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22. Juli 2017 15:21 Uhr

Premiere im Keller

Wie war’s bei … "Black Rider" bei den Rathaushofspielen?

Bis halb sieben gab es noch Hoffnung. Dann mussten die Betreiber des Wallgraben-Theaters entscheiden: Die Premiere des Sommer-Open-Airs muss zum ersten Mal indoor stattfinden.

  1. Black Rider bei denn Rathaushofspielen Foto: Hermann Posch h.posch@t-online.d

  2. Black Rider bei denn Rathaushofspielen Foto: Hermann Posch h.posch@t-online.d

  3. Black Rider bei denn Rathaushofspielen Foto: Hermann Posch h.posch@t-online.d

Die Location

Es war ein kleines Meisterstück, die für den Innenhof des Rathauses gedachte Inszenierung von Tom Waits’, William S. Burroughs und Robert Wilsons Musiktheaterstück "The Black Rider" auf den Raum einer Puppenstube zu bringen. Alles sehr verdichtet im Wallgraben-Keller: Mehr als Stehtheater war nicht drin. In die Ecke geklemmt die dreiköpfige Band, der Pianist und Arrangeur Andreas Binder war nur zu hören. In der Mitte ein mannsgroßes Wetterhäuschen, davor zwei grüne Tannen aus Holz: Das sah ein bisschen wie die Kuckucksuhren von Stefan Strumbel aus. Und rechts ein kleines Podest wie eine Kanzel, auf der sich schön singen ließ. Auf den ersten Blick ist hier alles klar: "The Black Rider" spielt im Schwarzwald. Wo auch sonst?

Die Story

Wer Carl Maria von Webers Oper "Der Freischütz" kennt, ist hier natürlich bestens im Bilde. Aber die Geschichte stellt auch so keine Ansprüche an ein komplexes Verständnis. Aus dem feschen Jägerburschen Max wird in der amerikanischen Freischütz-Version ein bebrillter sensibler Wilhelm, der zum Schreiben, aber nicht zum Schießen geboren ist. Um des Försters Töchterlein zu freien, muss er allerdings am Gewehr seinen Mann stehen. Das gelingt erfolgreich nur mit Hilfe des Teufels, der hier eine Frau ist. Klar, dass der Pakt mit dem Stelzfuß kein gutes Ende nehmen kann.

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Die Musik

Die ist natürlich das Entscheidende. Die Songs von Tom Waits - dessen extrem verkaterte Stimme man überhaupt nicht vermisst - sind eine Wucht. Seit 1990, als in Hamburg im Thalia-Theater die legendäre Uraufführung unter der Regie von Robert Wilson stattfand, gehört "The Black Rider" zum Repertoire deutscher Stadttheater. Ein Musical mit eingängigen Melodien, aber trotzdem mit Tiefgang und einem ganz leisen Undergroundtouch: Wo gibt es denn sonst noch so was? Andreas Binder hat das musikalische Material ganz großartig für Klavier, Saxophon (Mike Schweizer) und Kontrabass (Markus Lechner) arrangiert.

Das Ensemble

Durch die Bank: hinreißend. Herausragend Stefanie Verkerk als Entertainerin (mit winzigem Bollenhaut auf der rosa Perücke) und Teufelin, die sich die Kugeln für den Kopfmenschen Wilhelm aus dem eigenen Leib herauswürgt. Wunderbar das junge Paar Anastasia Hille und Tobias Ziebold, die in der Freiburger Musicalschule ihr Handwerk gelernt haben, fabelhaft Michael Gugel als Wilhelms glückloser Liebeskonkurrent mit einem riesigen Kajalschatten um die Augen, hinter- und abgründig Nicole Haas und Martin Schurr als strenge Schwarzwälder, die ihre Tochter ungerührt ins Verderben führen. Schurr hat auch Regie geführt: eine beachtliche Doppelleistung.

Das Publikum

Nach anfänglicher Zurückhaltung - der Verlust des lauen Sommerabendvergnügens musste erst noch verdaut werden - gab es immer heftigeren Szenenapplaus und am Ende war die Begeisterung hellauf. Zu Recht: Dieser Abend besitzt einen Suchtfaktor, den man bei der Premiere nur in geringerer Dosis genießen konnte. Auf in den Rathaushof! Da kann man - dazu reicht die Phantasie locker aus - das Naturschauspiel mit rotäugigen Wölfen, Tierlauten und dem Sound der Teufelskugeln erst richtig erleben.

Autor: Bettina Schulte