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01. September 2009 21:50 Uhr
Kurzkritik
Wie war’s bei … Oskar Lafontaine in Freiburg?
Der saarländische Volkstribun in seinem Element: Oskar Lafontaine kam nach Freiburg – und rund 1000 Zuhörer nebst Regen kamen auch. Wie hat sich der Linke-Chef bei seinem Auftritt geschlagen? Hier unsere Kurzkritik.
Location: Der Rathausplatz ist Freiburgs Ersatz-Gute-Stube. Anders als die CDU und die Kanzlerin hat die Linke für Lafontaine den Münsterplatz nie beantragt. Dabei wäre der Linke von der Saar neben der Kathedrale gar nicht so deplatziert gewesen: Schließlich hat er in seiner Schulzeit ein bischöfliches Konvikt besucht und später mit einem Stipendium des Cusanuswerkes der deutschen Bischöfe studiert. Der Rathausplatz war mit 1000 Menschen bei miesem Wetter gut gefüllt. Man ahnt es schon: Ein Mann, der – wie Lafontaine am Sonntag – das Saarland aufmischt, der schafft es auch mit dem Freiburger Rathausplatz. Regen hin oder her.
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Publikum: Alle Altersklassen sind vertreten, von Studierenden bis Rentnern. Darunter offenbar einige glühende Lafo-Fans, die schon nach dem dritten, vierten Satz des Linken-Politikers laut "Zugabe" rufen. Größtes Problem für viele: Schirm halten und Beifall klatschen. Aber es gibt immer wieder Regenpausen. Viermal während der halbstündigen Rede hieß es "Schirm auf" und dann wieder "Schirm zu" (zur Fotogalerie).
Vorprogramm: Neu-Stadtrat Lothar Schuchmann vom Kreisverband der Linken kündigt einen aufgeräumten und gut gelaunten Linken-Parteichef an, als dieser noch auf der Autobahn ist. Natürlich bezieht sich Schuchmann auf das Saarlandwahl-Ergebnis. Dann wettert Friedensaktivist Jürgen Grässlin gegen Kriegsbeteiligung und Rüstungsexporte. Eine Linke-Bundestagskandidatin wirbt für ihre Partei, liest dabei jedes Wort vom Blatt ab. Aber es ist ja nur das Vorprogramm.
Bühnengebaren: Lafontaine kommt ohne Krawatte, mit Hemd und Anorak. Und sogar recht pünktlich. Er braucht auf der Bühne direkt unter dem Rathausbalkon keine zehn Sekunden Warmlaufzeit. Die Betriebstemperatur ist erreicht, als er am Redner pult angekommen ist. Vom Blatt ablesen musste er wohl noch nie. "Dampfmaschine" hat ihn am Dienstag die Süddeutsche Zeitung betitelt. Lafo, so nennt die Bild-Zeitung den Charismatiker, gestikuliert, hebt mal beide Arme, mal nur mahnend einen Finger, wogt mit dem Oberkörper vor und zurück. Er weiß, wie man die Zuhörer fesselt – und trotzdem wirkt seine Rede nicht wie eine einstudierte Show. Passionierte Talkshowgucker können einzelne Passagen aber trotzdem im Wortlaut mitsprechen. Seinen Saarland-Coup hat er nur dezent und auch nur im letzten Satz erwähnt.
Seine Botschaft: Josef Ackermann, der Chef der Deutschen Bank, sei längst der heimliche Kanzler, sagt Lafontaine und setzt nach einer schön getimten Kunstpause hinzu: "Warum soll er dann nicht seine Geburtstagsparty im Kanzleramt feiern?" Fröhlicher Applaus und Bravo-Rufe quellen unter dem Heer der Regenschirme hervor. Er fordert für Betriebe Belegschaftsbeteiligung statt Heuschreckentreiben, wettert gegen die Agenda 2010: "Hartz IV muss weg, diese Forderung werden wir nicht aufgeben". Lafontaine verteilt kräftige Hiebe in Richtung CDU und FDP, auf die Grünen und fast am meisten auf seine ehemalige Partei, die SPD. Der Linke-Chef geißelt die Außenpolitik und die Bundeswehreinsätze in Afghanistan: "Frieden kann man nicht herbeibomben". Und er fordert mehr direkte Demokratie über Volks- und Bürgerentscheide – und führt, natürlich unter viel Beifall, das Freiburger Bürger-Votum gegen den Verkauf der städtischen Wohnungen an. Nach einer halben Stunde ist Schluss – der saarländische Volkstribun will seine Zuhörer nicht zu lange im Regen stehen lassen.
Fanartikel: Fehlanzeige. Es gibt ausschließlich Flug- und Faltblätter, die teilweise als (untaugliches) Regenkäppi zweckentfremdet wurden.
Zuhörer-Schnellkritik: "Inhaltlich erwartbar und nichts Neues", urteilt Florian Birmelin (23) aus Breisach. "Aber er ist ein begnadeter Rhetoriker, deswegen wollte ich ihn auch hören", so Birmelin. "Und ich werde ihn mit der Kanzlerin vergleichen – die kommt ja am Donnerstag und auch genau an dieselbe Stelle".
- Fotostrecke: Oskar Lafontaine in Freiburg
- Hintergrund: Oskar Lafontaine kämpft in Freiburg um Stimmen
Autor: Joachim Röderer
