Regionalgeschichte

Wie Freiburg den Dreißigjährigen Krieg erlebte

Toni Nachbar

Von Toni Nachbar

Mo, 18. Juni 2018 um 16:59 Uhr

Südwest

Der Sonntag Im Dreißigjährigen Krieg wurde Freiburg zu einem wichtigen strategischen Punkt. Für Militärhistoriker endete die Schlacht unentschieden – doch die Stadt glich einem Ort der Verwahrlosung.

Es war der dramatische Höhepunkt des Dreißigjährigen Krieges in der Gegend um Freiburg: Am 3. August 1644 standen sich bei Ebringen sowie am Lorettoberg eine 15 000-köpfige bayerische Armee unter der Führung des Feldmarschalls Franz von Mercy und zwei annähernd gleichstarke französische Heere, befehligt von Marschall Henri Vicomte de Turenne und dem Herzog von Enghien gegenüber.

Bis zum 10. August wurde erbittert gekämpft, gegen die sich verschanzenden Bayern warfen sich die Franzosen in mehreren Angriffswellen. "Es war eine sehr brutale Schlacht, Mann gegen Mann", sagt der Direktor des Freiburger Museums für Stadtgeschichte, Peter Kalchtaler.

Die Schlacht sollte Freiburg und Breisach in eine Hand bringen – vergebens

Für die Geschichtsschreiber und Militärhistoriker endete die "Schlacht bei Freiburg" unentschieden, doch mehr als 6000 Franzosen sowie mindestens 1 000 Bayern waren tot. Macht nichts, soll der Herzog von Enghien danach lakonisch festgestellt haben, "eine einzige Nacht in Paris gibt mehr Menschen das Leben, als diese Aktion getötet hat".

Die "Aktion" sollte Freiburg und die strategisch so wichtige Festung Breisach in eine Hand bringen, doch nach der Schlacht war es wie davor: Der Bayer Mercy behielt Freiburg, die Franzosen hatten Breisach. "Freiburg und Breisach musste man immer zusammensehen", erklärt Kalchtaler, "denn Breisach war eine wichtige Festung am Rhein, Freiburg das Einfallstor für Armeen in den Schwarzwald."

Für Ronald Asch, Professor für Geschichte an der Freiburger Universität und spezialisiert auf die Epoche der Frühen Neuzeit, sind die großen Opfer, die die Franzosen 1644 an den Freiburger Bergen brachten, der Tribut einer für sie bedeutenden Strategie: Die "Gasse" des Feindes und großen Rivalen der damaligen Zeit, Spanien, von Süden nach Nordwesteuropa, sollte in Freiburg und Breisach geschlossen werden. So wurden auch Freiburg und Breisach zu Zankäpfel der Mächtigen der damaligen Zeit.

Erst Religionskrieg, dann Mächtekrieg

Am 23. Mai 2018 waren 400 Jahre seit dem berühmten zweiten "Prager Fenstersturz" vergangen. Am 23. Mai 1618 ließen sich böhmische protestantische Adlige zu einer Gewaltaktion gegen zwei hohe katholische Beamte der Habsburger Herrschaft hinreißen. Dies gilt als der Auslöser des Dreißigjährigen Krieges. Von 1618 bis 1648 kämpften nicht nur die Katholische Liga und die Protestantische Union im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation gegeneinander.

Der Dreißigjährige Krieg war eingebettet in große kontinentale Auseinandersetzungen zwischen den Niederlanden und Spanien, zwischen Frankreich und Habsburg, sogar zwischen Dänemark und Schweden. Im 400. Jubiläumsjahr sorgt er für eine Flut von Büchern, Artikel und Thesen. "Als der Krieg zu Ende ging mit dem Westfälischen Frieden", sagt Professor Asch, "hatte das Reich gelernt, mit seiner konfessionellen Pluralität zu leben." Für viele Historiker wurden in Münster und Osnabrück die Grundlagen des modernen europäischen Staatensystems gelegt.

