SC-Reserve

Wenn es richtig interessant wird, ist für Christian Preußer Schluss

Jakob Schönhagen

Von Jakob Schönhagen

So, 19. August 2018 um 00:00 Uhr

SC Freiburg

Der Sonntag Vergangene Saison stand die SC-Reserve vor dem Aufstieg in die Dritte Liga. Nach einem Umbruch braucht die umformierte Mannschaft des SC Freiburg II in der Regionalliga nun aber noch Zeit.

Viele Fußball-Bundesligisten verzichten mittlerweile auf eine Reservemannschaft. Nicht jedoch im Breisgau. Unter Trainer Christian Preußer hat sich die zweite Riege des SC Freiburg vergangenes Jahr nach dem Aufstieg in die Regionalliga zum Topteam entwickelt. Nach dem großen Umbruch stockt momentan aber noch der Motor.

Dem Mösle-Stadion wohnt der Charme eines in die Jahre gekommenen Stadions inne. Auch nach der Renovierung von 2013. Die denkmalgeschützten Tribünen am Waldsee sind intakt, haben aber auch schon bessere Jahre erlebt. Jahrzehntelang beherbergten sie die Fans des Freiburger FC. Seit der Sportclub 2000 das Mösle übernommen hat, haben sich die SC-Damen hier zum Topteam der Frauen-Bundesliga entwickelt. Ein Stadion mit Geschichte für Puristen, Liebhaber des einfachen Stils. Eine Anlage mit Qualität, aber ohne Schnickschnack oder Brimborium.

Christian Preußer dürfte es kaum stören. Der gebürtige Berliner ist keiner, der große Ansprüche stellt. Der 34-jährige Trainer der Freiburger U-23-Reserve hat im rustikalen Mösle-Stadion in den vergangenen zwei Jahren ein Regionalliga-Spitzenteam geformt. Ohne viel Aufreiben. Still, aber solide. Womit er den Erfordernissen seines Jobs wie auf den Leib geschneidert scheint. Denn: Jedes Mal, wenn die behutsam geförderten Talente zum Abheben ansetzen, endet Preußers Weg mit den hochveranlagten Kickern des SC Freiburg. Drastischer formuliert: Wenn es richtig interessant wird, ist für Preußer Schluss.

Könnte man sagen. Muss man aber nicht. "Das ist ja gerade das Interessante, jedes Jahr aufs Neue Talente zu entwickeln und sie auf ihrem Weg zu begleiten", gibt der Diplomtrainer einen Einblick in seinen Motivationshaushalt. Er betreibt seine Aufgabe mit Erfolg. Kevin Schlotterbeck und Chima Okoroji beispielsweise stehen kurz vor dem Sprung in den Profi-Fußball.

Trotz seiner jungen Jahre kann der Cheftrainer bereits auf eine bewegte, vor allem aber steile Karriere zurückblicken.

Bereits als 18-Jähriger trainierte der Jungspund in seinem Berliner Heimatverein die U 15. In Thüringen, während des Sportstudiums, ging dann alles ganz rasant. Vom Praktikanten zum Cheftrainer in kaum fünf Jahren. Und das beim traditionsträchtigen FC Rot-Weiß Erfurt. Mit 29 wurde er zum Diplomtrainerlehrgang zugelassen. So jung ist da sonst kaum einer. "Aber auch die Kehrseiten des Profigeschäfts habe ich da gespürt", gesteht der Wahlfreiburger. Als es in der Dritten Liga bei Rot-Weiß weniger gut lief, wurde Preußer geschasst. Und wagte den Schritt in den Breisgau: "Den ich nie bereut habe."

Alles muss sich noch einspielen

Dort verwaltet der Fußball-Lehrer nun alljährlich große Umbrüche. Auch dieses Jahr ist das Wechselspiel groß. Knapp zwei Handvoll Spieler haben den Verein verlassen, aus der höchst talentierten U 19 steigen zehn Akteure auf. Fünf externe Talente, wie Konrad Faber vom Freiburger FC oder Torjäger David Nieland vom VfL Wolfsburg, verstärken die Mannschaft. Ein großer Wandel, wie Preußer betont: "Hierarchien und unsere Spielweise müssen sich erst einspielen. Alle sind fleißig. Aber all das braucht Zeit."

Das hatte Preußer schon im Augenblick des Erfolgs betont. Es gab da nämlich diesen Moment, Ende April, als das jüngste Team der Regionalliga – gleichzeitig auch Aufsteiger – kurz davor war, mit ansehnlichem Offensivfußball den direkten Durchmarsch zu packen. Kurzfristig kam da auch die Reserve in den Glanz der Schlagzeilen, die normalerweise den Profis vorbehalten sind. Zeitweilig trat die Talentschmiede aus dem Schatten.

In der Dritten Liga wäre Preußers Team die höchst spielende Reserve Deutschlands gewesen. Denn die Freiburger U23 schickt sich an, zum Unikat zu werden.

Vor 13 Jahren zog Eintracht Frankfurt unter großen Kontroversen seine Reserve zurück. Leverkusen, Leipzig ebenso, zahlreiche Zweit-, Dritt- und Regionalligisten folgten den Beispielen. Reservemannschaften sind vom Aussterben bedroht. Oder etwas weniger emphatisch: Die Kosten-Nutzenrechnung zweiter Mannschaften ist im Profifußball mindestens umstritten. Nicht im Breisgau. Als es letztes Jahr so gut lief, dass kurzzeitig auch die Dritte Liga zum Thema wurde, stellte der Sportclub klar, dass man den Aufstieg wahrnehmen würde. "Ich bin überzeugt, dass diese zwei Jahre zwischen dem Ende der Jugendzeit und dem Aktivenbereich ganz wichtig für die Spieler sind", sagt Preußer. So könnten sich Talente Wettkampfhärte erspielen, die sonst fehlt: "Jahrelang auf der Bank zu sitzen, bremst die Entwicklung."

Aber selbst damals blieb der Reservetrainer demütig. "Die kommende Saison wird sehr schwer werden", verkündete er noch vor dem dann doch knapp verpassten Aufstieg. Skeptiker mochten da glauben, der Talentcoach mime den berühmt-berüchtigten Klassenkameraden, der vor Klausuren kolportiert, durchzufallen, nur um dann doch abzusahnen. Der Auftakt der neuen Spielzeit zeigt aber, dass der Berliner mit seiner trockenen, analytischen Art recht behalten hat. Nach zwei Niederlagen und einem Unentschieden findet sich der Sportclub zum Saisonstart auf den Abstiegsrängen wieder. Vor der englischen Woche mit Spielen in Stadtallendorf am Mittwoch und zu Hause gegen Balingen kommenden Sonntag betont der Analytiker: "Es sind sieben wichtige Tage." Und fordert: "Wir wollen den Anschluss nicht verlieren." Die bescheidenden Ansprüche eines Erfolgstrainers mit der Fähigkeit zum Anspruchslosen.