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12. Dezember 2016 12:12 Uhr

Alltag

Wie arbeiten eigentlich Flüchtlingshelferinnen?

Zuhören, vermitteln, helfen: Fünf Mitarbeiterinnen der Diakonie im Landkreis Lörrach betreuen insgesamt rund 1000 Menschen. Sie berichten von ihrem Alltag.

  1. Die Helfer stehen immer wieder vor großen Herausforderungen. (Symbolbild) Foto: dpa

  2. Auch in der Lörracher Gretherstraße leben viele Flüchtlinge. Foto: B. Ruda

  3. Mitarbeiterinnen der Diakonie Foto: F. Schoch

Die professionelle Betreuung der Flüchtlinge im Landkreis haben sich das Landratsamt sowie die beiden kirchlichen sozialen Hilfsorganisationen Diakonie und Caritas aufgeteilt.

Ansprechpartner

Ein typischer Arbeitstag? "Den gibt es nicht", sagt Sozialarbeiterin Nadija Tergast, die in der Gemeinschaftsunterkunft in der Lörracher Gretherstraße Flüchtlinge betreut. "Aber es ist durchaus normal, dass die Bewohner bereits mit ihren Anliegen warten, wenn ich auf das Gelände komme." Dann heißt es: Ärzte anrufen, wenn ein Flüchtling krank ist; Behörden kontaktieren, wenn etwa Fragen zur Kinderbetreuung auftauchen; Schulen anrufen, wenn Unklarheiten im Zusammenhang mit der Bildungseinrichtung plagen. "Wir sind Ansprechpartner für alle Sorgen und Nöte", sagt Nadija Tergast. Einmal sogar hat eine Sozialarbeiterin einer Frau auch bei einer Entbindung beigestanden.

Immer wieder entstehe so eine große Nähe zwischen Helfern und Flüchtlingen. "Die Sozialarbeiter sind nicht selten die einzige Vertrauensperson", sagt Christina Hopfner, Fachbereichsleiterin Migration beim Diakonischen Werk im Landkreis Lörrach. Dabei würden auch Erlebnisse von der Flucht geteilt. "Manchmal kann ich nur zuhören und den Betroffenen weitervermitteln, etwa an ein Traumanetzwerk", sagt Nadija Tergast. Gelegentlich würden auch Beschwerden geäußert, etwa über die lange Dauer der Asylverfahren.

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"Aber eben auch große Dankbarkeit für die Hilfe", berichtet Melinda Winter, die seit einem Jahr für die Betreuung von Menschen in der Anschlussunterbringung in Lörrach zuständig ist. "In kürzester Zeit immer wieder neue Themen zu behandeln, ist eine große Herausforderung", sagt Sozialarbeiterin Marita Bonaventura. Sie und ihre Kolleginnen Irish Intano, Nadija Tergast, Seher Donner und Melinda Winter sehen sich dafür aber gut ausgebildet.

Reichen auch die personellen Ressourcen für eine angemessene Betreuung aus? Die Besetzung läuft anhand von Vorgaben des Gesetzgebers im Verhältnis 1:100. Jeder Sozialarbeiter kümmert sich demnach um Einhundert Flüchtlinge. Laut Christina Hopfner ist dieser Schlüssel im Bereich der Gemeinschaftsunterkunft in Ordnung. In der aufwendigeren, weil dezentralen Anschlussunterbringung hingegen nicht. Im Vergleich zu anderen Landkreisen in Baden-Württemberg bewege sich Lörrach im Mittelfeld, manche Kreise stellen laut Christina Hopfner mehr Stellen zur Verfügung, andere weniger. "Ohne die Ehrenamtlichen in den Helferkreisen würde Vieles nicht gelingen", betont sie.

Arbeitsvermittlung

Das Ziel vieler Flüchtlinge lautet: eine Ausbildungs- oder Arbeitsstelle finden. Dorthin vermitteln, das ist die Aufgabe von Marita Bonaventura. Dafür kontaktiert sie für jeden Flüchtling, der sich bei ihr meldet, unzählige potenzielle Arbeitgeber. Von etwa 160 Personen hat sie 2016 etwa der Hälfte eine Arbeit besorgt, zehn Prozent davon eine Ausbildung. Der entscheidende Schlüssel dafür ist, nicht nur aus ihrer Sicht, das Erlernen der deutschen Sprache. Mehr Kurse seien dafür nötig. Ihr Appell richtet sich aber auch an die Flüchtlinge. "Einige tun sich schwer damit, die hohen Anforderungen, die der deutsche Ausbildungs- und Arbeitsmarkt hat, zu akzeptieren", so Bonaventura.

Die meisten wüssten um die Bedeutung von Sprache und langfristiger Integration auf dem Arbeitsmarkt. Aber viele müssten einfach Geld in die Heimat schicken, um etwa Kosten für die Flucht zu begleichen, und verdienten das Geld dazu in Hilfstätigkeiten. Bonaventura ruft aber auch die Wirtschaft dazu auf, Mut zu Investition aufzubringen. "Auch deutsche Auszubildende entwickeln sich erst über Jahre zu Facharbeitern", so sie Arbeitsvermittlerin. Der bürokratische Aufwand sei überdies gar nicht so hoch, wie viel befürchten. "Was heute nicht geleistet wird, wird morgen wohl deutlich mehr kosten", sagt Christina Hopfner.

Rechtliche Beratung

Neben den Tätigkeiten in den Unterkünften berät die Diakonie auch in rechtlichen Fragen. Die Kenntnisse, die Sozialarbeiterin Seher Donner durch Fortbildungen bei der Diakonie erhalten hat, sind von Flüchtlingen wie auch von ehrenamtlichen Helfern und Betreuern gefragt. "Es ist für alle nicht leicht, den Überblick zu behalten, da sich einige Gesetze grundlegend geändert haben", sagt Seher Donner. Die Leute seien sehr froh über das Angebot und nutzten es intensiv. Ab Mitte 2017 soll eine Homepage in verschiedenen Sprachen, darunter Arabisch, Dari, Farsi, Paschtu und Serbisch, informieren. "Gerade in juristischen Fragen sei es wichtig, genau zu verstehen, was gemeint ist", so Donner.

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Autor: Frank Schoch