Stuttgart 21

Wie Stuttgart 21 die Menschen im Netz mobilisiert

Benjamin Klaußner

Von Benjamin Klaußner

Do, 14. Oktober 2010 um 08:20 Uhr

Südwest

Das Bahnprojekt wird im Internet heftig diskutiert: Auf Homepages, in Blogs und in Netzwerken wie Facebook organisieren sich Befürworter und Gegner. Viele Aktivisten opfern ihre Freizeit für den höheren Zweck – und auch als Rentner ist man nicht zu alt für einen Blog.

Die Kamera schwenkt ruckelnd über die Demo-Szene: grüne und blaue Polizisten in Einsatzmontur, berittene Einheiten, dunkel- und grasgrüne Mannschaftsfahrzeuge. Im Hintergrund die bunte Masse der Demonstranten. Der Ton setzt immer wieder aus, die Technik zerstückelt den Lärm von Trillerpfeifen und Vuvuzelas. Vom höchsten Baum des Stuttgarter Schlossparks haben die Aktivisten von Robin Wood einen perfekten Blick auf die Demonstration gegen Stuttgart 21. Das besondere: Die Baumschützer schicken ihre Videos an in Echtzeit ins Internet. Auf der Homepage sehen am 30. September 2010 Tausende live die Schlosspark-Demo – bis die Polizei die Aktivisten von den Bäumen holt.
Amateurvideos wirken wie Brandbeschleuniger auf die Online-Debatte rund um das Bahnprojekt. Der Informatiker Tilo Emmert möchte, dass möglichst viele die Demonstrationen live verfolgen, damit sie mitdiskutieren können. Deshalb hat der Stuttgarter die Video-Plattform Cams 21 gegründet. Darauf können Demonstranten per Livestream Filme zeigen – "unzensiert, vom Bürger, für Bürger", sagt der Informatiker. In der Nacht der Schlossgarten-Demo filmten für ihn acht Aktivisten mit Handys. 24.000 Menschen verfolgten die wackligen Bilder live, insgesamt wurden die Videos 170.000 mal abgerufen.

Die Reaktionen auf die Filme sind unterschiedlich: "Wenn Leute weinen und zu tausenden demonstrieren, weil Bäume gefällt werden, während in Deutschland täglich Menschen in Folterstaaten abgeschoben werden, muss ich kotzen" schreibt Thorsten Harbeke auf Facebook. Tilman Aretz berichtet auf von "blutigen Augen, weinenden Kinder, entsetzten Bürgern. Die Regierung in Stuttgart macht Ernst und setzt auf Eskalation."

Protest zwischen zivilem Ungehorsam und Baum-Qi-Gong

Tipps zur Deeskalation bekommen Projektgegner von freiwilligen Aktivisten von "Bei Abriss Aufstand". In der Rubrik Verhaltensregeln können Protester nachlesen, wie man gesetzestreu demonstriert. Passend dazu liefern die Parkschützer Termine für "gewaltfreie Aktionen und zivilen Ungehorsam, einschließlich Baum-, Park-, sowie Platzblockaden." Die vom Umweltschutzverband BUND unterstützte Homepage bietet auch Gebete im Park, Baum-Qi-Gong ("Austausch zwischen Baum und Mensch: Jahrtausend alte Übung aus China") und Widerstand mit Poesie an. Zudem werden Unterschriften für den Erhalt des Stuttgarter Schlossparks gesammelt: 30.000 Menschen haben sich bereits offiziell registrieren lassen. Ein Viertel von ihnen möchte per SMS mobilisiert werden, wenn Demos oder Aktionen gegen Stuttgart 21 anstehen.

Das Internet informiert in vielerlei Form über Stuttgart 21. Eher klassisch ist die Befürworter-Seite "Das neue Herz Europas": Die vom Land Baden-Württemberg und der Deutschen Bahn getragene Homepage lockt täglich mehr als 7000 Besucher an. Das Gegner-Bündnis hat etwa 36.000 Abrufe täglich. Während der Schlosspark-Demonstration kamen kurzzeitig doppelt so viele Besucher auf die Website, die unter anderem von Bündnis 90/Die Grünen, dem BUND und dem Fahrgastverband Pro Bahn gefördert wird. Kommentare kann man hier nicht abgeben. Sabine Lacher vom Fahrgastverband Pro Bahn Baden-Württemberg erklärt warum: "Wir hatten uns überlegt, auf http://www.kopfbahnhof-21.de einen Blog einzurichten. Aber das schaffen wir nicht, weil niemand von uns hauptberuflich an der Homepage arbeitet."

