums Bad Säckingen unter Tel. 07761/55660

Wanja Kunstleben ist 38 Jahre alt, verheiratet und Vater von zwei Kindern. Der Diplom-Psychologe arbeitet im Sigma-Zentrum Bad Säckingen und in der Praxis in Freiburg, die er gemeinsam mit seiner Frau betreibt. Seine Schwerpunkte liegen im Bereich Gestalt- und Paartherapie sowie der Tiefenpsychologie.  

Autor: ehm

Autor: ehm