In einem vielbeachteten politikwissenschaftlichen Buch zum Dreißigjährigen Krieg vergleicht der Ideengeschichtler Herfried Münkler dessen Entstehung mit der Situation von 1914, den Verlauf des Krieges indes mit der heutigen syrischen Katastrophe.

Blickt man mit dem Stadtarchivar Hans Schadek auf das Freiburg des Jahres 1648 zurück, waren seine Vorstädte komplett zerstört, die Innenstadt abbruchreif, Wirtschaft und Handel ruiniert, Felder und Weinberge verwüstet, der Stadtwald kahlgeschlagen, die Zünfte und der Stadtrat saßen vor einem Schuldenberg. Zudem war Freiburg eine Grenzstadt geworden, die Einwohnerzahl deutlich dezimiert.

Als in der Nacht vom 29. zum 30. November 1618 auch am Freiburger Nachthimmel zum ersten Mal jener Komet zu sehen war, der damals im Reich überall als Menetekel großen Unheils gedeutet wurde, lebten die Bürger der Stadt für damalige Verhältnisse recht wohlhabend. Freiburg hatte vom Silberabbau in der Region erheblich profitiert, es war landwirtschaftlich ordentlich versorgt und laut Kalchtaler ein nicht unwichtiges "Zentrum" zwischen den weitaus bedeutenderen Städten Straßburg und Basel.

Aber die Kriegsangst ging im November 1618 rasch um in der Stadt, die sich seit 1368 den Habsburgern in die Arme geworfen hatte. Erzherzog Maximilian, der vorderösterreichische Landesherr, war gerade gestorben, in den vielen Kirchen und Klöstern der Stadt betete man um Frieden. Das militärische Aufgebot in der Burg war klein, das "Freiburger Fähnlein" zählte gerade mal 300 Mann Landvolk. Vielen Freiburgern dürfte dies gar nicht unrecht gewesen sein, denn zahlreiche Soldaten in einer Stadt sorgten nur für Ärger. Davon sollte es in den kommenden Jahrzehnten genug geben.

Im politisch-territorialen Flickenteppich des Reiches war südlich des katholischen Freiburg der protestantische Markgraf Georg Friedrich von Baden ein ambitionierter Lokalherrscher, der seine Chance witterte, dank des Krieges mächtiger zu werden. Und er legte sich schon mal mit den katholischen kaiserlichen Truppen an, die durch die Gegend zogen. Furcht ergriff die Freiburger aber erst, als 1622 der protestantische Söldnerführer Ernst von Mansfeld mal kurzerhand das Elsass verwüstete.

Auf die Bezeichnungen "katholisch" und "protestantisch" ist bis zum Kriegsende nicht zu verzichten, auch wenn der Krieg schon bei seinem Ausbruch kein reiner Konfessionskrieg und auf seinem Höhepunkt ein veritabler Mächtekrieg war.

Der Kriegseintritt von Schweden markiert den Beginn einer grauenvollen Zeit für Freiburg

Und noch war er weit weg von Freiburg. Doch seine Auswirkungen wurden bereits in den 20er-Jahren hier spürbar. Gemeint sind weniger die großen Prozessionen, mit denen berühmte katholische Schlachtenerfolge gefeiert wurden: Im Mai 1626 schlug Wallenstein den berüchtigten von Mansfeld bei Dessau, im September des gleichen Jahres besiegte der andere berühmte katholische Feldherr, Tilly, bei Lutten den dänischen König Christian IV. Die Inflation ging um in Freiburg, viel schlechtes minderwertiges Geld war im Umlauf, die Waren wurden knapper. Vor allem Brot.

Um Aufruhr zu vermeiden, verteilte der Stadtrat Korn aus den städtischen Speichern an die Armen. Zudem brach 1626 im Elsass die Pest aus. Sie erreichte auch die Freiburger Gasthäuser und Herbergen, Pestopfer wurden überall registriert – auch in Opfingen, Munzingen oder Gündlingen.