173.000 Menschen fordern Baustopp und Volksentscheid

Viele Aktivisten investieren eine Menge Freizeit in ihre Passion. So wie der Physik-Doktorand und Projektbefürworter Rudolf Weeber. Gemeinsam mit einem Team, das sich zum Teil vom Studium kennt, will er auf der nüchtern gehaltenen Homepage Unentschlossene informieren. "Wir wollen aus Sicht von Stuttgartern darstellen, was uns das Projekt bringt, und warum wir uns dafür einsetzen sollten." Die Seite existiert seit zwei Jahren und wird täglich von 3000 Menschen aufgerufen. Häufig besucht wird auch eine Stuttgart21-kommt.de: 20.000 Interessierte schauen jeden Tag auf die aufwändig gestaltete Homepage. Der Stuttgarter FDP-Stadtrat Michael Conz gründete sie "als Gegengewicht zu zahlreichen Stuttgart 21-Gegnerseiten". Er betreibt sie ebenso nebenberuflich wie das Gegner-Team von Campact: Ihren "Appell gegen das Milliardengrab Stuttgart 21" haben 65.000 Menschen unterschrieben, 176.000 fordern über die Homepage den Baustopp und einen Volksentscheid über das Bahnprojekt.

Die heißesten Diskussionen finden im Social Media-Bereich auf Facebook, Twitter und in Blogs statt. Einige Facebook-Gruppen gewinnen jeden Tag Hunderte neuer Anhänger. "Für Stuttgart 21" hat über 88.000, "Pro Stuttgart 21" 14.000 Fans. "Kein Stuttgart 21" musste wegen der vielen Kommentare auf eine andere Seite umziehen, damit sich die 73.000 Anhänger weiter austauschen können.

"Ich hasse Demos"

Nicht alle Facebook-Nutzer argumentieren für oder gegen das Bahnprojekt. Manche sind einfach nur genervt: "Schluss mit den Demos gegen Stuttgart 21" hat 22.000 Fans, die weder gegen das Demonstrieren an sich, noch gegen das Projekt sind: "Uns stört nur der Zeitpunkt, der gewählt wurde (circa 10 Jahre nach Beschluss des Bauprojekts) sowie die störende Art und Weise dieser Demonstrationen", heißt es auf der Seite. Ein Kommentar von Julia Degler spiegelt die vorherrschende Meinung auf der Pinnwand wider: "Ich krieg' die Krise! Will mit dem Auto fahren und nicht seit 40 Minuten stehen! Ich hasse Demos!"

Bei Twitter vermischen sich Gegner und Befürworter besonders häufig. Die Tweet-Suchmaschine Topsy zählte in den letzten vier Wochen etwa 114.000 Kurznachrichten zum Thema "S21", teilweise wurden hunderte tweets pro Stunde abgesetzt. Auch Tage nach der großen Demonstration im Schlosspark diskutieren viele über Politik und Polizeieinsatz: "Ich würde mal gerne wissen wieviel die Polizeieinsätze und der Verwaltungsaufwand in Stuttgart wegen s21 kosten", schreibt Timm_Berlin. lobster_johnson lästert darüber, dass die "die hessische und bayrische Bereitschaftspolizei einen heldenhaften Sieg über die 9. Klasse der Waldorfschule errungen" habe, prinzzess ist einfach nur "dagegen, das alle dagegen sind."

Bewusst dagegen ist Dennis Kirstein. Er betreibt seit September 2010 ein Blog. Fast 10.000 Besucher kommen täglich auf die Homepage des 29-jährigen Informatikers. "Das zeigt, dass die Menschen ein Interesse an diesem Thema haben und dass sie eben nicht auf die plakativen Argumente der Projektbetreiber hören wollen." Dass das Engagement im Internet nicht mit dem Alter zusammenhängt, beweist Blogger Siegfried Busch: "Früher habe ich offene Briefe an den Bürgermeister geschrieben. Ich wollte, dass die Briefe weiter verbreitet werden." Statt dessen schreibt der 74-Jährige heute jeden Tag einen Artikel auf seiner Homepage.

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