Schopfheim

Wie wichtig Trösten ist, zeigt ein Themenabend in der evangelischen Kirche

Anja Bertsch

Von Anja Bertsch

Do, 07. Februar 2019 um 18:30 Uhr

Schopfheim

Aufgeschlagenes Knie oder Streit unter Geschwistern: Wie und warum man Kinder trösten sollte, vermittelt ein Abend in der evangelischen Stadtkirche.

Ob aufgeschlagenes Knie, Streit unter Geschwistern oder Trauer im Angesicht eines Todesfalls: Kinder brauchen manchmal Trost. Wie wichtig dieses Trösten für die gesunde Entwicklung ist, und was da konkret helfen kann – darum ging es beim Themenabend am Mittwoch in der evangelischen Stadtkirche.

Tipps für den Alltag

Im fachlich-sachlichen Wissens-Input durch die Referentinnen Ulrike Binder und Karin Racke von der Diakonie, in konkreten Tipps und Impulsen aus dem Schatzkästlein bewährter Trostrituale und im angeregten Austausch der Besucherinnen über eigene Erfahrungen beleuchtete die Veranstaltung das Thema "Kinder trösten" in seinen unterschiedlichen Facetten. Für den Mama-, Oma- und Erzieherinnenalltag – die männlichen Pendants fehlten an diesem Abend komplett – ließ sich da einiges mitnehmen. Klar: Vieles war dabei, was man ohnehin weiß und tut, wenn’s zu Hause weint. Anderes wiederum, und hier vor allem etliche Ideen aus dem Fundus der Trauer- und Tröstrituale – war erhellend neu und auf jeden Fall mal einen Versuch wert – und das nicht nur, wenn's demnächst, und wahrscheinlich schon heute wieder ans Kindertrösten geht: In vielen Fällen ist das, was Kinder tröstet, gar nicht so weit weg von dem, was auch Erwachsenen guttut.

Auf den Arm nehmen, halten, wiegen

Die meisten tun es instinktiv und liegen damit genau richtig: Schreit ein Säugling, wird er aufgenommen, gehalten und gewiegt. Das schutzbedürftige Kleine hört den Herzschlag, gemurmelte Worte und vielleicht eine Melodie, und es spürt darin Wärme, Nähe, Sicherheit und Geborgenheit. "Dieses Gefühl, diese Erfahrung: Das ist für Babys und Kinder existentiell wichtig, damit sie später gut durchs Leben kommen", macht Ulrike Binder deutlich. Übertragen auf den Alltag ergibt das ein klares Anliegen: "Lassen Sie ihr Baby nie schreien. Trösten sie es immer, denn es hat immer einen Grund für sein Schreien. Und anders kann es sich ja nicht ausdrücken." Das bedeutet natürlich auch eine Absage an hergebrachte Weisheiten, die aus Uromas Zeiten vielleicht noch durch die Köpfe geistern: "Schreien stärkt die Lungen" etwa, oder die Angst vorm "Verwöhnen": "Im ersten Lebensjahr kann man ein Kind nicht verwöhnen", betont Binder. Klar: Auch wenn man ein Kind nicht wiegt und nicht tröstet, gibt es irgendwann Ruhe – der Grund allerdings ist allzu traurig: "Die Kinder resignieren. Sie werden pflegeleicht. Aber nicht glücklich", sagt Binder. Bekommt ein Kind von früh auf die nötige Sicherheit vermittelt, wird es durch diese Erfahrung von innen gestärkt – und ist dadurch irgendwann weniger abhängig vom äußeren Zuspruch, so die weitere Logik.

So ganz ohne Trost freilich wird und soll es auch im Älterwerden nicht gehen: Das Wahrgenommen- und Umsorgt-Werden, eine Umarmung und menschliche Wärme, bleibt auch für ältere Kinder wichtig. Und das hört mit dem Erwachsenwerden längst nicht auf, schmunzelt Binder.

Oft braucht es gar nicht viele Worte zum Trösten

Viele Worte braucht es da oft gar nicht. Das zumal, wo sich doch so manches Mal die falschen Worte eingebürgert haben: Das vermeintlich tröstende "Nicht so schlimm" zum Beispiel signalisiere dem Kind das glatte Gegenteil von Ernstgenommen-Werden, wenn es dieses "Schlimm" nun mal empfinde.

Existentieller sind Trauererfahrungen, etwa wenn der Tod in die Familie eingreift. "Trauer ist bei Kindern ein Prozess, genau wie bei Erwachsenen", machte Karin Racke deutlich, und nannte Phasen, die die Trauernden – große wie kleine – in der Regel durchlaufen: Da ist zunächst der Schock und das Nicht-Wahrhaben-Wollen, dann ein Sich-Zurückziehen, das sich bei Kindern zum Beispiel im Zurückfallen in frühere Verhaltensmuster äußern kann, aber auch in Aggression, Wut und Schuldgefühlen: "Das sind Abwehrmechanismen einer schonbedürftigen Seele", so Racke. Es braucht Zeit, bis die Menschen dahin kommen, dass sie die Trauer als Teil der eigenen Erfahrungswelt integrieren und akzeptieren, so Racke.

Eine versöhnliche und positive Note

Spannend, bunt und praxistauglich wird es, als die beiden Referentinnen die Schatztruhe mit unterschiedlichen Ideen, Impulsen, Ritualen und Gegenständen öffnen, die auf die ein oder andere Art Trost spenden, die helfen, miese Gefühle rauszulassen und loszuwerden. Oft geht es darum, ein Abschiednehmen und Gehenlassen auf symbolische Art nachzuvollziehen, es greifbar zu machen und ihm damit eine versöhnliche und positive Note beizugeben – sei es das Papierboot, das gemeinsam gefaltet und fahren gelassen wird, oder ein mit Gas und guten Wünschen gefüllter Luftballon, der in den Himmel aufsteigen darf. Schön auch der magische "Mutstein" oder der "Sorgenfresser", der stark an einen aufgeschnittenen Tennisball erinnert, tatsächlich aber die auf Zettelchen notierten Sorgen verschlingt und verschwinden lässt, wie Ulrike Binder schmunzelnd versichert. Ähnlich bildhaft die "Deckel drauf und weg"-Vorstellung beim "Brülleimer", in den man seine miesen Gefühle – eben hineinbrüllen – kann.
Information

Tipps gibt das Bilderbuch "Leb wohl, kleiner Dachs" von Susan Varley und Ingrid Weixelbaumer, das auf kindgerechte Weise darstellt, wie die Tiere Schmerz und Trauer um den toten Dachs überwinden. Das Buch "Kindertrostrituale für kleine und große Abschiede" von Monika Bücken-Schaal beinhaltet Inspirationskarten für Kinder.