Die wirklich grauenvolle Zeit für Freiburg und Umgebung begann aber erst mit dem Kriegseintritt der Schweden auf protestantischer Seite im Jahr 1631. Angeführt von ihrem König Gustav II. Adolf fielen die Schweden ein Jahr später in Bayern ein. Dass den "Löwen aus Mitternacht" noch im gleichen Jahr bei der Schlacht in Lützen der Tod ereilte, hielt die Schweden nicht davon ab, weiterzumarschieren, wenige Tage vor Weihnachten 1632 standen sie vor Freiburg. Zur Verteidigung der Stadt standen lediglich das "Fähnlein", eine 1 500 Mann starke Bürgerwehr und 200 Studenten bereit. Als am 28. Dezember der Angriff begann, reichten einige Kanonenschüsse, um den Freiburger Verteidigungswillen zu brechen.

Die Weiße Fahne wurde gehisst, die Schweden unter dem Kommando des Grafen Gustav Horn besetzten die Stadt. Der Freiburger Rat bat darum, die Geistlichkeit und die Universität katholisch zu belassen, an Kindern und Frauen keine Gewalt zu erlauben. Im Gegenzug forderten die Schweden 30 000 Gulden Kriegskontribution. In der Augustinerkirche feierten sie auch noch "evangelisch" Weihnachten. Folgt man dem Stadtarchivar Schadek, war die schwedische Besatzung auch von einer erheblichen Duldsamkeit geprägt: Zahlreiche Freiburgerinnen heirateten protestantische Soldaten, schwedische Offiziere waren nicht selten bei jesuitischen Predigten gesehen. Aber die Sitten verrohten in einer Stadt, die keinen normalen Alltag aber dafür große wirtschaftliche Not kannte: Plünderungen gehörten zur Tagesordnung.

Herr der Stadt war zwischenzeitlich der protestantische Markgraf Friedrich V. Einem Abzug der Schweden folgte das Intermezzo eines spanischen Armada-Durchzugs, daraufhin eine zweite schwedische Besatzung. Für Freiburg wurde der Dreißigjährige Krieg zum Albtraum mit dem Kriegseintritt Frankreichs, die Stadt stand zusammen mit Breisach im Fokus strategischer Erwägungen. Aus dem Elsass stieß 1637 bereits der mit den Franzosen verbündete Herzog Bernhard von Sachsen-Weimar über den Rhein. Im April 1638 griff er Freiburg erfolgreich an, danach mussten sich Freiburger an der Belagerung Breisachs beteiligen. Der Kommandant der Festung, von Reinach, weigerte sich zu kapitulieren. Dramatische Tage mit einer gewaltigen Hungersnot erlebten die Breisacher, in der Festung wurden 2 000 Tote gezählt. Als die Festung fiel, feierten die Protestanten den Sieg pompös im Freiburger Münster.

Entscheidend wendete sich das Blatt erst 1643, als ein starkes bayerisches Heer die französischen Truppen bei Tuttlingen bezwang. Im Juli 1644 zog der Feldmarschall der Bayern, Mercy, ins inzwischen verwahrloste und kriegsmüde Freiburg ein, ohne von den Franzosen behelligt zu werden. Die suchten die verlustreiche Schlacht erst einige Tage später in Ebringen und am Lorettoberg . . .
Literatur zum Dreißigjährigen Krieg: Hans Schadek "Die Stadt im Dreißigjährigen Krieg", in: "Geschichte der Stadt Freiburg", Band 2, Stuttgart 2001
Georg Schmidt: "Die Reiter der Apokalypse", München 2018
Herfried Münkler: "Der Dreißigjährige Krieg. Europäische Katastrophe, deutsches Trauma 1618–1648", Berlin 2017