BZ-Serie Integration (4)

Wie Geflüchtete mit der Freiheit in Deutschland umgehen

Annemarie Rösch

Von Annemarie Rösch

Mi, 25. April 2018 um 20:30 Uhr

Deutschland

Drei Jahre sind seit der Flüchtlingswelle vergangen. Die BZ hat recherchiert, wie das Miteinander inzwischen funktioniert. Wir gehen der Frage nach, wie unsere Werte Flüchtlingen vermittelt werden.

Ein Syrer aus Mühlacker im Enzkreis ersticht seine syrische Frau, die sich von ihm trennen will, ein afghanischer Flüchtling tötet in Kandel seine 15-jährige deutsche Ex-Freundin. In Bad Krozingen wird ein Mann aus Gambia verhaftet, der Frauen sexuell belästigt haben soll. Und in Essen drängeln Flüchtlinge so sehr, dass alte Frauen sich nicht mehr in den Tafel-Laden trauen. Nach Berichten über solche Vorfälle, fragen sich viele, ob andere Werte der Grund sein mögen für solche, zum Teil gravierenden Vorfälle, etwa der mangelnde Respekt vor der Gleichberechtigung von Mann und Frau.

Wer mit Menschen spricht, die mit Integration zu tun haben, hört allerdings immer wieder: "Das sind Einzelfälle. Bei der großen Mehrheit der Flüchtlinge läuft alles glatt." Das sagen sowohl Eva Petersik und Thomas Vollbrecht vom Landratsamt Lörrach, die dort auch für die Integration der Flüchtlinge zuständig sind, sowie der Bad Krozinger Bürgermeister Volker Kieber. "Ich bin sicher, meine Schüler machen so etwas nicht", meint auch Barbara Schweer von der Bad Krozinger Volkshochschule, an der es zehn Sprach- und Integrationsklassen gibt.

Jan Kizilhan, Experte für Transkulturelle Psychiatrie an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg, nennt Zahlen: "95 Prozent der Flüchtlinge sind normale und keine gefährlichen Menschen". Er geht davon aus, dass nur wenige Prozent kriminell sind oder beunruhigende Verhaltensauffälligkeiten zeigen, weil sie in ihrer Heimat oder auf der Flucht traumatisiert wurden. Recherchen zu einem der genannten Fälle haben Hinweise ergeben, dass der Täter psychisch krank sein könnte. Zum Fall der Essener Tafel meint Kizilhan, manche der Männer hätten auf dem Weg nach Europa gelernt, dass am besten überlebt, wer die Ellbogen ausfährt. Alte Menschen wegzudrängen, sei in ihrer Heimat aber kein übliches Verhalten.

Obwohl die Problemfälle eher Einzelfälle sind, will Integrationsexperte Ahmad Mansour Schwierigkeiten, die viele Flüchtlinge mit den Werten der deutschen Gesellschaft bekommen können, nicht kleinreden. "Die Freiheit macht auch Angst", sagt der Mann mit palästinensischen Wurzeln. "Männer fürchten, dass ihre Frauen sie angesichts der Freiheiten verlassen könnten und ihre Männlichkeit geschwächt wird." Dies hätten ihm Gesprächspartner anvertraut. Mansour meint, dass solche Ängste hinter den Tötungsdelikten durch Flüchtlinge stehen könnten.

Die Syrerin Batoul Srouji genießt ihre Freiheit

Die Syrerin Lara Barkal aus Bad Krozingen bestätigt Mansours Beobachtungen. Sie berichtet von einem Landsmann, der streng religiös ist und seiner Frau Kontakte zu freizügig gekleideten Frauen verbietet. Sie selbst zeigt kein Verständnis dafür, wie die anderen Syrer, Iraker und Nigerianer in ihrer Integrationsklasse auch. "Wir finden die Freiheit hier toll", sagt Batoul Srouji, die in Syrien als Bauingenieurin arbeitete und Kopftuch trägt. "Es ist schön, dass wir frei unsere Meinung äußern können." Die anderen Syrer, Iraker und Nigerianer nicken. "Es ist gut, dass die Frauen dieselben Rechte wie die Männer haben", sagt der Syrer Fadi Sayegh.

