Wie der Lebenszyklus des Menschen

Jutta Schütz

Von Jutta Schütz

Fr, 17. August 2018

Schliengen

In der Schliengener Lorettokapelle hielt Pfarrer Olaf Winter zu Mariä Himmelfahrt einen Gottesdienst mit Kräuterweihe ab.

SCHLIENGEN. In vielen überwiegend katholischen Gemeinden in Bayern, Österreich und Italien ist der 15. August, Mariä Himmelfahrt, ein Feiertag. In Baden-Württemberg ist er das zwar nicht mehr, aber Pfarrer Olaf Winter lud an diesem Tag zu einem Gottesdienst mit traditioneller Kräuterweihe in die Lorettokapelle ein, "um das Osterfest im Hochsommer, die Aufnahme Marias in den Himmel zu feiern". Fast 40 Gläubige folgten der Einladung in die Kapelle, die mit ihrer Marienstatue über dem Altar dem Tag zusätzliche Bedeutung verlieh. Viele Gläubige brachten bunte Blumen- und Kräutersträuße mit, die Winter segnete.

Im Gotteshaus roch es nach Kamille, Pfefferminz, Salbei und Rosen – wunderschön geschmückte Körbe standen im Kirchgang. "Maria weiß um die schweren Stunden des Lebens, denn sie hat als Mutter ihren Sohn wohl oft nicht verstanden und war auch bei seinem Tod zugegen", so Winter. Trotzdem symbolisiere sie auch die Hoffnung, so wie Blumen und Kräuter ein Menschenleben mit seinen Hoffnungen aber auch dem Lebenszyklus jedes Menschen symbolisieren, verdeutlichte der Pfarrer. Im Frühling knospen die Pflanzen, im Sommer blühen sie auf, um im Herbst zu welken und im Winter nicht mehr da zu sein, bis der Zyklus neu beginnt", erklärte Winter.

Der Brauch der Kräuterweihe ist uralt. "Ich muss noch einmal nachschauen, aber ich glaube, dass es ihn schon seit 1000 Jahren gibt", sagte Winter. Die Pflanzen besitzen im Volksglauben – genau wie Menschen – unterschiedliche Eigenschaften, die ihnen zugeschrieben werden, so der Geistliche weiter. Im Volksglauben etwa ist es so, dass man insbesondere Heilkräutern zu Mariä Himmelfahrt eine besondere Ehre erweist und ihnen für deren Heilwirkung einen Dank ausspricht, "man schreibt ihnen besondere Kräfte zu", berichtete er. In vielen Landstrichen werden die geweihten Kräuter Tieren ins Heu gegeben, oder man hängt den Kräuterbusch in der Wohnung auf.

Je nachdem, wo man lebt und was im August wächst, sammelt man Blumen und Kräuter im Wald, auf der Wiese oder im eigenen Garten. In manchen Gegenden werden der Anzahl der Kräuter mystische Zahlen zugeordnet. Sieben Pflanzen im Strauß stehen für die sieben Schöpfungstage, zwölf für die Apostel, vierzehn für die Zahl der Nothelfer. Genauso stehen bestimmte Pflanzen für bestimmte Eigenschaften oder Begriffe. Die Rose etwa symbolisiert Maria, eine Lilie ihren Mann Josef. Kamille und Salbei bedeuten Weisheit, Erfolg und Wohlstand, Minze Gesundheit, Arnika schützt gegen Feuer und Hagel, Getreide wie Hafer, Gerste, Weizen und Roggen symbolisieren das tägliche Brot. Das Johanniskraut oder die Ringelblumen bedeuten Glück und Liebe, für den Frieden stehen Schafgarbe, Lavendel und Frauenmantel.

"Eine Königskerze bildet oft das Zentrum eines traditionellen ,Kräuterbuschens‘", wusste der Pfarrer. Sie symbolisiert Stärke und Schutz. In einigen Gegenden, insbesondere in Bayern, heißt die Königskerze nach der Kräuterweihe dann Donnerkerze, denn sie soll Häuser und Stall vor Blitzeinschlägen schützen. "Das ist wie bei den Gewitter- und Wetterkerzen die man früher bei schweren Gewittern anzündete und denen man einen Schutz vor Unwettern zuschrieb", führte Olaf Winter aus. Er hat in der Literatur zudem einen Hinweis gefunden, dass – sammelt man ab Mariä Himmelfahrt Kräuter im Garten oder der freien Natur – diesen für die kommenden vier Wochen eine besondere Kraft zugeschrieben wird.

Beim Frühstück im Pfarrsaal war man sich dann einig, dass es viele interessante Aspekte und Geschichten zur Kräuterweihe an Mariä Himmelfahrt gibt und es schön war, dass Winter den Brauch aufgegriffen hatte.