Wie das deutsche System funktioniert und welche Werte in Deutschland zählen, ist neben der Sprache Thema in den Integrationskursen, die Flüchtlingen mit Bleibeperspektive zustehen. Eva Petersik, die Integrationsbeauftragte des Landkreises Lörrach, betont allerdings, dass die Wertevermittlung in den Erstaufnahmeeinrichtungen des Landkreises beginnt. "Viele junge afrikanische Männer sagen: Putzen ist Frauenarbeit. Deshalb wollen sie sich daran nicht beteiligen", erzählt sie. "Wir haben sehr gute Erfahrungen mit Sozialbetreuern aus den Heimatländern dieser Jungs gemacht", ergänzt ihr Chef Thomas Vollbrecht. "Die motivieren sie mit Musik und machen dann aber klar, dass auch geputzt werden muss."

Als das Jobcenter und das Landratsamt in Zusammenarbeit mit der Schubert-Durand-Stiftung eine Infoveranstaltung über das deutsche Sozialsystem für afghanische Flüchtlinge anbot, kamen statt der erwarteten 25 etwa 60 Afghanen. Eine afghanisch-stämmige Mitarbeiterin hatte eingeladen. Dort erfuhren die Afghanen, dass mit den Hilfen, die der deutsche Staat bietet, Pflichten einhergehen, wie etwa zu arbeiten oder Steuern zu zahlen.

58 Millionen Euro vom Land fürs Integrationsmanagement

Mansour plädiert jedoch dafür, sich die Helfer mit Wurzeln in den Flüchtlingsländern gut anzuschauen. "Wichtig ist, dass die Menschen über ihre Angst vor der Freiheit sprechen können und nicht wieder patriarchalisch bevormundet werden", sagt Mansour. "Sie sollen Denkanstöße bekommen und selbst begreifen, welche Chancen die Freiheit bietet." Er hat entsprechende Kurse entwickelt, die aktuell in Bayern laufen.

Vom Land Baden-Württemberg erhalten die Kommunen jährlich 58 Millionen, um die Integration der Flüchtlinge besser managen zu können und hiesige Werte zu vermitteln. In Bad Krozingen wurden 1,8 neue Stellen geschaffen. "Unsere Mitarbeiter wurden von 300 ehrenamtlichen Helfern unterstützt, die wertvolle Integrationsarbeit leisten", sagt Bürgermeister Kieber. Doch auch für die Einheimischen will die Stadt nach den sexuellen Belästigungen etwas tun. In Kooperation mit der Beratungsstelle Frauenhorizonte veranstaltete sie zum Beispiel einen Infoabend zum Thema "Sicherheit im öffentlichen Raum".

"Die Problemfälle unter den Asylbewerbern sind meist die, die keine Bleibeperspektive haben", sagt Schweer von der Volkshochschule. Dazu zählen vor allem junge Männer aus Gambia oder Nordafrika. Für sie werde oft zu wenig getan. Petersik sieht das ähnlich. "Denen ist irgendwann alles egal, weil sie hier sowieso keine Zukunft haben", meint sie. Bürgermeister Kieber spricht gar von einem Denkfehler im System – vor allem, wenn die Asylbewerber einen ablehnenden Bescheid bekommen haben, aber nicht abgeschoben werden können, weil die Papiere fehlen. "Die dürfen dann nichts mehr arbeiten und sitzen nur noch herum", sagt er. Die Integrationsmanagerinnen der Stadt sollen sich auch um diese meist jungen Männer kümmern, damit sie nicht in die Kriminalität abrutschen. So gibt es Pläne, auch sie in Workshops mit Pro Familia darüber aufzuklären, welches Verhalten gegenüber Frauen gut und welches intolerabel ist, welche Eigenschaften bei Männern hierzulande als positiv gelten und welche nicht.

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